Der große Einsatz unter Tage blieb bisher aus

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Berchtesgaden - Sie sind ein eingespieltes Team: Die 26 aktiven Rettungskräfte der Bergwacht Freilassing haben sich wieder in die tiefsten Höhlen zur Rettungsübung gewagt.

Die aktuell 26 aktiven Einsatzkräfte und neun Anwärter der Bergwacht Freilassing waren 2011 bei insgesamt 22 Einsätzen (2010: 26) gefordert. Ein großer Teil ihrer Arbeit findet mittlerweile im Verborgenen tief unter der Erde, im Reich der Maulwürfe und Fledermäuse statt: Während der vergangenen Jahre haben die ehrenamtlichen Bergretter mit unzähligen Übungen und Ausbildungen die Höhlenrettungsgruppe der Bergwacht-Region Chiemgau aufgebaut – der große Einsatz unter Tage blieb bisher aus, doch die eingespielten Spezialisten sind für eine schwierige Rettung aus der Unterwelt bestens vorbereitet und mittlerweile auch ausgestattet.

Bereitschaftsleiter Siegfried Fritsch, Ausbildungsleiter Manfred Huber, Höhlenrettungschef Peter Hogger und Kassenwart Niko Magg blickten auf der Jahreshauptversammlung im Rotkreuz-Haus auf die Höhepunkte des vergangenen Einsatz- und Ausbildungsjahres zurück.

22 Einsätze und vielfältige Aufgaben

Sie sind als Höhlenretter der Bergwacht-Region Chiemgau, als Gruppe für Funk und Kommunikation und als Experten im Kriseninterventionsdienst (KID) Spezialisten auf gleich mehreren Fachgebieten, meisterten 2011 aber auch sieben reguläre Bergrettungseinsätze zusammen mit den Bergwachten Bad Reichenhall und Teisendorf, halfen bei 17 Diensttagen im Pistendienst am Götschen acht verletzten oder erkrankten Wintersportlern und rückten viermal zur Betreuung von Betroffenen nach schweren oder gar tödlichen Bergunfällen in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen aus. Dreimal war blinder Alarm. Zusätzlich wurden Sportveranstaltungen abgesichert und 306 Naturschutzstreifen durchgeführt.

Höhlentraining - Der große Einsatz unter Tage

Spezialisten auf gleich mehreren Gebieten

Von den derzeit 56 Mitgliedern der Bergwacht Freilassing sind 26 aktiv und neun Anwärter; zusätzlich unterstützen 201 Fördermitglieder die Arbeit finanziell. Simon Rainer bestand 2011 alle Prüfungen und wechselte von den Anwärtern zu den Aktiven; Thomas Mayer, Stefan Kellner und Johannes Buckel kamen als neue Anwärter hinzu. Auffällig ist die große Anzahl an medizinischem Fachpersonal und Spezialisten in der Bergwacht Freilassing: Neben zwei Ärzten gehören auch sechs Rettungsassistenten und –sanitäter zum Team.

Acht der aktiven Einsatzkräfte haben bisher beide Ausbildungsmodule zur Höhlenrettung absolviert, zwei sind fertig als Bergwacht-Einsatzleiter geschult, sechs durchlaufen gerade die Ausbildung dazu, wobei zwei weitere 2012 fertig werden. Zwei sind als Krisenberater ausgebildet, zwei weitere als Fachberater Naturschutz.

Bergwacht braucht 25.000 Euro und bittet um Unterstützung

Kurt Rexer hat 2011 die Arbeit als Kassenwart nach 34 Jahren an seinen Nachfolger Niko Magg übergeben, der in seinem Rückblick von den Einnahmen und Ausgaben im vergangenen Jahr berichtete. Neue Dienst- und Schutzbekleidung mit über 6.000 Euro, Ausrüstung und Geräte mit fast 3.800 Euro, Kosten für das Fahrzeug mit über 3.000 Euro und Ausgaben für Ausbildung mit über 2.000 Euro schlugen am meisten zu Buche und sorgten letztlich dafür, dass die Freilassinger Bergwacht über 4.000 Euro mehr ausgeben musste, als sie eingenommen hat.

Im BRK-Haus in Freilassing ist zu wenig Platz, zumal neben einem neuen Höhlenrettungsanhänger auch umfangreiche Ausrüstung für die Höhlenrettung ausgeliefert wurde, weshalb zusätzlich eine Garage im neuen Ainringer Feuerwehrhaus angemietet wurde. 2012 müssen die Ehrenamtlichen den neuen Hänger und seinen Stellplatz noch ausbauen sowie zusätzliche Funkmeldeempfänger kaufen, da alte Geräte für die Alarmierung über die neue Gleichwelle nicht mehr aufgerüstet werden können. „Dafür brauchen wir rund 25.000 Euro und die finanzielle Unterstützung von regionalen Firmen und privaten Förderern“, erklärte Bereitschaftsleiter Fritsch.

