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Kinder? Nein, danke!

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Tamara Lütkemöller und Sohn Luca: Seit einem halben Jahr sucht die alleinerziehende Mutter nach einer Wohnung. Und findet nichts. „Kinder sind in Berchtesgaden und Umgebung anscheinend nicht gern gesehen“, sagt sie.

Berchtesgaden - Für Leute mit Kindern wird es immer schwerer, eine passende Wohnung mit genügend Platz für ihre Familie zu finden.

Mit einem Mietzuschuss kann Tamara Lütkemöller in Zukunft rechnen. Bislang wusste sie darüber nicht Bescheid.

„Ich muss es nehmen, wie es kommt“, sagt Tamara Lütkemöller. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, vier und neun Jahre alt, ist auf der Suche nach einer Wohnung. Ihr alter Mietvertrag ist seit Anfang dieses Monats gekündigt. Eine neue Wohnung hat die kleine Familie noch nicht gefunden. „Ich bin völlig frustriert“, sagt Lütkemöller. Weil sie seit über einem halben Jahr auf Wohnungssuche ist. Und sagt: „Die Leute mögen anscheinend keine Kinder.“

Eigentlich würde sie bereits auf der Straße sitzen, ohne Dach über dem Kopf. Noch ist sie aber in ihrer alten Wohnung in der Unterau. „Ich weiß, dass mein Vermieter nicht begeistert darüber ist“, sagt sie. „Aber was soll ich machen?“ Lütkemöllers Wohnung soll ein Gästeappartement werden. Eine Renovierung steht an. Deshalb muss die kleine Familie ausziehen. Die 28-Jährige weiß seit etwa einem dreiviertel Jahr darüber Bescheid – und hat frühzeitig zum Suchen nach einer neuen Wohnung begonnen. Bislang aber ohne Erfolg: „Ich habe inseriert, die Wohnungsannoncen studiert, habe im Internet gesucht, war auf der Gemeinde, beim Wohnbauwerk.“ Sie hat überall ihre Fühler ausgestreckt, im gesamten Berchtesgadener Talkessel, dort wo sie wohnt. Entweder war nichts Entsprechendes frei, oder aber: Sie bekam eine Absage. Meistens wegen der Kinder. Derweil hat sie ihre Ansprüche sowieso schon auf ein Minimum zurückgefahren. Zwei bis drei Zimmer wünscht sie sich. Damit Luca, der Kleine, vier Jahre alt, und Nick, der Große, neun Jahre alt, wenigstens ein eigenes Zimmer haben.

Peter Lenz vom Sozialamt in Berchtesgaden bietet der jungen Mutter eine Wohnung in Bischofswiesen an – jedoch erst ab Mai.

Tamara Lütkemöller ist keine gebürtige Berchtesgadenerin. Sie stammt aus Nordrhein- Westfalen. Seit dreieinhalb Jahren ist sie in Berchtesgaden. Hier hat sie ihren Lebensmittelpunkt gefunden. „Die Berge sind wunderschön“, sagt die sympathische Mutter. Nicht wegen der Berge hält es sie hier, sondern weil Nick und Luca in Berchtesgaden in die Schule und in den Kindergarten gehen. Weil sie hier ihre Freunde haben, im Vereinsleben aktiv sind. Nick etwa ist begeisterter Eishockey-Spieler, im Jugend-Rot-Kreuz aktiv. Und auch Tamara selbst hat Bekannte und Freunde vor Ort – und eine Arbeit, die ihr Sicherheit gibt. Gelernt hat Lütkemöller das Hotelfach. Jetzt arbeitet sie bei einer hiesigen Töpferei. Sie möchte umschulen, das Töpfer-Handwerk lernen, die Zusage von Arbeitsamt und ihrem Chef hat sie bereits. „Ich habe den besten Chef, den es gibt“, sagt sie. Verständnisvoll sei er, flexibel, vor allem in Bezug auf die beiden Kinder. Lütkemöller ist alleinerziehend, das macht ihre Situation nicht einfacher. Schon als sie nach Berchtesgaden gekommen war, vor dreieinhalb Jahren, gestaltete sich die Wohnungssuche nicht einfach. Schließlich traf sie ihren jetzigen Vermieter, mit dem sie sich immer gut verstand. Zwei Ferienwohnungen betreute sie von ihm. „Das Verhältnis ist gut“, sagt sie. Umso unangenehmer ist es ihr, dass sie noch immer keine neue Bleibe gefunden hat. Obwohl sie ausreichend Zeit hatte. „Kinder sind in Berchtesgaden und Umgebung anscheinend nicht gern gesehen“, sagt sie. Es mache sie „narrisch“, sagt sie, dass sie jetzt – im Endeffekt – wegziehen müsse, obwohl sie doch eigentlich so gerne in Berchtesgaden oder einer der Nachbargemeinden bleiben möchte.

