Wir haben in Berchtesgaden, Traunstein und Neuötting nachgefragt

„Eine verrückte Situation“: Lage unserer Brauereien in Corona-Krise durchaus unterschiedlich

Die Wirtshäuser haben zu, der Export eingebrochen und mit großen Festen rechnet heuer niemand mehr - trotzdem stellt sich die Lage der heimischen Brauereien als durchaus unterschiedlich dar. Wir haben mit dem Hofbrauhaus Berchtesgaden, Schnitzlbaumer in Traunstein und dem Neuöttinger Müllerbräu gesprochen.

Berchtesgaden/Traunstein/Neuötting - Es sind „gewaltige Umsatzeinbrüche“, die die heimischen Brauereien seit über einem Jahr hinnehmen müssen. Mit diesen Worten umschreibt Geschäftsführer Josef Stangassinger die Lage, in der sich das Hofbrauhaus Berchtesgaden befindet. In normalen Zeiten wird 80 Prozent des Berchtesgadener Bieres an die Gastronomie verkauft - nur haben die Wirtshäuser dort schon seit Oktober vorigen Jahres zu. „Wenn im Mai nichts passiert, geht auch dem besten Unternehmen irgendwann die Luft aus. Wir Brauereien bekommen schließlich keine Überbrückungshilfen“, so Stangassinger im Gespräch mit BGLand24.de.

Josef Stangassinger, Geschäftsführer vom Hofbrauhaus Berchtesgaden.

Ja, über die Getränkemärkte sei durchaus mehr verkauft worden, meint Stangassinger. Bis zu 20 Prozent habe der Zuwachs im Handel betragen - vor allem bei Spezialitäten wie dem hellen Eisbock - aber: Der Handel macht fürs Hofbrauhaus Berchtesgaden ansonsten nur rund ein Fünftel des Umsatzes aus, die Steigerung fällt also nicht all zu groß ins Gewicht. Auch mit Großveranstaltungen oder Festen rechnet Stangassinger heuer nicht mehr. „Am meisten stört mich, dass ich als Unternehmer an dieser Situation nichts verändern kann. Das macht mich verrückt.“

Schnitzlbaumer Traunstein: Kaum Verluste durchs gute Geschäft mit Flaschenbier

Etwas anders stellt sich die Lage in Traunstein dar: Natürlich brach auch für die Privatbrauerei Schnitzlbaumer der Umsatz bei Festen und in der Gastronomie gänzlich weg - er macht laut Geschäftsführer Philipp Frauendörfer aber „nur“ rund 30 Prozent aus. Im Interview mit chiemgau24.de spricht er von einer „verrückten Situation“, weil diese Verluste im Handel wieder ausgeglichen werden konnten. „Das Geschäft mit dem Flaschenbier läuft super, hier sind wir in der Produktion ausgelastet.“ Schon im vorigen Jahr habe man sich verstärkt aufs Flaschenbier konzentriert und auch im überregionalen Handel besser Fuß fassen können.

Philipp Frauendörfer von der Privatbrauerei Schnitzlbaumer in Traunstein.

In der Krise habe man früh auf den Online-Shop gesetzt, der gut funktioniere, so Frauendörfer. Trotzdem sind auch beim Schnitzlbaumer seit Sommer 2020 alle elf Mitarbeiter wieder in Kurzarbeit. Vor allem in der Logistik, wie zum Beispiel den Bierfahrern, fehle es an Arbeit. Und wie schätzt der Schnitzlbaumer-Geschäftsführer die Perspektive ein? „Ich traue mir keine Prognosen mehr zu. Aber ich denke, dass es in Richtung Mitte Juni zaghafte Öffnungen für die Gastronomie geben könnte.“ Sicher ist er sich aber, dass die Leute „hungrig“ sein werden und das Geschäft in den Wirtshäusern schnell wieder anlaufe.

Müllerbräu Neuötting: Angespannte Lage wegen Fokus auf Gastro, Feste, Export

Als „sehr angespannt“ beschreibt Reinhard Müller die Situation. Er leitet den Müllerbräu in Neuötting. Vor allem für kleine Landbrauereien sei die Lage „irre schwierig“, weil sie umso mehr von Festen und den Gasthäusern abhingen. Im vorigen Jahr ging der Bierausstoß im Vergleich zu 2019 um satte 70 Prozent zurück, so Müller gegenüber innsalzach24.de: „Wir können nur dank einer guten Substanz überleben.“ Ohne die Möglichkeit der Kurzarbeit hätten in großem Rahmen Mitarbeiter gekündigt werden müssen. So konnte die Belegschaft aber komplett gehalten werden. Gut 20 Mitarbeiter hat der Neuöttinger Müllerbräu.

Reinhard Müller, Geschäftsführer vom Müllerbräu Neuötting.

Handel und Getränkemärkte spielen fürs Geschäft des Müllerbräus keine all zu große Rolle - und das ist das Problem. Ausgeschlossen, die Verluste so etwas zu kompensieren, so Reinhard Müller. Dass die Neuöttinger Brauerei etwa ein Viertel des Umsatzes über das Ausland abwickelt, macht es nur noch schwieriger: „Wenn der Markt von einem auf den anderen Tag wegbricht, tut das richtig weh.“ Der Export-Anteil liegt beim Müllerbräu im Schnitt aller bayerischen Brauereien. Beim Hofbrauhaus Berchtesgaden oder der Privatbrauerei Schnitzlbaumer ist es dagegen deutlich weniger.

Niemand rechnet heuer mit größeren Festen

Wird in der Hoffnung auf eine bald öffnende Gastronomie die Produktion der drei heimischen Brauereien schon wieder etwas hochgefahren? Alle vermelden volle Keller. „Als kleine Brauerei müssen wir ja keine riesigen Volumen bewältigen“, so Josef Stangassinger. Beim Müllerbräu wird dagegen schon wieder etwas mehr produziert, denn auch im vorigen Jahr sei das Biergartengeschäft laut Reinhard Müller „durch die Bank super gelaufen“. Mit Festen und Großveranstaltungen rechnet aber keiner der drei Brauer. „Die Vereine planen nichts. Und falls das Oktoberfest abgesagt wird, wird auch bei uns definitiv nichts Größeres stattfinden“, so Philipp Frauendörfer vom Schnitzlbaumer.

Und auch aufs sensible Thema „Bier wegschütten“ gehen die Drei ein. „Der Lockdown im März 2020 kam so unvorbereitet, wir mussten richtig viel wegschütten“, so Frauendörfer. Und laut Stangassinger musste wegen des ablaufenden Mindesthaltbarkeitsdatums auch viel Flaschenware vernichtet werden. Auch in Neuötting musste „eine ganze Lacke“ vom Fassbierbestand weggeschüttet werden. Laut Müller können die vernichteten Bestände aber bei Überbrückungshilfen geltend gemacht werden. Doch dass es soweit nochmal kommt, das will natürlich keiner der Drei.

xe

Rubriklistenbild: © Fotomontage Petra Sobinger/xe/Enzinger

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