Neun Anwärter: Hohe Anforderungen schrecken Nachwuchs nicht ab

Ein Tisch voll mit jungen Leuten bei der Jahreshauptversammlung, davon aktuell neun Anwärter zeigt, dass der abwechslungsreiche, aber auch sehr anspruchsvolle Dienst trotz schwieriger Zeiten für das Ehrenamt noch immer junge Menschen begeistern kann. „Sie waren mit großem Freizeiteinsatz bei Ausbildungen, Übungen und Einsätzen das ganze Jahr über bei der Sache“, freute sich Ausbildungsleiter Manfred Huber, der den Anwärtern in unzähligen Stunden bei 23 Terminen und in enger Zusammenarbeit mir den Reichenhallern sehr viel beigebracht hat.

Er und seine zwölf Ausbilder in Freilassing zeichnen maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Bergretter auch schwierige Situationen im Einsatz souverän als Team meistern. Die jungen Leute profitieren dabei von der guten Kameradschaft und sind nach absolvierter Ausbildung fit, um die anspruchsvollen Prüfungen für den aktiven Dienst zu bestehen. „Alle waren gut genug, um die Sichtungstests beim ersten Mal zu bestehen“, freute sich Huber. Für die aktiven Bergretter fanden zusätzlich 21 allgemeine Ausbildungen statt, an denen im Schnitt die Hälfte der Mitglieder teilnahm. Höhepunkte waren eine Winterausbildung auf dem Stahlhaus, ein Ausbildungswochenende auf der Sulzenauhütte im Stubai, ein Kletterwochenende auf der Schmid-Zabierowhütte, zwei Hubschrauberunterweisungen, zwei Fahrzeug- und Funkschulungen und eine Naturkundeausbildung.

Mit Bildern aus früheren Zeiten zeigte Huber abschließend, wie sehr sich die Ausbildung in der Bergwacht während der letzten 25 Jahre technisch und inhaltlich weiterentwickelt hat, um der Erwartungshaltung und den hohen Anforderungen bei Einsätzen gerecht zu werden.

Höhlenrettungsgruppe weiter auf Erfolgskurs

Bundesweit ereignen sich pro Jahr nur eine Hand voll Einsätze; wenn aber etwas passiert, dann sind alle voll gefordert, denn was sie tun ist mitunter das Schwierigste, Personal- und Materialintensivste, was der Bergwachtdienst zu bieten hat. Das weiß auch der Freistaat Bayern, der allein für die Höhlenrettung in Freilassing in den letzten beiden Jahren rund 35.000 Euro ausgegeben hat; für persönliche Schutzausrüstung, einen Anhänger, spezielle Rettungsgeräte wie eine hydraulische Spreize und 1,2 Kilometer Statikseil. „Höhlenrettung heißt in unserer Region mittlerweile Freilassing; wir haben deshalb den Status einer Rettungswache“, berichtete Peter Hogger stolz, der Beauftragter für die Höhlenrettung in der Bergwacht-Region Chiemgau ist. Seit den Anfängen im Sommer 2007 hat sich einiges getan: Die Gruppe besteht mittlerweile aus 13 Höhlenrettern und weiteren Sympathisanten, die für größere Einsätze nachgefordert werden können. Regelmäßig, meist an Montagabenden sind die Spezialisten bei Übungen und Erkundungstouren in den heimischen Höhlen unterwegs; zusätzlich findet Trockentraining wie am Grödiger Überhang oder an der Kastensteiner Wand statt, denn in der Höhle, wo es stockdunkel ist, kann sich keiner Fehler erlauben.

Erster Mensch im Moorhuhnschacht

„Im Einsatzfall muss jeder alles können!“, erklärte Hogger, der in seinem Jahresrückblick mit vielen Bildern den staunenden Gästen von Ausbildungen, neuer Ausrüstung und den vielen Höhlentouren im vergangenen Jahr berichtete. Bei mehreren großen Übungen trainierten die Höhlenretter vor allem ihr Zusammenspiel mit der Salzburger Höhlenrettung, den anderen bayerischen Höhlenrettungsgruppen und den örtlichen Bergwachten. Hogger lobte dabei das Engagement der Aktiven: „Vom Dreck angelockt waren immer alle da, die sich irgendwie freinehmen konnten. Bravo! Als Bergwachtmänner mit solider Grundausbildung, die es gewohnt sind, selbständig zu arbeiten und zu improvisieren, können wir im überregionalen Vergleich mit anderen Höhlenrettungsorganisationen sehr gut mithalten.“ Hogger hat mit Kollegen 2011 auch den Moorhuhnschacht auf der Reiter Alpe erforscht und sich vermutlich als erster Mensch in die 57 Meter tiefe Doline abgeseilt.

