Bildung als zentrales Instrument

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Gespannt lauschten die Anwesenden vor allem den Einwürfen aus den Zuhörerreihen.

Berchtesgaden - "Wissen ist heute die wichtigste Ressource in unserem rohstoffarmen Land. Wissen können wir aber nur durch Bildung erschließen", sagte bereits einst Roman Herzog.

Genau diesen Aspekt wollten Verantwortliche der lokalen Politik, heimischer Unternehmen und Schulen am Donnerstagnachmittag im Intercontinental Berchtesgaden Resort diskutieren. Auf dem Podium saßen der designierte musikalische Leiter der Bad Reichenhaller Philharmonie, Christoph Adt, Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle und der designierte Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, Siegfried Schneider.

Bereits bei den einleitenden Statments der drei wurde die Komplexität des Themas "Was ist Bildung? Welche Bildung brauchen/wollen wir?" deutlich. Während Adt gleich zu Beginn die Familie ins Gespräch brachte, die nicht mehr - wie noch vor Jahrzehnten - den Heranwachsenden die nötige Festigkeit biete, schickte Spaenle die Medien jeglicher Art in den Raum, die dem Nachwuchs nachhaltig beeinflußen würden. Schneider dagegen stellte klar, dass sich Pädagogen seit Ewigkeiten mit dem Bildungsbegriff auseinandersetzen würden. "Es ist aber nicht nur ein Thema der Einrichtungen sondern auch von uns", holte er Familien, Schulen und Unternehmen mit ins Boot. Alle müssten dazu beitragen, dass mit dem Internet verantwortungsvoll umgegangen werde.

"Was ist Allgemeinbildung?" fragte Siegfried Schneider (r.) auch seine Kollegen auf dem Podium (v.l.: Christoph Adt, Ludwig Spaenle, Roland Richter).

Während die Diskussion zu Beginn also auf sehr hohem Niveau geführt wurde und sich hauptsächlich mit der Frage 'Was unterscheidet Wissen von Bildung?' beschäftigte, wurde deutlich, dass es dazu Meinungen, aber kaum Antworten gibt. Vor allem die im Internet kursierenden 'Halbwahrheiten' bereiten den Anwesenden Sorge. Thomas Birner von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berchtesgadener Land warnte jedoch: "Ich wehre mich dagegen, dass nur im Internet Fehlinformationen verbreitet werden, auch in Büchern steht nicht immer die Wahrheit. Im Grunde müssen wir alles hinterfragen, was wir lesen."

Mit dieser Wortmeldung begann die Diskussion zu kippen. Siegfried Schneider gab Birner Recht und stellte gleichzeitig die Frage in den Raum: "Was ist Allgemeinbildung? Für meinen Bruder als Zimmerer gehört beispielsweise Statik dazu. Damit kann ich überhaupt nichts anfangen." Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp antwortete darauf: "Ganzheitliche Bildung ist immer subjektiv. Ich kenne Leute, die nicht so intelligent sind, wie sie hier im Raum, aber sie helfen ihren Nachbarn, betreuen Kinder in Vereinen und vermitteln so Werte. Sie alle sind genauso gebildet, da sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten entfalten können."

Dafür bräuchten sie nur eine Basis an Fachwissen, egal ob sie die Mittelschule, Realschule oder das Gymnasium besuchen würden. Genau das müsse vermittelt werden, forderte Rasp. "Für jeden müssen individuelle Entwicklungsmöglichkeiten gesehen werden, in dener er sich frei entfalten kann." Auf diese Wortmeldung hin, richtete sich die Diskussion komplett auf die Bildungspolitik und die Frage aus 'Welche Bildung brauchen/wollen wir?'.

"Bildung ist ein lebenslanger Prozess", ist sich Ludwig Spaenle sicher.

