„Ich setze mich für Euch ein!“

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Schönau am Königssee - Zur Hauptversammlung der Behinderten-Integration freuten sich die Verantwortlichen über die Teilnahme eines Gemeindevertreters.

Auf ein ereignisreiches Jahr blickte Sven Hosse, Vorsitzender der Behinderten-Integration Berchtesgaden, im Grünsteinstüberl zurück – und freute sich über eine Premiere. Das erste Mal seit Vereinsbestehen war ein Bürgermeister zur Hauptversammlung erschienen, Herbert Gschossmann aus Ramsau. Peinlich: Bislang waren die Gemeindevertreter – und ebenso alle Behindertenvertreter der Gemeinden - den Einladungen fern geblieben.

Beeindruckt zeigte sich Gschossmann von den Aktivitäten, die der 143 Mitglieder umfassende Verein Jahr für Jahr bewältigt. Und versprach zugleich tatkräftigen Einsatz in der Watzmann Therme: Denn dort gibt es bislang keine Möglichkeit, beeinträchtigte Menschen in das Becken zu heben – außer, man trägt sie. „Eine riesengroße Hilfe wäre ein Lift“, so der Wunsch des Vorsitzenden. „Ich werde mich im Namen aller fünf Gemeinden für Euch einsetzen“, so das bürgermeisterliche Versprechen. Zum Schämen findet Hosse das neu angebrachte Hinweisschild am Bahnhof in Berchtesgaden. Dieses leitet Rollstuhlfahrer 300 Meter um das Hauptgebäude herum, um zu den Gleisen zu kommen. Eine Rampe für beeinträchtigte Personen gibt es bislang nicht. Und wird es, nach Bahn-Aussagen, auch nicht geben. „Da wäre es sinnvoller gewesen, das Schild gleich wegzulassen“, so Hosse. So, wie es sich nun präsentiere, sei es eine Frechheit. Dank gab es an dieser Stelle für die Gemeindeverwaltung des Marktes Berchtesgaden: „Die neu hinzugekommenen Behindertenparkplätze vor dem Kongresshaus sind klasse“, freute sich Hosse, „doch kann es nicht sein, dass diese bei jeder Veranstaltung im Kongresshaus zugeparkt werden.“ Sei es mit Besucher-Fahrzeugen oder Lkws. In dieser Hinsicht sei Nachbesserungsarbeit vonnöten, forderte der Vereinsvorsitzende.

Behinderten-Integration Berchtesgaden

Einen Blick zurück auf 2011 wagte Hosse im Folgenden: Ohne Vorkommnisse blieb die vergangene Hauptversammlung: Eine neue Vorstandschaft wurde im März letzten Jahres gewählt. Ereignisreicher waren da schon die Abschlussarbeiten für Barrierefreiheit im Freibad von Schönau am Königssee, dem Schornbad. Ob Parkplätze oder Schließanlagen – „wir haben gut zusammengearbeitet“, sagte Hosse, merkte aber dennoch an, dass die Gemeindeverantwortlichen in manchen Bereichen nicht darauf achteten, verordnungskonform zu handeln. So seien die im Schornbad angebrachten Schilder für Barrierefreiheit zwar „schön“, entsprächen aber nicht den Regeln.

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Im vergangenen Jahr hatte der Verein mit Sach- und Kuchenspenden den Flohmarkt St. Andreas unterstützt, im Sommer zwei integrative Ferienfreizeiten betreut. Stolz zeigte sich Hosse, weil es gelungen war, in Kooperation mit der Lebenshilfe Berchtesgadener Land sowie der Gemeinde Schönau am Königssee, eine feste Einrichtung zur wohnortnahen Freizeitbetreuung für behinderte Menschen im inneren Talkessel zu schaffen: „Damit hat die Lebenshilfe BGL endlich auch bei uns im Talkessel Fuß gefasst.“ Die Einrichtung, die im Herbst 2010 als Versuchsprojekt gestartet war, habe sich nun warmgelaufen und etabliert. „Ab diesem Jahr bieten wir bereits mehrere Termine zur Freizeitbetreuung an“, so Hosse. Das Angebot sei ein offenes, an dem auch alle weiteren Menschen mit Behinderungen teilnehmen könnten. Als „ersten großen Schritt“ bezeichnete er die neue Möglichkeit – „für uns ist es der erste Schritt in Richtung eines Wohnheims. Daher brauchen wir weiterhin die Unterstützung aller Beteiligten, um unsere Ziele längerfristig zu etablieren und auch zu sichern.“

In Sachen Spenden war der Verein im letzten Jahr erfolgreich: „Wir konnten viele Groß- und Kleinspenden sammeln, mit denen wir sinnvolle Anschaffungen tätigen konnten.“ So unterstützt die Behinderten-Integration Berchtesgaden etwa dann Bedürftige, wenn die Kostenträger bereits ausgestiegen sind – auch anonym, wie Hosse betont. Seit Januar ist etwa ein neuer Dual-Ski im Einsatz, ein behindertengerechtes Schneegefährt, mit dem man skigleich die Pisten hinunterwedeln kann. Fünf Jahre hatte das Vorgängermodell seine Dienste geleistet, nun musste eine Neuanschaffung her, „da unsere Kinder auch wachsen.“ Den Dual-Ski verleiht der Verein gegen eine entsprechende Spende weiter. „Die Kinder- und Jugendabteilung des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes hat uns den alten Ski zu einem guten Preis abgekauft.“

Ein besonderes Vorhaben schwebt Sven Hosse für die Zukunft vor Augen. Gemeinsam mit Entscheidungsträgern im Talkessel möchte er die Umgebung aus anderer Sicht „erfahren“. „Ich habe Ideen und Erfahrungen aus unseren Projekten aus meiner Arbeit als Professor an der Pädagogischen Hochschule Salzburg adaptiert und versuche nun, Entscheidungsträger dafür zu gewinnen, sich darauf einzulassen“, sagte er – und zielt damit speziell auf Gemeinderäte und die Behindertenbeauftragten der einzelnen Gemeinden ab. Im Selbsttest sollen diese erfahren, wie es ist, sich mit einem Handicap öffentlich zu bewegen und wo ein Vorwärtskommen unmöglich ist. Und es soll die Frage geklärt werden: „Glotzen die Leute alle Rollstuhlfahrer an“? Ramsaus Bürgermeister Herbert Gschossmann ist sich sicher, die Idee ist eine gute. Eine Frage bleibt: Wer macht alles mit?

kp

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