Schlussakkord für Frosch und Kröte?

+

Berchtesgaden/Oberau - Ein Laichbiotop für Amphibien nahe der Oberau wird immer wieder mit Müll verstopft. Gerade den Landwirten ist das Biotop ein Dorn im Auge.

Gerhard Huck hat seine Amphibienhilfe eingestellt. 30 Jahre lang hat er Frösche und Kröten gesammelt, tausende sind es bis jetzt. Doch damit ist jetzt Schluss. Weil der Zufluss des Amphibienlaichgewässers in einem ehemaligen Erdklärbecken in Richtung Oberau über die Jahre immer wieder verstopft werde. „Plastiktüten, Kabelbinder, altes Heu“ – so manchen Müll fand der leidenschaftliche Amphibienretter dort schon, der hier seine Kröten und Frösche zum Ablaichen hinbrachte. Dass die Sache Brisanz hat, bestätigt der Berchtesgadener Marktbaumeister Helmut Grassl: „Wir befinden uns gerade in Verhandlung mit der Unteren Naturschutzbehörde, wie es dort weitergehen soll.“

Frösche und Kröten brauchen Menschen, die sie sammeln. Gerhard Huck war ein solcher Sammler, Dieter Barth aus Marktschellenberg ist es noch immer – seit inzwischen 20 Jahren. Fehlen ehrenamtliche Sammler, wird ein Großteil der Tiere totgefahren. Gerhard Huck hat unzählige Bilder von den toten Tieren, die sich – wenn es so weit ist – auf den Weg zum Ablaichen machen. Dann strömen an entsprechenden Tagen unzählige der gern gesehenen Tiere in Richtung Laichgewässer. Allerdings wird der Weg von künstlich geschaffenen Straßen blockiert. Die Fahrzeuge werden den meisten der Tiere dann zum Verhängnis. Deshalb ist die Arbeit der ehrenamtlich tätigen Sammler so wichtig. Belohnt wird sie meist aber nicht. Im Gegenteil. Marktbaumeister Grassl: „Es gibt einige Landwirte im Umfeld des Laichgewässers, die die Frösche und Kröten nicht gerne sehen“, sagt er. Denn angeblich würden diese in so rauen Mengen existieren, dass sie mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. „Es werden zu viele Frösche gesammelt und ins Gewässer getragen“, meint Grassl. Die Wiesen rund um das Laichgewässer seien überbevölkert mit den Amphibien – und würden das Heu, das wiederum Futtermittel sei, verunreinigen – tot und lebendig. Deshalb gebe es unter den Landwirten Frosch-Gegner.

Laichbiotop für Amphibien ist ein Dorn im Auge

Ob der Markt Berchtesgaden den Zufluss für das Laichgewässer bewusst behindert habe? „Nein“, entgegnet Grassl. Durch natürliche Prozesse sei das geschehen, „der Zulauf verlegt sich“, sagt er. Plastiktüten, Kabelbinder – der Urheber bleibt unbekannt. Wollte man den Zulauf dauerhaft garantieren, müsste eine neue Leitung gelegt werden. Mehr wolle und könne Grassl über den Sachverhalt momentan aber nicht sagen. Denn seinen Aussagen nach hätten derzeit Verhandlungen mit der Unteren Naturschutzbehörde Priorität und stünden ganz oben auf der Tagesordnung. „Ich habe hier alles auf dem Schreibtisch liegen.“ Nächste Woche schon werde sich zeigen, wie es weitergehen wird.

Mit diesen Problemen muss sich Dieter Barth aus Marktschellenberg nicht herumschlagen. Er ist Frosch- und Krötensammler aus Leidenschaft – und sein Gewässer, in das er jeden April Kröten und Frösche trägt, ist sicher vor eventuellen Begehren umliegender Landwirte. Dieter

Barth sammelt, weil er den Anblick nicht mehr ertragen konnte: „Überall waren totgefahrene Frösche, eine vollgepflasterte Straße“, erinnert er sich. „Ich konnte nicht mehr zusehen, wie die Tiere zusammengefahren werden“, sagt er. Deshalb entschloss er sich, selbst zu sammeln – zusammen mit seinen Kindern, die zwischenzeitlich erwachsen sind. Barth sammelt immer noch, Jahr für Jahr, Nachbarskinder helfen ihm. Zwei Wochen lang hat er viel zu tun, fünf bis sechs Mal pro Tag muss er jenen Brennpunktort ablaufen, der von Kröten und Fröschen bevölkert wird: „Großer Dank gilt der Gemeinde Marktschellenberg, die immer, wenn ich rufe, einen Krötenzaun errichtet.“ Auf 200 Metern etwa. Zu tun hat Barth dann eine ganze Menge, sammelt, zählt, führt die Statistik für das Landratsamt Berchtesgadener Land. Im vergangenen Jahr hat Barth 3875 Kröten gesammelt, 119 Frösche, einen Salamander sowie acht Bergmolche – ein erfolgreiches Jahr. „Die Erdkröten überwiegen“, sagt er.

Bei den Fröschen verzeichnet er einen Rückgang. Warum das so sei, wisse er nicht. Natürlich könne er sich etwas Besseres vorstellen, als wochenlang auf Amphibiensuche zu gehen – „früher sind wir während der Osterferien nicht in den Urlaub gefahren, weil wir nicht wussten, wer ansonsten die Kröten sammelt“, erzählt er. Diese Bürde ist ihm geblieben – aber er tut es gerne. Und hat in dieser Zeit schon so manche herzerwärmende Geschichte miterlebt. Etwa ein Ehepaar, das in Marktschellenberg Urlaub machte, bewusst während der Krötenzeit – um beim Sammeln helfen zu können. „Das war ein sehr freudiges Erlebnis“, gibt Dieter Barth zu. Den Kröten war damit geholfen.

Indes hofft Gerhard Huck, der selbst drei Jahrzehnte sammelte, darauf, dass sich beim Amphibienlaichgewässer endlich etwas tut. Eine Lösung zugunsten der Tiere. Je schneller, desto besser.

kp

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser