Der Obersalzberg in mehreren Kapiteln

Neuer Leiter verrät erste Details über die neue Ausstellung der Doku Obersalzberg

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Der Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Dr. Sven Keller.

Berchtesgaden – Der Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Dr. Sven Keller, hat nun erstmals Einblicke in die inhaltliche Aufteilung der geplanten und derzeit im Bau befindlichen Ausstellung auf dem Obersalzberg gegeben. So soll diese aus fünf Kapiteln bestehen und im Wesentlichen Geschichten aus der Region erzählen – so etwa jene über die Schönauerin Dora Reiner oder die des jüdischen Sanitätsrats Gustav Ortenau, der in Reichenhall lebte. Aber auch der Ligeretalm wird Aufmerksamkeit geschenkt.

In der neuen Ausstellung wird es einen zentralen Bereich mit einem Hauptkapitel geben, um den sich der Ausstellungsraum mit weiteren vier Kapiteln herum anordnet. „Es soll nicht möglich sein, die übrigen Kapitel zu durchlaufen, ohne gleichzeitig die Tatorte wahrzunehmen“, sagt Sven Keller. Das Idyll sei auf dem Obersalzberg nicht ohne das Verbrechen zu haben. Dies stellten Sichtachsen sicher, außerdem die Möglichkeit, aus allen anderen Kapiteln Zugang zu den Tatorten im Zentrum, dem zentralen Bereich, zu haben.

In Kapitel eins geht es um den historischen Ort Obersalzberg, um die historische Topographie, also jenes Setting, in dem im Berghof Politik gemacht wurde. Auch die propagandistische Inszenierung soll Teil dessen sein. In Kapitel zwei steht die Gesellschaftsgeschichte im Mittelpunkt: Dort will das Institut für Zeitgeschichte die „Volksgemeinschaft“ als enge Verzahnung von Verheißungen für die Mehrheitsgesellschaft und Verfolgung derjenigen, die darin keinen Platz finden sollten, zeigen. Kapitel drei befasst sich mit dem Berghof als Ort der Außenpolitik und der Kriegsplanung. Kapitel vier stellt dem Täterort Obersalzberg die Tatorte gegenüber, an denen die Mordpolitk ausgeführt wurde. Kapitel fünf schließlich ist der Zeit nach Hitler gewidmet, also dem Kriegsende und der Geschichte des Obersalzbergs nach 1945. Dort soll sich auch ein Abschnitt zur Erinnerung der früheren Bewohner an den alten Obersalzberg befinden, sagt Sven Keller.

Dem Aufbau der Ausstellung entsprechen inhaltliche Linien, die von außen nach innen führen, etwa in Gestalt von Biographien. Eine dieser Biographien ist die von Dora Reiner, die seit 1920 im Hirschenlehen in Schönau am Königssee lebte. Die Geschichte Dora Reiners beginnt in der Ausstellung in Kapitel zwei, wo von ihrem Zuhause im Hirschenlehen berichtet wird, und von einem Bild, das in ihrem Zuhause hing, und das später als geraubte Kunst verzeichnet wurde.

Reiners Haus wurde „arisiert“, also enteignet, unter Beteiligung der NSDAP-Kreisleitung. Ein halbes Jahr später lud das Finanzamt Berchtesgaden in einer Annonce im „Berchtesgadener Anzeiger“ zur Versteigerung des Hausrats von Dora Reiner. Die Erzählung wird dann in Kapitel vier innerhalb der Ausstellung weitergeführt, wo einer der Tatorte Kaunas ist. So musste Dora Reiner im November 1941 erzwungenerweise ins Durchgangslager Milbertshofen nach München umsiedeln. Zwei Wochen später wurde sie mit dem ersten Deportationszug nach Kaunas verschleppt und von einem Einsatzkommando der SS und des SD erschossen, sagt Keller.

In Kapitel zwei geht es den Ausstellungsmachern darum, die Mechanismen der NS-Gesellschaft deutlich zu machen. Der Alltag der Mehrheit in der „Volksgemeinschaft“, die die Nationalsozialisten propagierten, veränderte sich scheinbar kaum. Dennoch wurde dieser Alltag zusehends vom Nationalsozialismus und seiner Ideologie durchdrungen. Den einen, den Deutschen, den sogenannten Ariern, versprach die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ Chancen, wirtschaftlichen Aufschwung und nationalen Wiederaufstieg. Für die anderen bedeutete die „Volksgemeinschaft“ Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung. „Eines der zentralen Ergebnisse der NS-Forschung der letzten zwei Jahrzehnte ist, dass die Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten ein gesellschaftliches Phänomen war, an dem nicht etwa nur die SS, sondern viele verschiedene Akteure beteiligt waren, sagt Keller, der sich seit Jahrzehnten mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Im Institut für Zeitgeschichte hofft man, „dass die Menschen anfangen, sich Fragen zu stellen, wenn sie unsere Ausstellung sehen werden.“