Wiederum war es Schneider, der zugab, dass es wichtig sei, alle unterschiedlichen Talente zu fördern. Denn wenn alle gleich seien, gebe es wieder welche die gleicher seien. Josef Ametsbichler von der Mittelschule Bischofswiesen brachte seine Meinung auf den Punkt: "Die Grundschulbildung ist die wichtigste Phase, genau dort müssen wir ansetzen." Alle würden den Übertritt anstreben und dabei die Möglichkeiten, die die Mittelschule und ein handwerklicher Beruf mit sich bringen, außer Acht lassen.

"Der Fachkräftemangel kommt nicht von ungefähr", ist sich auch Uta Ametsbichler von der Mittelschule Freilassing sicher. Betriebe würden erst schauen, ob sie einen Auszubildenden von Realschule oder Gymnasium bekommen könnten, bevor sie einen Mittelschüler einstellen. Deshalb mache sie sich für Einstellungstest stark. Genauso gewinnt Heinz Quittenbaum von der Quittenbaum GmbH in Schönau am Königssee seit 20 Jahren seine Mitarbeiter. "Dabei geht es auch um Intelligenz. Oft schneiden dabei gerade die Mittelschüler gut ab." Und letztendlich hätten gerade sie die Chance, beruflich Karriere zu machen. "Ich kenne Ärzte, die verdienen weniger als meine Fachkräfte", so der Unternehmer, der abschließend eine entscheidenden Punkt in den Raum warf: "Bildung läuft für uns Unternehmer immer in die falsche Richtung."

Der heimische CSU-Landtagsabgeordnete Roland Richter versprach, dass genau dort der 5. Bildungsgipfel ansetzen werde. Ein Vorschlag den Christoph Adt begrüßte: "Als Elternbeirat habe ich festgestellt, dass mittlerweile in den Schulen Aufgaben übernommen werden, die eigentlich in den Familien angesiedelt sein sollen, dafür die Familien Bildungsaufgaben der Schulen übernehmen müssen." Schneider ergänzte die Frage: "Wo sind die Bildungsorte?" "Jungen Menschen muss das Rüstzeug für ihr Leben mitgegeben werden", brachte es Spaenle auf den Punkt. "Bildung ist aber ein lebenslanger Prozess, der auch im Alter nicht aufhört."

Christoph Adt brach eine Lanze für die Familie, die in die Bildungsarbeit integriert werden müsse, nicht aber Aufgaben von Schulen übernehmen sollte.

Was also früher Eltern, Familien und Vereine den Kindern mitgegeben haben, übernimmt heute hauptsächlich das Internet. Und die Schulen sollen einspringen kritisierte Uta Ametsbichler am Ende der Diskussion. "Für das was wir zu leisten haben, haben wir zu wenig Stunden." Brigitte Ritter von der Mittelschule Berchtesgaden geht noch weiter: "Ich bin enttäuscht, dass die Diskussion genau da abgebrochen worden ist, als es darum ging, dass die Ausbildung am Bedarf vorbeigeht. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Austausch zu konkreten Zielen führt."

Genau deshalb wolle er den Bildungspreis Berchtesgadener Land ausloben, schloß der Initiator des Bildungsgipfels, Roland Richter. Er soll noch in diesem Jahr das erste Mal verliehen werden. "Bewerben können sich alle Personen oder Einrichtungen, die innovative Konzepte zur Bildungsarbeit aller Altersstufen entwickeln." Vorausetzung ist, dass keine bestehenden Projekte kopiert werden. Die Konzepte müssen für die aversierte Alters-/ Interessensgruppe einen umfassenden Bildungsansatz aufweisen, der über die reine Wissensvermittlung hinausgeht, hierbei insbesondere die Aspekte Persönlichkeitsbildung, Ausbildung sozialer Kompetenz, Netzwerke und Schlüsselqualifikationen im Bereich sogenannter 'Soft Skills' von Zielgruppen überschreitender Relevanz berücksichtigen. Der Preis ist mit insgesamt 1000 Euro dotiert.

Christine Zigon

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