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„Vor dem vierten Lauf war es purer Genuss“

Silbermedaillen-Gewinnerin Anna Berreiter im Olympia-Bilanz-Interview auch nachdenklich

Zurecht immer noch überglücklich: Anna Berreiter mit ihrer Olympia-Silbermedaille aus Peking.
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Zurecht immer noch überglücklich: Anna Berreiter mit ihrer Olympia-Silbermedaille aus Peking.

Rennrodlerin Anna Berreiter war sowas von positiv: Dienstag (8. Februar) gegen 16 Uhr europäische Zeit; Um ihren Hals baumelte eine schwere Olympiamedaille. In Silber. Die Tränen der Rührung kullerten ihr über die Wangen. Sie war überglücklich, so viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf, jede Sekunde auf diesem Podest genoss sie in vollen Zügen.

Bischofswiesen – Das Selbstbewusstsein hat sich die Athletin vom Rodel-Club Berchtesgaden über die letzten drei Jahre seit ihrem ersten Weltcupstart im November 2019 in Innsbruck sukzessive erarbeitet – freilich vereint mit einem außergewöhnlichen Talent, Können und Fleiß. Der Lohn: Platz 2 beim für eine Rodlerin größten Sportereignis, alle vier Jahre.

Die „2“ ist ohnehin irgendwie Anna Berreiters Zahl: Am 2.2.2020 gewann sie in Oberhof zum ersten Mal ein Weltcup-Rennen, wenig später, am 29.2., holte sie daheim am Königssee den für die Vita aller heimischen Kufensportler so wichtigen Heimsieg und nun, im Alter von 22 Jahren den 2. Platz 2022 bei Olympia.

Wir haben Anna Berreiter mit ein wenig Abstand zu den Spielen getroffen, um mit ihr in Ruhe über die Spiele in China zu sprechen.

Anna, es war Ihr „erstes Mal“, bei Olympia. Wie ging es Ihnen vor dem vierten, dem alles entscheidenden Lauf? In dieser Bahn kann ja immer noch viel passieren, Sie hatten 0,469 Sekunden Vorsprung auf Rang 3.

Anna Berreiter: Ehrlich gesagt war ich vor dem ersten Lauf brutal nervös. Das legte sich nach dem ersten Tag, also den ersten beiden Durchgängen. Weil ich dachte: O.k., Anna, das ist einfach nur das, was du ständig machst. Letztlich hatte ich mir eine gute Ausgangsposition geschaffen. Vor dem vierten Lauf war es dann super entspannt und purer Genuss. Weil ich wusste, dass ich Silber wirklich schaffen kann. Ich war mir meiner Sache tatsächlich ziemlich sicher. Es war klar, dass ich die Bande nach der Kurve 13 bekomme, aber dass es einfach reichen muss.

Konnten Sie vor dem zweiten Renntag gut schlafen?

Berreiter: Es war keine Super-Nacht, aber es war so, dass ich sagen konnte, ausgeruht zu sein und mich gut zu fühlen.

Das Los des Menschen: Er muss immer denken. Was denkt „man“ während der Rennrodelfahrt bei über 120 km/h in der Bahn – gerade bei Olympia?

Berreiter: Recht viel und gar nichts (sie lacht). Das sind oft banale Dinge. Oder manchmal eine Kurve vorher, was ich jetzt machen muss. „Oh, Sch…“ denkt man natürlich auch mal, das sind Millisekunden. Aber das meiste ist automatisiert.

Dachten Sie in all dem Zieljubel und -trubel oder bei der Siegerehrung an Ihre Teamkollegin, aber natürlich auch Konkurrentin Julia Taubitz, immerhin aktuelle Gesamt-Weltcupsiegerin? Sie hätte ohne ihren Sturz im zweiten Lauf möglicherweise gewonnen.

