40 Jahre Gebietsreform - eine kleine Bilanz

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Experte in Sachen Landkreis-Geschichte: Jurist Roland Beier aus Berchtesgaden.

Berchtesgaden - Roland Beier, lange Jahre im Landratsamt beschäftigt, blickt nach 40 Jahren auf die Gebietsreform zurück. Verlierer war für ihn die Stadt Laufen.

Roland Beier ist bestens informiert. Was auch daran liegen dürfte, dass er die Zeit der Gebietsreform am eigenen Leib miterlebt hat. 40 Jahre liegt das nun zurück, dass aus den Landkreisen Laufen, Berchtesgaden und der kreisfreien Stadt Reichenhall eins wurde: der Landkreis Berchtesgadener Land. Die damaligen Zeiten verliefen hochemotional, es wurde debattiert und gestritten. Es gab Gewinner. Verlierer gab es ebenso: die Stadt und die Bürger Laufens.

Roland Beier arbeitet 40 Jahre Geschichte auf. Regionalgeschichte. Das Kreisgebiet war damals auf drei Körperschaften aufgeteilt: den Landkreis Laufen, den Landkreis Berchtesgaden und die kreisfreie Stadt Bad Reichenhall. Drei Gebiete, die sich grundlegend voneinander unterscheiden, sagt Beier. Beier selbst ist Jurist. Er war beim Landratsamt so lang wie kaum ein anderer beschäftigt. Tage und Wochen hat er sich durch Protokollbücher gewälzt, hat Diskussionen, die er damals live miterlebte, ein weiteres Mal wegen Recherchezwecken verfolgt. „Die damaligen Landkreise waren nicht mehr zukunftsorientiert“, sagt der Gebietsreform-Experte. Eine Neuordnung war unerlässlich. Zu klein, zu finanzschwach waren die einzelnen Körperschaften. Überlegungen wurden angestoßen, wie es weitergehen, wie die Landkreise wieder erfolgversprechender arbeiten könnten.

Mehr Einwohner, mehr Finanzkraft – das konnte allerdings nur durch eine Neuordnung erreicht werden, die gezwungenermaßen auch Opfer nach sich ziehen würde. „Wenn man etwas ändert, was seit den 1860er Jahren besteht“, so Beier, „ist das zwangsweise mit Schwierigkeiten verbunden“. Ein „Reizthema mit großen Widerständen“, sagt er heute. Was folgte, war eine Zerschlagung mit anschließender Neuaufteilung.

In Bad Reichenhall befürchtete man, dass der Ort zu einer „Alten- und Pflegestadt“ werde, man wollte dort in jedem Fall „Große Kreisstadt“ werden. Berchtesgaden wollte sich hingegen um Laufen vergrößern. In Laufen selbst wünschte man sich, dass der Landkreis ungeteilt bleibt. Ein schwer verdaubarer Kompromiss wäre noch gewesen, sich zur Gänze dem Landkreis Traunstein anzuschließen. Laufen war es schließlich, das als Verlierer aus der Gebietsreform ging, so Beier. „Sie wurden vor den Kopf gestoßen“.

Unterschriftenaktionen und Bürgerinitiativen begleiteten die Entwicklungen Anfang der 70er Jahre. „Landrat Hubert Kreuzpointer stieg aus seiner eigenen Partei aus und kandidierte für die Heimatliste“, erinnert sich Beier. Der Grund: Die CSU hatte der Gebietsreform zugestimmt. Der nördliche Teil von Laufen wurde später den Landkreisen Altötting und Traunstein zugeordnet, der Süden gehörte von nun dem Berchtesgadener Land an. Laufen war der einzige Landkreis, der dreigeteilt wurde. 143 ehemalige Landkreise in ganz Bayern waren auf 71 zusammengeschrumpft.

Vor der Gebietsreform zeigt sich die Karte entsprechend des Bildes: Landkreis Berchtesgaden: rot; Bad Reichenhall: gelb.

Nicht nur um die Benennung der neuen Landkreise wurde im Folgenden gerungen, auch die Standorte der neuen Landratsämter mussten festgelegt werden. Klar war, dass Berchtesgaden und Laufen an der Peripherie liegen. „Eine zentralere Lösung musste her“, erinnert sich Roland Beier. Freilassing hätte das Landratsamt damals gerne für sich beansprucht, es hatte sich im Kreistag sogar eine Mehrheit für den Freilassing-Standort gefunden. Von Seiten der Staatsregierung entschied man sich dann aber für Bad Reichenhall mit der größtmöglichen Zentralität. Doch musste der künftige Landrat zunächst viele Autofahrten auf sich nehmen, von Laufen, über Bad Reichenhall nach Berchtesgaden fahren.

Das Landratsamt in Reichenhall konnte erst 1980 bezogen werden. Kurios war die Sache mit den Autoschildern. Berchtesgaden hatte bis 1973 das Autokennzeichen BGD. Die Diskussionen um die Schilder seien heftig gewesen (REI = Waschmittel; BGD = Berchtesgadener Gebirgsdeppen). Die drei Zulassungsstellen blieben zunächst. „Der Bundesverkehrsminister wollte, dass das Autokennzeichen aus dem Namen des Kreissitzes ableitbar ist“, sagt Beier. Deshalb galt für die ganze Region zunächst REI, sechs Jahre lang. Ab 1979 änderte man dann für das Berchtesgadener Land das Kennzeichen in BGL ab. Die Reform sei ein „Erfolgsmodell“ gewesen, sagt der Jurist rückblickend. Anderenfalls könnte man sich die ganzen Schulen und Kliniken ja nicht leisten.

Ob sich die Geschichte ein weiteres Mal wiederholen könnte? Beier ist skeptisch. Zwar sei nach der Reform vor der Reform, doch sei es politisch nicht durchsetzbar. Warum auch: Formen der Zusammenarbeit – auch zwischen den Landkreisen - gibt es viele. Eine weitere Gebietsreform? Mittelfristig eher unwahrscheinlich. Anlässlich des 40. Jahrestags organisiert der Landkreis Berchtesgadener Land eine große Ausstellung. Am Samstag, 30. Juni, findet ein Tag der offenen Tür statt. Erneut wird dann die Geschichte des Landkreises aufgearbeitet.

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