Verlorene Identität

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Zwei Staatsbürgerschaften hat Senem: die deutsche und die türkische.

Berchtesgaden - Keine Chance auf Ausreise: Senem aus Berchtesgaden hatte ihren Ausweis verloren und konnte fünf Wochen lang die Türkei nicht verlassen.

Eigentlich wollte die Deutsch-Türkin Senem nur eine Woche bei ihrer Familie in der Türkei Urlaub machen. Es kam dann aber alles ganz anders als ursprünglich geplant: Ihre Tasche samt Ausweispapieren ging in der Türkei verloren. Ausweisen konnte sich die 20-Jährige nun nicht mehr. Ausreisen aber auch nicht.

Auch Fingerabdrücke musste die 20-Jährige abgeben. Und eine beträchtliche Summe für den verloren gegangenen Ausweis zahlen.

Sieben Tage fern von Berchtesgaden, dort, wo sie lebt und aufgewachsen ist: Senem, zweisprachig aufgewachsen, besucht regelmäßig Tanten und Großeltern in Bursa, 1,9 Millionen Einwohner, mitten gelegen an der Küste des Marmarameeres. „Einfach ein paar Tage Urlaub“, erinnert sich die junge Frau zurück, die in Berchtesgaden seit fünf Jahren als Bäckereifachangestellte arbeitet. Dort hat sie gelernt, dort arbeitet sie. Im März war es dann soweit, der Flug in die Türkei stand an, alles schön. Familiäre Kontakte pflegen, abschalten vom Arbeitsalltag. Angekommen in der Türkei war noch alles in bester Ordnung. Bis sie ihre Tasche verlor, „vielleicht wurde sie mir auch gestohlen“, erinnert sie sich. So genau weiß sie das aber nicht mehr. Auf jeden Fall war die Tasche weg, der Ausweis ebenso. Senem hatte keine Identität mehr. Zumindest keine, die sie vorzeigen konnte. „Das war schon komisch“, sagt sie. Denn ohne Pass gibt es keine Chance, die Türkei wieder zu verlassen. Aber sieben Tage Urlaub sind schnell vorbei, die Zeit drängte also.

Senems Visum: Damit durfte sie in ihre Heimat, nach Deutschland, einreisen.

„Das hat alles viel Geld gekostet“, sagt Senem. Sie muss es wissen: Bei jedem Besuch des deutschen Generalkonsulats musste sie 30 Euro zahlen. „Ich brauchte jedes Mal eine PIN-Nummer. Die hat immer Geld gekostet.“ Problem bei der Sache: Das Konsulat in Istanbul war über 200 Kilometer, drei Stunden Fahrt, von Bursa entfernt. 400 Kilometer für einen einzigen Besuch. Fünf Mal war Senem in der Vertretung, hat vorgesprochen, Druck gemacht, Fingerabdrücke gegeben. „Ich wollte doch nur ein Visum haben, um wieder in Deutschland einreisen zu können“, erzählt sie. 400 Euro musste sie zusätzlich zahlen, weil sie ihren Ausweis verloren hatte. Die Lage schien ein wenig aussichtslos, die Tage vergingen. Auch das Landratsamt Berchtesgadener Land war zwischenzeitlich eingeschaltet. „Aus Deutschland haben sie sich super um mich gekümmert“, sagt Senem. Von Bad Reichenhall aus wurden dann die benötigten Papiere in die Türkei gefaxt. Senem hatte sich zwischenzeitlich schon wieder ganz gut in der Türkei eingelebt. Ihr Urlaub war aber schon vorbei. Die Arbeit in Deutschland als Bäckereifachangestellte wartete, ihr Chef ebenso. Irgendwann hat es dann doch noch mit der Ausreise geklappt. Das Visum wurde ihr ausgestellt: 90 Tage gültig in Deutschland. In dieser Zeit muss sie wieder einen neuen Pass beantragen. Aus einer Woche Urlaub waren fünf Wochen geworden. Und ein Aufenthalt, der unerwartet teuer geworden war. Wegen eines verloren gegangenen Ausweises. Ob sie wieder in die Türkei fahren werde: „Natürlich“ sagt sie und lacht. „Das ist meine zweite Heimat.“

kp

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