Berreiter: Die Julia stand im Ziel, als ich dort ankam. Sie umarmte mich von Herzen und freute sich ehrlich mit mir. Das rechne ich ihr sehr hoch an. Meine Gedanken waren die ganze Zeit auch bei ihr. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es mir gegangen wäre, wäre mir das passiert. Wie sie die beiden Läufe nach ihrem Sturz noch durchgezogen hat, Hut ab.

Kamen Sie jetzt überhaupt schon ein wenig zur Ruhe oder ging es mehr oder weniger mit Terminen – beispielsweise beim Fernsehen – durch?

Berreiter: Es war viel los, das ist richtig, vor allem in der ersten Woche nach dem Rückflug. Für mich war das alles ungewohnt, ich hatte bislang ja noch nicht einen solchen Erfolg. Aber es war schön, diese Dinge nimmt man gerne mit. Dieses „im Mittelpunkt“ stehen ist schon etwas Besonderes, weil es aus einem schönen Anlass heraus passiert.

In St. Moritz nahmen Sie jüngst noch an einem Lehrgang inklusive Gedächtnisrennen für den verstorbenen Schweizer Funktionär Sepp Benz teil. Ist es mal recht angenehm, ohne großen Druck rodeln zu können – Sie haben das Rennen ja auch gewonnen?

Berreiter: Absolut, das war ein richtig schöner Saisonabschluss. Einfach „nur rodeln“, ohne sich großartig Gedanken machen zu müssen, dass es um irgendwelche Qualifikationen oder Platzierungen geht. Wir waren auch Skifahren, es war wirklich schön, in der Schweiz. Weil kein Druck mehr da war, und das spürte man in der ganzen Mannschaft – alle fuhren total befreit auf. Gleichwohl ist es grad nicht einfach, eine gute Zeit zu haben, wenn es anderen Menschen so schlecht geht.

Sie sprechen eine „Sache“ an, die wir uns alle wohl nicht mehr in Europa vorstellen konnten…

Berreiter: Es ist schwierig. Wir haben Sport-Kolleginnen und -Kollegen, teilweise sogar Freunde in der Ukraine. Ich habe mit einer Rodlerin von dort gechattet und ein schlechtes Gewissen, weil ich gerade beim Skifahren in St. Moritz bin. Ich war sehr froh, als ich erfuhr, dass es ihr gut geht.

Sie waren nun einige Wochen in China, einem Land, in dem ebenfalls Vieles nicht einfach ist. Nun der Krieg mitten in Europa. Können Sie das alles gut ausblenden?

Berreiter: Mehr oder weniger. Man fühlt sich von all den Nachrichten erschlagen. Zwei Wochen zuvor waren wir noch alle zusammen, beim größten Sportfest der Welt, haben uns alle prächtig verstanden. Unsere Kämpfe tragen wir in der Bahn aus, und daneben gibt es keine Kriege. Zu sehen, was jetzt dort passiert, nur 1000 Kilometer entfernt, ist schrecklich. Im Sport sind wir vereint. Natürlich waren die Russen schon immer in der Kritik, Thema Doping. Aber das sind alles Menschen, die im Grunde die gleichen Ziele verfolgen wie wir –erfolgreich sein. Jetzt schlagen sie sich gegenseitig die Köpfe ein, das ist unerträglich.

Und Corona ist plötzlich fast kein Thema mehr.

Berreiter: Wir haben uns alle einen Themenwechsel gewünscht. Aber natürlich keinen in der Form eines Krieges in Europa.

Kam zur (An)-Spannung des eigenen Rennens jene des Hinfieberns auf das jeweilige Corona-Test-Ergebnis?

Berreiter: Das Blöde an dieser Sache war, dass man nie Bescheid bekommen hat – außer, man wäre positiv gewesen. Die Frage war immer, wann kommt die Nachricht, sollte denn eine kommen. Das war tatsächlich eine immer ungute Situation, vor allem unberechenbar. Schließlich hat man es nicht mehr in der Hand, was mit dem Test passiert – darum schwang immer ein wenig ein fader Beigeschmack mit.

