Legale Täuschung der Verbraucher

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Foodwatch-Gründer und ehemaliger Greenpeace-Chef: Thilo Bode setzt sich für Verbraucherinteressen ein.

Berchtesgaden - Wenn Thilo Bode redet, horcht die Lebensmittelindustrie ganz genau hin. Im Kongresshaus sprach der ehemalige Greenpeace-Chef über die Praktiken der Branche.

Der Kunde als König? In Sachen Lebensmittel ist Bodes Antwort klar: nein. Vielmehr werde er zum Narren gehalten. „Legale Täuschung“ nennt Bode die Art und Weise, wie große Teile der Lebensmittelbranche mit ihren Kunden umgehen. Wenn Joghurts von Danone („Activia“) als Wunderwaffe gegen „Blähbauch“ angepriesen werden, als Nahrungsmittel, das die „träge“ Verdauung „reguliert“ und „Darmwohlbefinden“ garantiert, dann ist das Ganze für Bode nichts weiter als „aufgeblähter Etikettenschwindel.“ Ein Naturjoghurt, ergänzt durch ein paar Trockenpflaumen in Verbindung mit einem kurzen Verdauungsspaziergang hätte einen ähnlichen Effekt. „Nur wesentlich günstiger“, sagt Bode. Eigentlich beruhe das Lebensmittelrecht zum einen auf einem Täuschungsverbot – zum anderen auf dem Gesundheitsschutz. Der Kunde sollte, wenn man nach den Statuten geht, im Vordergrund stehen, König sein. Eigentlich, denn im Alltag zeigt sich ein anderes Bild: „In der Praxis werden diese beiden Pfeiler nicht ausreichend umgesetzt“, sagt Bode. Deshalb hat er im Jahr 2002 foodwatch gegründet, nachdem er bei Greenpeace, nach über zwölf Jahren aktiver Gestaltung, ausgeschieden war.

foodwatch setzt sich für Verbraucherinteressen ein

Der gemeinnützige Verein mit zwischenzeitlich über 20.000 Unterstützern setzt sich für Verbraucherinteressen ein – und deckt auf, was im Lebensmittelregal schief läuft. Denn das Problem sei, dass der Verbraucher die Qualität eines Lebensmittels kaum einschätzen könne. Inhalt und Herkunft seien nicht erfassbar – und als Kunde habe man auch kein Recht, in dieser Hinsicht Auskunft zu erhalten. Selbst bei einer Erdbeer-Bio-Marmelade müsse keine Auskunft erteilt werden, woher die verwendeten Zutaten stammten, sagt Bode. „Für die Hersteller ein Leichtes, ein bisschen zu tricksen.“ Eine Kundenkontrolle scheint da ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, sagt Bode. Und so scheint auch der Fall „Müller Brot“ einer jener zu sein, der schon viel eher hätte bekannt werden müssen: „Seit Jahren weiß man, dass da nicht alles richtig läuft“, sagt Bode, „und trotzdem kommt die Sache mit dem Mäusekot erst jetzt in die Öffentlichkeit.“

Legale Täuschung der Verbraucher

Ein Informations- und Klagerecht seitens des Verbrauchers wäre wünschenswert – geben tut es dies aber nicht. Und deshalb machen die Hersteller von Lebensmittel weiterhin das, was sie besonders gut können: „legal täuschen.“ Grundregel eins: Teuer muss nicht unbedingt auch gleichzeitig gut sein. Und billig nicht schlecht. Bode: „Das, was Discounter im Regal haben, sind nichts weiter als Markenprodukte.“ Auch die Leute, die günstig kaufen, können sicher sein, „dass das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit gewahrt bleibt“, so Bode. Soll heißen: Wer beim Discounter günstig kauft, kann davon ausgehen, dass er nichts Schlechtes im Warenkorb hat.

Ob Marken- oder Discountware: Bei Joghurts steckt vor allem Zucker drin (in diesem Fall: 41,8 Gramm je Becher) Naturjoghurt plus frisches Obst ist die bessere Variante, sagt Bode.

„Es ist alles drin, was draufsteht“ – das sagen die Lebensmittelhersteller, weiß der foodwatch-Gründer. Doch sei nicht alles leicht lesbar und vor allem: verständlich. Bekanntes Beispiel: Hefeextrakt, der als solcher im Produkt angepriesen wird. „Hefeextrakt ist in einem solchen Fall aber nichts anderes als Glutamat“, so Bode. Und steht im Verdacht krebserregend zu sein. Der legalen Täuschung begegnet der Kunde Tag für Tag im Supermarkt: Die Firma Teekanne etwa preist ihren „Mirabelle und Birnen“-Tee mit goldgelben Mirabellen und Birnen auf der Packung an. „Doch genau genommen ist das Produkt ein ganz normaler Industrie-Früchtetee: Billige Standard-Zutaten plus Aroma für imitierten Geschmack. Trotzdem ist er mit vier Euro je 100 Gramm deutlich teurer als normaler Früchtetee“, bekrittelt foodwatch. Bode sagt: „Wie bei den allermeisten Früchtetees sind die Hauptzutaten Äpfel, Hibiskus und Hagebutte – die sind nämlich am billigsten. Damit der Tee trotzdem nach den entsprechenden Früchten schmeckt, wird mit `natürlichen Aromen` nachgeholfen.“

Ganz legal – und trotzdem klar getäuscht. „Natürliche Aromen“ bedeutete im Übrigen nur, dass diese nicht synthetisch hergestellt sind, sagt Bode. Ein weiteres Beispiel: „Yogurette“. Geworben wird mit dem Slogan: „joghurt-leicht.“ Mit Erdbeeren. Derweil ist das Produkt ein Kalorienhammer. Bode klärt auf, dass dort nur 5,5 Prozent Erdbeergranulat drinstecken. Und das wiederum bestehe vor allem aus Zucker und Fett – und ein bisschen Erdbeerpulver. Eine Mogelpackung, die auch bei der Erdbeermarmelade von Mövenpick zutrifft. „Der kleine Luxus im Alltag“, so wirbt Mövenpick im Internet. Luxuriös seien vor allem die Preise, sagt Bode.

Billig-Marmelade ist genauso gut

Der Erdbeer-Aufstrich kostet - pro Kilogramm - rund 8,40 Euro. „Schwartau Extra Erdbeere“ dagegen nur 5,80 Euro, die Handelsmarke „ja!-Erdbeerkonfitüre Extra“ 2,90 Euro pro Kilogramm. Ein Unterschied zu handelsüblichen Erdbeermarken gebe es nicht. Lediglich fünf Gramm Erdbeeren (pro 100 Gramm) seien mehr drin. „Aber das rechtfertigt den Preis nicht“, sagt Bode. Erdbeermarmelade bleibe Erdbeermarmelade. „Kaufen Sie die Billig-Marmelade. Die ist genauso gut“, rät er. Ob Capri Sonne, Gutfried-Wurst, Power-Wasser von Adelholzener oder Bertolli-Pesto: Oft zahlt man für den Namen, wird von Begrifflichkeiten, die Gutes suggerieren, getäuscht – aktiver, legaler Etikettenschwindel, nennt Bode den Umstand. Als Kunde werde man alleine stehen gelassen.

Deshalb fordern Bode und foodwatch seit Längerem, dass sich die Regeln deutlich ändern müssten. Zugunsten des Konsumenten, der Transparenz und Verständlichkeit benötigt. Und ein Informations- und Klagerecht. Thilo Bode sieht sich da auf guter Position. Foodwatch hat schon mehrfach erfolgreich geklagt. „Der Kunde muss König sein“, sagt er. Der Applaus ist groß.

kp

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