Die Verschränkung von Alltag und Ausgrenzung zeigen die Ausstellungsmacher anhand mehrerer Orte. Sie stehen in verschiedener Hinsicht für den sich verändernden Alltag der „Volksgemeinschaft“. Diese Orte werden mit den Biographien von Verfolgten verschränkt. Ein Beispiel dafür ist die Berghütte, in diesem konkreten Fall: die Ligeretalm. Sie liegt in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Führersperrgebiet. Dass der Nationalsozialismus auch auf den Berg getragen wurde, zeigt der Hüttenbucheintrag vom 5. Juni 1933: An diesem Tag wurde dort erstmals eine Hakenkreuzfahne gehisst. Gestiftet hatte die Fahne eine Gruppe von Nürnberger und Berchtesgadener Bergfreunden, die das Ereignis anschließend mit Parolen wie „Berg Heil – Sieg Heil“ feierten. „Auch das war eine Form der Verknüpfung von Ideologie und Berglandschaft, für die der Obersalzberg bekanntlich steht“, sagt Kurator Albert Feiber. Diese Verknüpfung sei nicht nur ein Phänomen der Propaganda und der Inszenierung des Führerkults am Obersalzberg gewesen. Es kam auch bei den „Volksgenossen“ an und wurde in die Tat umgesetzt. Auf diese Weise sei die Berghütte ganz praktisch zum Ort der „Volksgemeinschaft“ geworden.

Zur gleichen Zeit führten überall im Reich Vereine und Verbände sogenannte Arierparagraphen ein – in Anlehnung an entsprechende Regelungen im öffentlichen Dienst. Der Alpenverein war da keine Ausnahme. Unter der Überschrift „Führerprinzip und Arierparagraph im Alpenverein“ berichtete Anfang August 1933 etwa der „Berchtesgadener Anzeiger“ über die veränderten Statuten der hiesigen Sektion, die nunmehr Juden die Mitgliedschaft untersagte.

Betroffen von solchen Änderungen sei unter anderem Gustav Ortenau gewesen. Der jüdische Sanitätsrat und Veteran des Ersten Weltkriegs lebte mit seiner Frau Adele und zwei Kindern in Bad Reichenhall. Am 1. April 1933 litt er unter der antisemitischen Boykottaktion, die Hitler Tage zuvor am Obersalzberg beschlossen hatte, so Keller. Zu den vielen Demütigungen des Jahres 1933, die Gustav Ortenau erleiden musste, gehörte seine Ausgrenzung aus dem Alpenverein. Seit fast drei Jahrzehnten war er Mitglied und trug das Alpenvereinsabzeichen für 25-jährige Mitgliedschaft. Seinem Ausschluss kam Ortenau nun zuvor, indem er der Sektion Reichenhall in knappen Worten seinen Austritt verkündete. Gustav Ortenau und seine Frau überlebten das „Dritte Reich“: Kurz vor Kriegsbeginn gelang ihnen die Flucht in die Schweiz.

Das fünfte und letzte Kapitel, das in der neuen Ausstellung gezeigt wird, setzt ein, nachdem Hitler am 14. Juli 1944 den Obersalzberg endgültig verlassen hatte. Zahlreiche wichtige Ereignisse in Berchtesgaden haben über ihren lokalhistorischen Bezug hinaus Bedeutung für das Ende des NS-Regimes. Dafür steht in besonderer Weise die „Madonna auf der Mondsichel“, eines der Schlüsselexponate dieses Kapitels. Die um 1460 in Salzburg entstandene Figur war ein Geschenk des Essener Gauleiters Josef Terboven an Göring zur Taufe seiner Tochter Edda am 4. November 1938. Im März 1945, sagt Keller, ließ Göring die Skulptur von seiner Residenz Carinhall mit den anderen Werken seiner Kunstsammlung in Sonderzügen nach Berchtesgaden bringen, wo sie nach Kriegsende von den Amerikanern im sogenannten „Göring-Train“ gefunden wurde. „Die Madonna zeigt die Funktion Berchtesgadens als Rückzugsraum für NS-Größen bei Kriegsende“, so der Dokumentationsleiter. „Als Prominentester hatte sich Hermann Göring in sein Haus auf dem Obersalzberg zurückgezogen und am 23. April 1945 telegraphisch bei Hitler angefragt, ob er als sein designierter Nachfolger die Regierungsgeschäfte übernehmen solle. Daraufhin ordnete Hitler Görings Verhaftung an und verstieß ihn aus der Partei und allen seinen politischen Ämtern“, weiß Keller.

Am Ende des Ausstellungsrundgangs, unmittelbar vor dem Bunker, können Besucher einen Blick auf den alten Obersalzberg werfen. Trotz aller Bemühungen und heftigen Diskussionen wurden die Grundstücke bis auf wenige Ausnahmen nicht an die früheren Besitzer zurückerstattet und das Dorf Obersalzberg damit endgültig zu einer reinen geographischen Bezeichnung. „Mit dieser Entscheidung konnten sich viele der früheren Bewohner nicht abfinden. Für viele von ihnen stand - und steht zum Teil bis heute - der alte Obersalzberg im Zentrum ihrer Familiengeschichte und bildet damit einen wichtigen Baustein ihrer Identität“, sagt Albert Feiber. Dies zeigte sich nicht zuletzt im vergangenen Jahr, als mit einem Gottesdienst dem 80. Jahrestag der Exekration, also der Auflösung, der Maria Hilf-Kapelle gedacht wurde und dazu das Gedenkkärtchen von 1937 als Reprint aufgelegt wurde.Zeitzeugen wie die Berchtesgadener Johanna Stangassinger und deren Sohn kommen mit ihren Erinnerungen zu Wort, flankiert von Dokumenten, die Häusergeschichten erzählen und die Wege der Grundstücke nach dem Krieg nachzeichnen.

Kilian Pfeiffer

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