„So ist das Leben“

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Kuscheln – das mag Gerhard noch immer. Sprechen ist kaum mehr möglich.

Bischofswiesen - Der Bischofswieser Gerhard Hochholzer ist schwerstdement. Unser Reporter besuchte ihn und seine Ehefrau Hertha in der Einrichtung der Insula.

Es geht ein paar Treppen hinab. Unten eine Tür. Sie trennt den hinter ihr liegenden Bereich von der Außenwelt. Hier unten, im offenen Lebensbereich der Schwerstdementen im Diakoniewerk Hohenbrunn in der Insula, tickt die Zeit anders als draußen. Bewohner, die hier unterkommen, können ihren Lebensalltag nicht mehr alleine meistern. Weil die Demenz meist so weit fortgeschritten ist, dass ein eigenständiges Leben in weite Ferne rückt. Auch Gerhard Hochholzer, einst erfolgreicher Geschäftsmann, ist hier zuhause. Selbst wenn er kaum mehr sprechen kann, sei er doch derselbe geblieben, sagt seine Ehefrau Hertha, die ihn Tag für Tag in der Insula besucht.

Hertha und Gerhard – seit 52 Jahren verheiratet.

Leise spielt die Musik im Hintergrund. Hier, im offenen Bereich, in dem alle Bewohner aufeinandertreffen, ist viel los. Als Besucher wird man freudig empfangen, eine Menschentraube folgt dem Reporter auf Schritt und Tritt. Bunte Farben dominieren das Bild. Grüne Wände, violette Wände, im Eingangsbereich steht ein bezeichnender Spruch an die Wand geschrieben. Jeder Besucher muss unweigerlich lesen, was jeden treffen kann: „Im Alter haben Erinnerungen denselben Stellenwert wie in der Jugend die Träume.“ Eine ältere Dame sitzt auf einer Bank. Sie begrüßt den Besucher herzlich. „Ich warte“, sagt sie. Auf was sie denn warte? Die Antwort bleibt aus. Roswitha Moderegger, die Leiterin der Demenzeinrichtung, sagt, dass das ganz normal sei. „Einer wartet auf den Bus, der andere geht seiner Arbeit nach.“ Gemein haben sie alle, dass die Demenz weit gereift ist, einen klaren Verstand unmöglich erscheinen lässt. Während die einen beim Essen gefüttert werden, ist eine Bewohnerin dabei, den Boden zu wischen. „Sie kann keinen Dreck und keine Unordnung sehen.“ Ohne Wasser und Lappen, nur mit der Hand widmet sie sich dem Fußboden. Das geht oft den ganzen Tag so. „Sie war Haushaltshilfe, hat früher viel geputzt. Das sind Handlungsmuster aus früheren Jahren – und diese bestimmen nun ihr Leben“, sagt Moderegger. Dennoch: Es ist wichtig, dass die Bewohner das, was sie gewohnt sind, machen dürfen. „Demenzkranke brauchen eine Struktur“, sagt die Leiterin. Wenn man ihnen die Struktur nimmt, verlieren sie ihren Halt. Halt geben sich die Bewohner aber auch gegenseitig. Dass sie zusammen in einer homogenen Gruppe leben, sei besonders wichtig: eine gute Gemeinschaft, eine gewohnte Umgebung. Veränderungen sind Gift für die Bewohner der Schwerstdementen-Einrichtung.

„Meinen Mann brauche ich nicht mehr mit nach Hause zu nehmen“, sagt Hertha Hochholzer. „Dort fühlt er sich nicht mehr zuhause.“ Seine Heimat sei nun die Insula, dort, wo er Tag für Tag aufwacht, wo er isst, wo er seiner eigenen Sprache nachgeht. Diese ist nicht immer ganz leicht zu verstehen. Wortfetzen, verschwurbelte Buchstaben-Konstrukte, das Gehirn mag nicht mehr so, wie es im gesunden Zustand sollte. Gerhard Hochholzer wird

In Bischofswiesen befindet sich die Einrichtung für Schwerstdemente – das Diakoniewerk Hohenbrunn in der Insula.

