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Electric Mountain Obersalzberg

Münchner Künstlerensemble macht Freiluft-Performance auf Hitlers Hausberg

Zehn Künstler haben eineinhalb Jahre lang an “Electric Mountain Obersalzberg” gearbeitet. Am 8. und 9. Oktober finden nun die Aufführungen dazu statt.
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Zehn Künstler haben eineinhalb Jahre lang an “Electric Mountain Obersalzberg” gearbeitet. Am 8. und 9. Oktober finden nun die Aufführungen dazu statt.

Eineinhalb Jahre dauerten die Vorbereitungen der Münchner Künstlertruppe, die am 8. und 9. Oktober den Obersalzberg “erobern” wird: Regisseurin Caroline Kapp und die Dramaturgin Manon Haase laden unter dem Motto “Institut für unangenehme Angelegenheiten” zu einer Beschäftigung mit Hitlers ehemaligem Hausberg ein.

Berchtesgaden - Beim für die Dokumentation Obersalzberg verantwortlichen Institut für Zeitgeschichte München-Berlin erwartet man das Theaterstück unter freiem Himmel „mit Spannung”.

Ein „szenischer Parcours” auf offener Bühne soll es werden. Die Bühne ist der Obersalzberg, mitten im ehemaligen „Führersperrgebiet”: „Electric Mountain Obersalzberg” - so hat die Künstlerformation das geförderte Projekt getauft. „Eine komplexe Schichtung und Überlagerung von deutschen Vergangenheiten und mitunter verstörender Gegenwart tritt hier zutage”, sagt Caroline Kapp: Eine Schaukel am Berggipfel, Reste von NS-Ruinen, eine idyllische Landschaft in sattem Grün, Grablichter mit Hakenkreuzen, ein Dokumentationszentrum, eine Blaskapelle, steinerne Eichenblätter, ein Hubschrauberlandeplatz, ein Fünf-Sterne-Superior-Hotelkomplex und ein Wildtiergehege.

All das findet sich am Obersalzberg und all diese Elemente sollen in der künstlerischen Performance irgendwie zum Tragen kommen. Geldgeber für das Projekt sind unter anderen das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, die Regierung von Oberbayern und das Netzwerk Freier Theater.

Auseinandersetzung mit NS-Dikatur

„Wir setzen uns mit dem Obersalzberg und der NS-Diktatur auseinander”, sagt Caroline Kapp im Vorfeld während eines Besuchs in Berchtesgaden. In den vergangenen eineinhalb Jahren waren sie und ihr Team alle drei Monate zu Gast. Sie inspizierten die Umgebung, führten Interviews mit Ortsansässigen, erkundeten Originalschauplätze, Hitlers Berghof unter anderen. Nicht alle Schauplätze sind in die Bildungsarbeit der am Obersalzberg verorteten Dokumentation eingebunden. „Mangelnder Wille oder Mut”, schiebt Kapp in Richtung des Bayerischen Finanzministeriums nach, das wiederum zuständig und Geldgeber für die Doku ist. „Wir haben im Vorfeld viele vorbereitende Maßnahmen unternommen”, sagt Caroline Kapp. 

Die 34-Jährige führt Regie beim ungewöhnlichen Freiluftspektakel, das rund um Hitlers ehemaligen Regierungssitz am Obersalzberg stattfinden soll. „Aus unseren Überlegungen ist das Vorhaben entstanden, eine Begehung des Umfelds zu machen.” Caroline Kapp bezeichnet das Unterfangen als „Theaterstück am Berg”, eine künstlerische Herangehensweise an den Nationalsozialismus, an Berchtesgaden als Täterort, an dem viele mörderische Entscheidungen getroffen wurden. „Durch den Täterort wurden Opferorte erzeugt”, sagt Caroline Kapp. Am Obersalzberg verfasste Hitler „Mein Kampf II”, beschloss den Angriff auf Polen und die T4-Aktion, einen systematischen Massenmord an mehr als 70000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen.

Das wollen die Künstler erreichen

Das „Führersperrgebiet“ diente Hitler zwischen 1928 und 1945 als zweiter Wohn- und Regierungssitz. Die zehn Künstler, darunter Musiker, Bühnenbildnerinnen und Dramaturgen, wollen sich und das Publikum fragen, welchen Umgang die NS-Geschichte heute einem Besucher des Obersalzbergs abverlangt „und was die Gesellschaft zur Gegenwartsbewältigung braucht”. Auch um zu verhindern, dass der Berg weiterhin als rechter Ort okkupiert werde, so Regisseurin Kapp.  

Die 34-Jährige hat eine Theaterregieausbildung an der Otto Falckenberg-Schule, der Fachakademie für darstellende Kunst der Landeshauptstadt München, absolviert. 

Was ist Obersalzberg?

Für die Künstler, die aus München, Hannover, Bremen, Dresden und Stuttgart stammen, ist der Obersalzberg zweierlei: Ein Erinnerungsort, der Ort eines Dokumentationszentrums, das über Funktion und Wirkweise des zweiten Regierungssitzes der Nationalsozialisten aufklärt - einerseits. Für die Theatergruppe werfen sich andererseits aber auch Fragen auf. Das hat nicht nur mit dem 20. April zu tun, Hitlers Geburtstag, an dem sich Jahr für Jahr spezielle Personen am Ort des Geschehens tummeln, Blumensträuße niederlegen und Kerzen entzünden. Ist der Obersalzberg also „Pilgerstätte für unaufgeklärten Sensationstourismus? Treffpunkt der neuen Rechten? Versammlungsort neovölkischer Gruppierungen?” Oder gar „Naherholungsort für bayerische Neofaschisten?”, fragen sich die Kunstschaffenden. Heutzutage sei der Obersalzberg unter anderem eine Pilgerstätte für solche, die den Ort glorifizieren - und zugleich ein Magnet für internationalen Massentourismus. 

„Auf dem Berg gibt es ein Problem, das den Ort übersteigt”, sagt Caroline Kapp. Das Künstlerensemble hat sich dazu entschlossen, dass man wieder anfangen solle, darüber nachzudenken, was am Obersalzberg zu tun sei: „Der Berg befindet sich also im Umbau”, sagt die Theaterregisseurin. 

Auch, wenn sie nicht allzu viel verraten möchte, was Besucher des Obersalzberg-Theaters erwartet, ist schon jetzt klar, dass es unangenehm werden könnte. „Wir wollen den Blick schärfen für den Komplex und den Zusammenhang.” 

Geplant ist also eine Theateraufführung im Führersperrbezirk an verschiedenen Orten. Es wird Hörstücke geben, deren Inhalt von der Entstehung der Alpen bis hin zur NS-Zeit reicht. Musik soll es geben, Gesang.

Termine

Teilnehmen darf an der kostenlosen Performance am Samstag und Sonntag, 8. und 9. Oktober, jeder. Interessierte können sich im Vorfeld anmelden, eine formlose Nachricht unter Angabe des Namens an die E-Mail-Adresse unpleasantaffairs@gmail.com genügt. Zudem wird es einen Reisebus aus München geben, der an beiden Tagen um 12.45 Uhr am Pathos-Theater, Dachauer Straße 110d, startet. Die Veranstaltung am Obersalzberg beginnt jeweils um 15.30 Uhr auf dem Parkplatz der Dokumentation Obersalzberg, Salzbergstraße 41 in Berchtesgaden. 

kp

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