"Hochwasserschutz beginnt in Berchtesgaden"

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Geplante Begradigung der Bischofswieser Ache im Bereich Färberwinkl – eine nach Ansicht der Naturschützer zweifelhafte Maßnahme. Der rote Pfeil markiert den geplanten Durchstich. Der Mäander würde verschwinden.

Berchtesgaden -  Der Bund Naturschutz hatte eingiges zu besprechen: Vom Klimaschutz bis hin zu den Auswirkungen der Hochwasserkatastrophe.

Eine umfangreiche Tagesordnung hatte die Ortsgruppe Berchtesgaden des BUND Naturschutz diesmal abzuarbeiten. Angefangen beim Rückblick der 100-Jahrfeier im Haus der Berge über die Hochwasserkatastrophe und ihre Ursachen, Baumfällungen am Rande der Altdeponie bei der Siedlung am Böcklweiher, den ungenehmigten Auffüllungen am Guggenbichl im Landschaftsschutzgebiet, dem Stand der Bauarbeiten am Jenner und den Autorennen am Roßfeld.

Das Haus der Berge mit seinem Umweltbildungszentrum findet große Unterstützung durch den Naturschutz. Die Stärkung der personellen Ausstattung des Nationalparks Berchtesgaden und des Haus der Berge ist weiterhin mit Nachdruck einzufordern, waren sich die Naturschützer einig. Schließlich habe der sehr große Besucherandrang bereits in der Startphase gezeigt, dass der Informationsbedarf von Einheimischen und Touristen enorm ist und nur mit einer wesentlich stärkeren Personaldecke den hohen Ansprüchen gerecht werden kann.

Die 100-Jahrfeier mit den zahlreich vorbeifahrenden Signalfahrzeugen wird wohl allen im Gedächtnis bleiben, bei so manchem verbunden mit der bangen Frage, wie komme ich wieder nach Hause. Landesvorsitzender Prof. Dr. Hubert Weiger war schon am Vortag angereist und zog den richtigen Schluss: „Der Hochwasserschutz von Passau beginnt hier in den Bergwäldern von Berchtesgaden.“ Dazu passen aktuelle Planungen des Wasserwirtschaftsamtes im Färberwinkel bei der Gmundbrücke gar nicht. Dort soll zum Hochwasserschutz und zur Hangbefestigung ein Durchstich mit neuem Flussbett durch den Auwald den Mäander in der Bischofswieser Ache ersetzen und den Fluss in diesem Abschnitt begradigen. Eine Planung, die nach Ansicht der Naturschützer unbedingt zu hinterfragen ist.

Knapp 3 Hektar Bergwaldrodung am Jenner im Zuge des aktuellen Ausbaus. Ungebremst kann das Wasser am Jenner jetzt ins Tal rauschen. „Hier beginnt das Hochwasser von Passau“, so Prof. Dr. Hubert Weiger, der Landesvorsitzende des Bund Naturschutz in Bayern.

Ebenso die Bergwald- und Schutzwaldrodung am Jenner. Zum Glück für die Schönauer gab es dort deutlich weniger Niederschläge als im Klausbachtal am Hintersee. Trotzdem kann man sich vor Ort einen guten Überblick verschaffen, wie bei Starkregen das Wasser eine gerodete Fläche hinunterrauscht, während der Bergwald in der Lage ist, das Nass zu binden. Diese Baumaßnahmen werden Touristen gewiß nicht davon überzeugen, dass Natur und Landschaft in unserer Region Priorität haben, wie es der bayerische Ministerpräsident bei der Eröffnung im Haus der Berge hervorhob. Es ist auch widersinnig, wenn jetzt angedacht wird, Landwirte zu enteignen, wenn man sich selbst nicht an eigene Beschlüsse wie den Bergwaldbeschluss des bayerischen Landtags hält, wonach es grundsätzlich keine Rodungen für Freizeiteinrichtungen mehr geben sollte.

Die Baumreihe am „Wassererfeld“ bei der Wohnsiedlung am Böcklweiher konnte vorerst erhalten bleiben. Unter der Wiese im Vordergrund liegt die Altdeponie, die zwischen 1945 und 1955 betrieben wurde. Derzeit läuft ein Sanierungsverfahren. Der Deponiekörper muss möglicherweise abgetragen werden. Für diesen Fall wäre die Baumreihe für die Anlieger ein besonders wichtiger Schutz vor Emissionen.

Wegen der geplanten Fällung einer Baumreihe am Rande einer bis 1955 betriebenen Altdeponie nahe der Wohnsiedlung Böcklweiher hatten besorgte Anwohner sich Ende Mai an die Ortsgruppe gewandt. Obwohl nach Bundesnaturschutzgesetz die Fällung von 1. März bis 30. September untersagt ist, sollten die Bäume an einem Samstag der Säge zum Opfer fallen. Durch engagierten Einsatz der Bürger und mit Unterstützung der örtlichen Polizei konnte die Fällung aufgehalten und von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt am darauf folgenden Montag untersagt werden. „Zu befürchten ist nur, dass die Bäume nun im Oktober fallen und bei der geplanten Sanierung der Altlastendeponie durch Ausräumen die Emissionen ungebremst auf unsere Wohnsiedlung treffen,“ stellte Anwohnerin Ulrike Müller fest.

Ein Dauerbrenner sind die ungenehmigten Auffüllungen im Landschaftsschutzgebiet „Aschau“ am Maximiliansreitweg in Bischofswiesen, die sich mindestens bis 2008 zurückverfolgen lassen. Mit Bescheid vom Juni 2012 hatte das Landratsamt (LRA) die illegalen Auffüllungen eingestellt. Das hinderte den Besitzer jedoch nicht, Straßenkehricht mit dem Fahrzeug, Aufschrift ‚eine saubere Sach’, dort abzukippen, wie mehrere Augenzeugen zufällig an einem späten Samstagnachmittag beobachten konnten. „Dieses Material gehört auf Sonderdeponien und hier wird es dreist ins Landschaftsschutzgebiet gekippt,“ bedauerten die Naturschützer einhellig. Durch Bescheid des LRA musste der Straßenkehricht zwar ordnungsgemäß entsorgt werden, aber inzwischen geht die Auffüllerei weiter, obwohl es dafür keine Genehmigung gibt. Wie aus Gesprächen zu erfahren war, können sich die Bürger nicht vorstellen, dass hier genehmigungsfrei im Landschaftsschutzgebiet an einem der meist begangenen Wanderwege einfach aufgefüllt und der Buchenwald beseitigt werden kann, für einen Gemischtlagerplatz im Außenbereich.

Abschließend wurde noch das Oldtimerrennen im September auf dem Roßfeld besprochen. „Offensichtlich werden die Alpen immer stärker als Kulisse für irgendwelche Events missbraucht, unabhängig davon ob der Klimawandel hier stärkere Auswirkungen als anderswo hat, weil es sich um ein besonders sensibles Ökosystem handelt“, sagte Ortsvorsitzender Paul Grafwallner. Der Vorschlag der Naturschützer und vom Lärm und Gestank betroffener Anwohner, man solle doch auf einer der speziell errichteten Rennstrecken fahren, die es auch bei Salzburg gibt, und dennoch an die Lebenshilfe spenden, fand wenig Widerhall bei den Organisatoren. Die Spenden fließen angeblich nur, wenn das Event vor der grandiosen Kulisse der Berchtesgadener Alpen auf dem Roßfeld stattfindet.

Pressemitteilung Bund Naturschutz in Bayern e.V.

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