74 Jahre alt. Junggeblieben schaut er aus, vor 15 Jahren wurde die Diagnose gestellt, dass er Demenz hat. Da war er keine 60 Jahre alt. Die meisten, denen die Diagnose gestellt wird, sind älter. Der Verfallsprozess geht langsam voran, den Alltag zu meistern, wird immer schwieriger. „Irgendwann hatte ich gemerkt, dass das Autofahren nicht mehr so klappt“, sagt Hertha Hochholzer über ihren Mann. Gerhard sitzt neben ihr, er wirkt abwesend, starrt geradeaus. Spricht man ihn an, scheint es, als käme er kurzzeitig in der Gegenwart an, ein Lächeln, ein paar Worte, meist unverständlich. Mit seiner Frau kuscheln, ja, das sei auch heute, nach 52 Ehejahren, noch möglich. Jeden Tag besucht Hertha ihren Mann, der, wie jeder andere Bewohner, ein eigenes kleines Appartement hat. Dann essen sie gemeinsam, sie hilft ihm im Alltag. Zusammen gehen sie spazieren im Garten, im offenen Bereich laden viele Nischen zum gemütlichen Sitzen ein. Wohnzimmer, Rosenecke, ein kleiner Bibliotheksbereich – sehr heimelig wirkt es hier in der Insula, die Patienten müssen sich wohlfühlen. So wie etwa Günther, 90 Jahre alt, ein begeisterter Zeitungsleser. Günther ist noch gut auf den Beinen, nur die Vergesslichkeit ist so eine Sache. Roswitha Moderegger, die Bereichsleiterin, schmeichelt dem älteren Herren: An der Wand hängt ein Foto aus seiner besten Zeit. „Sie waren aber ein fescher Mann“, sagt Moderegger. Günther lächelt, ein bisschen ist er nun peinlich berührt, aber er freut sich, während er in der Zeitung weiterliest.

Hertha Hochholzer füttert ihren Mann Gerhard Tag für Tag.

Hertha und Gerhard haben es sich inzwischen auf einem Sofa gemütlich gemacht. Das Sofa steht im Speisesaal. Hier sind alle Bewohner vereint. Gespräche finden kaum statt. Viele der Anwesenden können nicht mehr sprechen, dafür viel lachen. So auch Gerhard, der einst 400 Leute unter sich hatte. Dann kam die Vergesslichkeit, die Orientierung wurde immer schlechter, Gerhard habe wohl innere Ängste gehabt, da ihm klar schien, dass etwas nicht stimmte. „Wenn ich ihn darauf angesprochen habe, wurde er häufig böse“, erinnert sich die Ehefrau zurück. 23 Jahre haben die beiden gemeinsam im Hochschwarzwald gelebt, sind später für sechs Jahre nach Portugal gezogen. „Er wollte ins Warme“. Dort hatte die Familie keine sozialen Kontakte. Gerhard verbrachte seine Zeit im gewohnten Umfeld, zuhause, dort, wo er sich auskannte. Dann der Umzug nach Bischofswiesen, wo die Wurzeln liegen. „Mausi“ nennt Gerhard seine Frau häufiger. „Ich bin ein gewohnter Mensch für ihn“, sagt sie. Dass er sie als Ehefrau wahrnimmt, nein, das sei wohl nicht mehr so. Dazu sei das Krankheitsbild schon zu weit fortgeschritten. „Das Schubladen-Denken im Gehirn funktioniert nicht mehr“, sagt Roswitha Moderegger. Und trotzdem möchte Gerhards Frau, die ihn über ein halbes Jahrhundert begleitet hat, jederzeit für ihren Mann da sein. Trotz der deutlichen Stimmungsschwankungen, des fehlenden Realitätsbewusstseins, der gelegentlichen Kraftausdrücke. „Die beherrscht mein Mann noch perfekt“, lacht Frau Hochholzer. Jeden Tag gibt sie ihm ein „Gute-Nacht-Schmatzerl“, das möge er. Dass er weiter körperlich abbauen werde, sei ihr klar. „Zuerst hat er das Sprechen verlernt, langsam wird er inkontinent“, weiß Hertha. Und später werde auch Gerhards Gehfähigkeit nachlassen. Bei vielen der Bewohner ist dieser Fall bereits eingetreten. Trotzdem ist es der Bereichsleiterin wichtig, dass die Bewohner keine Pflegefälle werden, die nur noch auf dem Zimmer sind. „Bei uns bleibt keiner im Zimmer“, sagt Moderegger, eine resolute Frau mit klarer Meinung. Hertha Moderegger hatte sich ihren Lebensabend anders vorgestellt, erzählt sie. „Ich wünschte mir, dass das Alter schön verläuft.“ Gerne würde sie noch tanzen gehen, vielleicht wird sie sich ihren Traum erfüllen. Für ihren Mann Gerhard wird sie weiterhin da sein, „wir haben unser ganzes Leben miteinander verbracht“, sagt sie. Dann sorgt sie sich

wieder voll und ganz um den 73-Jährigen. Sie füttert ihn, Gerhard bleibt still, er isst.

Dann der Abschied aus einer Einrichtung, die Mut macht. Wie schon bei der Begrüßung haben sich viele der im offenen Bereich Lebenden um den Besucher versammelt. Sie beobachten ihn, möchten ihm etwas mitteilen. Viele der Worte gehen verloren, werden verschluckt, Sätze nicht beendet. Aber das Lachen, der Gesichtsausdruck, das freundliche Wesen ist in jeder Person erhalten geblieben. Auch ohne Sprache. Der Abschied fällt schwer. „So ist das Leben“, sagt einer. Dann lacht er. Ein kalter Schauer gleitet dem Zuhörer über den Rücken. Dann geht die Tür auf, die Treppen geht es hoch, hinaus. Draußen zwitschern die Vögel.

kp

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