„Natürlich habe ich Verständnis, dass es Vermieter gibt, die keine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern möchten.“ Aber durch die Bank weg immer das gleiche Bild? „Das verstehe ich einfach nicht. Ist es asozial, Kinder zu haben“, fragt sie. „Aufgeben tun nur Schwächlinge“, sagt sie und bestärkt sich damit. Ihr Enthusiasmus, weiterzusuchen, ist gedämpft. In vielen Situationen, in denen es um die Besichtigung einer Wohnung ging, war bereits nach der Kontaktaufnahme mit dem Eigentümer schon wieder Schluss. „Immer wenn ich sagte, dass ich Kinder habe, wurde mir nicht einmal mehr ein Besichtigungstermin angeboten“, erzählt sie geknickt. Ob Kinder überhaupt noch „zu unserer Gesellschaft dazugehören“, fragt sie sich manchmal. Aber vielleicht täusche sie der Eindruck auch nur. „Ich habe immer meine Miete gezahlt und würde auch nicht behaupten, dass meine Kinder besonders laut sind.“ Luca und Nick seien ganz gewöhnliche Kinder – und natürlich spielt der kleine Luca auch mal Eisenbahn und rauscht dann durch die Wohnung. „Aber ist das nicht normal?“ Immer wieder stellt Tamara Lütkemöller Fragen. Fragen an sich selbst. So, als könne sie ihre derzeitige Situation einfach nicht begreifen. In Berchtesgaden hat sie gesucht, in Marktschellenberg, in Schönau am Königssee – und nun, da der Erfolg ausblieb, hat sie einen Termin in Freilassing ausgemacht. „Da möchte ich nur ungern hinziehen“, sagt sie. Ihre Sachen hat sie bereits alle gepackt, die Schränke auseinandergebaut. Sie ist auszugsbereit und trotzdem voll der Hoffnung, dass sich in letzter Sekunde noch etwas anderes ergibt.

Rathaus Berchtesgaden: Peter Lenz vom Sozialamt empfängt Tamara Lütkemöller mit ihren beiden Söhnen Luca und Nick. Brav warten die beiden, sie spielen derweil mit Lego. Der Termin kam kurzfristig zustande. Eine Jungfamilie ohne Dach über dem Kopf? Nein, das könne nicht sein. Also hat Lenz das Treffen in seinen Terminkalender gequetscht, zwischen „ein paar Renten“, wie er das nennt. Denn Lenz ist Rentenanlaufstelle, Sozialamt und Gewerbeamt in einem. Und bereit dafür, für Lütkemöller das scheinbar Unmögliche zu tun. Punkt eins: „Ihr Vermieter kann Sie auf die Schnelle nicht aus der Wohnung werfen.“ Ja, das wisse sie. Aber es darauf ankommen zu lassen? Nein, das könne nicht die Lösung sein. Denn die junge Mutter möchte keinen Streit – lediglich eine Wohnung. Doch in Berchtesgaden ist nichts mehr frei – zumindest nichts, auf was Peter Lenz Zugriff hätte. Eine Wohnung für Durchreisende wäre möglich. Allerdings ist diese nur spartanisch eingerichtet. „Das ist keine Lösung“, sagt Lenz. Und hat indes schon mit den Nachbargemeinden telefoniert. In Bischofswiesen gebe es etwas. Wohnbauwerk, Drei- Zimmer-Wohnung, 55 Quadratmeter. Hört sich gut an. Gibt es Haken? „Ja, die gibt es“, sagt Lenz. Die Wohnung ist erst ab Mai frei. Tamara Lütkemöller muss aber sofort raus. Sie hat mit ihrem Vermieter bereits gesprochen. Sie ist weiterhin auf der Suche. Um so schnell als möglich ein neues Zuhause zu finden.

kp

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