Der Lawinengefahr begegnen

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Seit 38 Jahren hilft er in den Bergen: der staatlich geprüfte Berg und Skiführer Wolfgang Palzer.

Berchtesgaden - Die Spezialisten von der Lawinenwarnzentrale und der Bergwacht berichten von ihrer Arbeit rund um das Thema „Lawinen“.

Seit 38 Jahren hilft er in den Bergen: der staatlich geprüfte Berg und Skiführer Wolfgang Palzer.

Der Lawinenunfall am Hochkalter, bei dem ein Bergsteiger tödlich verunglückt war, gab der Veranstaltung im Nationalparkhaus Berchtesgaden eine aktuelle Note. Dort war man den Lawinen auf der Spur. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachteten Fachmänner das komplexe Thema. Vom staatlich geprüften Bergführer, der über Unglücke in den Bergen berichtete, bis hin zum Experten, der in der Lawinenwarnzentrale die aktuellen Lageberichte erstellt. Das Interesse an der Veranstaltung war so groß, dass das Nationalparkhaus noch vor Beginn geschlossen und Interessierte nach Hause geschickt werden mussten.

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Akutelle Lawinengefahr:

Der Tod kommt schnell – und meist von oben: Wolfgang Palzer, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, ist seit 38 Jahren in der Bergrettung in der Ramsau aktiv und hat schon so manchen Unfall im Hochgebirge miterlebt. Darüber zu berichten, fällt ihm nicht schwer. Es scheint viel eher notwendig, denn immer wieder lassen Berggeher – trotz Lawinenlagebericht – nicht die notwendige Sorgfalt walten. Denn im von der Lawinenwarnzentrale ausgegebenen Bericht steht mehr drin, als nur eine bloße Zahl, die die Lawinengefahr beschreibt. „Wer genau liest, erfährt sehr viel“, sagt Palzer. Der tödliche Lawinenunfall am Hochkalter hat sich erst vor kurzem zugetragen, seine Ausführungen erhalten somit besondere Aktualität. 44 Mann stark ist die Ramsauer Mannschaft. Immer dann, wenn ein Notruf abgesetzt wird, wird sie gerufen. „Drei Leute haben immer Dienst“, sagt Palzer. Schon nach 15 Minuten sei ein Hubschrauber zur Stelle: „Uns stehen fünf Hubschrauber zur Verfügung, auf die wir zugreifen können.“ Und auch ansonsten stimmen Erfahrung und Ausrüstung bei der Bergwacht. Wenn eine Lawine zuschlägt, ist jede Sekunde wertvoll. Die Erfahrung zeigt – meist kommen die Helfer zu spät. So auch im Jahr 2002 am Hocheis. Vater und Sohn waren damals unterwegs, nur auf über 1800 Metern hatte es Schnee. Im Lawinenlagebericht von damals wird die Gefahr beschrieben. Dann ein Anriss: „Eine Lawine brach auf gut 500 bis 600 Metern ab“, erzählt Palzer. Das Naturschauspiel mit tragischem Ausgang wurde beobachtet, die Bergwacht alarmiert. „Wir waren sofort zur Stelle“, sagt er. Die Verschütteten wurden gefunden. Einer war zwei Meter tief unter Schnee begraben. „In eineinhalb Stunden war alles erledigt.“ Schneller gehe es kaum. Für die Berggeher kam dennoch jede Hilfe zu spät. Lawinenunglücke gehen sehr häufig tödlich aus, die Macht der Schneemassen ist zu gewaltig, um aussichtsreiche Überlebenschancen zu haben. Auch mit dem Leben bezahlen musste „ein super Sportler“ im Jahr 2005. Warnstufe 3 herrschte. Jene Warnstufe, bei der 50 Prozent aller Lawinentoten zu verzeichnen sind. Um drei Uhr nachmittags wurde die Lawine gemeldet, der Verschüttete erst sechs Stunden später gefunden. Zu widrig waren die

Bedingungen: „Da waren wir viel zu langsam.“ Palzer weiß um die Gefahren in den Bergen Bescheid. „Ich bin viel, sogar sehr, sehr viel dort unterwegs“, sagt er mit einem Grinsen. Bescheid weiß er aber auch, dass Gefahren vermieden werden können und Lawinenunglücke meist mit einem traurigen Ende verbunden sind.

Dr. Bernhard Zenke vom Lawinenwarndienst Bayern sagt, dass im Lawinenlagebericht mehr Infos zu finden sind, als letztlich vom Nutzer wahrgenommen werden. Dieser konzentriert sich zumeist auf die Zahl, von 1 (geringe Lawinengefahr) bis 5 (sehr große Lawinengefahr). „Gefahrenstufen beziehen sich aber auf eine Region und sind nicht punktuell zu verstehen“, sagt Zenke. 100 Quadratkilometer und aufwärts, weiß er. Die eigentlichen Informationen des täglich aktualisierten Lawinenlageberichts finden sich im Fließtext. Viele ehrenamtliche Helfer, Früh- und Nachmittagsbeobachter, seien in den bayerischen Regionen unterwegs, um zu ermitteln, wie die Gefahrenlage ist. Hinzukommt ein dichtes Netz an Klimastationen. Schneedeckenstabilität, Auslösewahrscheinlichkeiten – Aspekte, die zunächst ermittelt werden müssen, um schließlich in die Gefahrenstufe eingerechnet werden zu können. „Gut und Böse liegen am Berg sehr nah beieinander“, sagt Zenke. Von 1993 bis 2011 gab es im zuständigen Bereich 42 Lawinentote. Viele davon hätten vermieden werden können. Zenke: „Mein Wunsch: Schauen Sie häufiger und genauer in den Lawinenlagebericht. Wir machen uns damit sehr viel Mühe.“

kp

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