Ging es Ihnen in China gut, wie belastend waren die Verhältnisse?

Berreiter: Während der Zeit dort habe ich mich nicht schlecht gefühlt. Ich wollte mich von Anfang an voll und ganz auf meine Sache konzentrieren und bei mir bleiben. Einfach, um in meinem Bewerb bestmöglich abzuschneiden. Die Verhältnisse insgesamt waren aber um einiges angenehmer als im November. Der Veranstalter hat sich die Kritik zu Herzen genommen, vieles wurde zum Positiven verändert. Unser Glück war, ohne positiven Coronafall geblieben zu sein – das hätte freilich alles verändert. Die Volonteers waren sehr freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit, manche konnten sogar ein wenig deutsch.

Ihre Teamkollegen – Felix Loch, die Tobis Wendl/Arlt, Natalie Geisenberger – haben bereits bekannt gegeben, nicht mehr nach China zu reisen, sollte dort ein Weltcup-Rennen anberaumt werden. Im Herbst der Karriere, wenn man alles erlebt und gewonnen hat, ist das leichter zu sagen, als am Beginn der Laufbahn. Sie sind 22, wie denken sie darüber?

Berreiter: Grundsätzlich lehne ich es nicht ab, erneut nach China zu reisen. Nicht wegen des Landes, sondern weil ich die Bahn recht gern mag und mir das Rodeln dort irrsinnigen Spaß macht. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Ich lasse das auf mich zukommen und sage nicht von vornhinein, dass ich dort nicht mehr hin möchte.

Sie haben Ihre erste Saison ohne Heimbahn am Königssee hinter sich, trotzdem große Erfolge eingefahren. Für Sie ist der Zustand der Kunsteisban schon schlimm, für den Nachwuchs ist das noch schlimmer.

Berreiter: Wir sind viel unterwegs, oft gar nicht hier, das stimmt. Aber gerade die Zeit um Weihnachten und Neujahr, als hier unser Weltcup stattfand, war immer etwas ganz besonders. Wir hörten so oft von den anderen Nationen, dass hier der schönste Weltcup auf der schönsten Bahn stattfindet – mit immer fairen und absoluten Top-Bedingungen. Diese Bahn ist meine Heimat, hier bin ich aufgewachsen, habe alles gelernt. Wir Deutschen konnten vor allem hier gut und viel testen: Nach dem Training ab in die Werkstatt, etwas am Schlitten ändern, gleich nochmal fahren. Das fehlt uns brutal, diese einfachen Abläufe direkt vor der Haustür. Nach Oberhof habe ich erstmal eine viereinhalbstündige Anreise. Die Kinder leiden extrem darunter: Wie soll man sie bei diesem Sport halten, ohne Bahn? Ich habe höchsten Respekt vor den Trainern, den Eltern und vor allem den Kindern, wie sie diesen Winter trotzdem durchzogen. Das ist nicht selbstverständlich. Wir können alle vielleicht ein zwei Jahre überbrücken, aber irgendwann wird das nicht mehr funktionieren.

Sieben aktuelle Olympia-Medaillen wurden mehr oder weniger im Berchtesgadener Land „gemacht“, nimmt man Bobpilot Hansi Lochner dazu…

Berreiter: Das scheint aber bei manchen Gegnern der Bahn nicht zu zählen.

Welche Wünsche haben Sie für den Sommer?

Berreiter: Ich würde gern eine größere Reise machen. Wohin genau, lass ich mir noch offen. In den letzten Jahren musste ich von meinem Trainer Patric Leitner fast schon zum „Urlaub machen“ genötigt werden. Im April/Mai absolviere ich noch einen Bundeswehr-Lehrgang, dann schau ich weiter – und freue mich auf ganz viel Ruhe.

Hans-Joachim Bittner

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