Soziales Engagement über die Pflichtaufgaben hinaus

Auch abseits des Einsatz- und Ausbildungsgeschehens war 2011 jede Menge los: Im Mai beteiligte sich die Bergwacht an der Kinder-Rettungsolympiade in Freilassing. Im August musste der Graziman am Zwiesel sanitätsdienstlich abgesichert werden und mit der Feuerwehr Ainring fand eine Übung im unwegsamen Gelände am Högl statt. Im Oktober bauten die Bergretter mit der Feuerwehr Petting am Surspeicher eine Seilbahn auf und kümmerten sich bei der Katastrophenschutzübung des Landkreises in Melleck um die Funkkommunikation.

Beim Handwerkermarkt im November in Freilassing übernahm die Bergwacht mittlerweile schon traditionell Brotzeitverkauf und Ausschank. 2012 ist eine Großübung mit allen bayerischen Höhlenrettungswachen geplant, die unter Umständen auf der bayerischen Seite des Untersbergs stattfinden wird, eine Sommerübung mit den Bergwachten Bad Reichenhall und Teisendorf-Anger, eine Höhlenübung mit der Bergwacht Berchtesgaden, eine Kletterausbildung am Dachstein und die weitere Erforschung einer Höhle am Reinersberg in den Berchtesgadener Bergen.

Fünf verdiente Bergwachtmänner geehrt

Die Bergwacht lebt von den Leuten, die sich über Jahrzehnte hinweg einsetzen und viel Freizeit für Einsätze, Übungen und Kameradschaft investiert haben. Bereitschaftsleiter Siegfried Fritsch und sein Stellvertreter Dr. Hubert Glässner zeichneten den ehemaligen Kasserwart Kurt Rexer (40 Jahre), Ausbildungsleiter Manfred Huber (25 Jahre) und den langjährigen Bereitschaftsleiter und Ausbilder Rudi Hiebl (25 Jahre) für treue Mitarbeit im Rettungsdienst und Naturschutz mit dem goldenen und silbernen Ehrenzeichen der Bergwacht Bayern aus. Franz Sedlmeier (40 Jahre) und Herbert Berger (25 Jahre) konnten an der Jahreshauptversammlung nicht teilnehmen, wurden aber ebenfalls geehrt.

Viel Lob für die Bergwacht

Michael Hangl, dritter Bürgermeister von Freilassing lobte die Bergwacht für ihr Engagement im Dienst der Allgemeinheit: „Es ärgert mich aber, wenn aus Leichtsinn etwas am Berg passiert und dann andere ausrücken müssen, um zu helfen. Dass wir eine gute Bergwacht haben, spielt eine entscheidende Rolle für unsere erfolgreiche Urlaubsregion.“ Peter Mayer, Vorstand des Deutschen Alpenvereins (DAV), Sektion Freilassing dankte den Ehrenamtlichen im Namen aller Bergsteiger für ihre Arbeit, aber auch ganz persönlich, da er selbst 2011 bei einem Bergunfall am Ristfeuchthorn und sein Sohn bei einem Skiunfall in Österreich die Hilfe der Bergwacht brauchte. „Wir sind froh, dass wir die Bergwacht Freilassing haben. Sie ist eine gut organisierte Gruppe mit hervorragend ausgebildeten Männern und Frauen. Irgendwann wird auch der große Höhleneinsatz kommen und dann macht sich all Eurer Aufwand bezahlt“, lobte der Reichenhaller Bergwacht-Bereitschaftsleiter Dr. Klaus Burger.

Landesleiter Helmut Obermair und seine Stellvertreterin Monika Feichtner vom Höhlenrettungsdienst Salzburg nahmen als besondere Ehrengäste an der Jahreshauptversammlung teil, denn die Höhlenrettungsgruppe Freilassing arbeitet seit ihren ersten Gehversuchen Hand in Hand grenzüberschreitend mit den österreichischen Kollegen zusammen. „Wir behandeln die Freilassinger wie eine eigene Einsatzgruppe und haben sie fest in unser automatisches Alarmsystem aufgenommen. Die Zusammenarbeit ist sehr konstruktiv“, erklärte Obermair, der in seinem Grußwort auch zwei größere Einsatzübungen ankündigte; die erste soll bereits zwei Wochen nach Ostern stattfinden.

Zusätzlich sind die Höhlenretter 2013 bei einer großen Katastrophenschutz-Übung im Land Salzburg gefordert, bei der eine dramatische Hochwasserlage angenommen wird und die Einsatzkräfte unter anderem gleichzeitig Menschen aus zwei Höhlen retten müssen, die wegen Überflutung im Eingangsbereich nicht mehr verlassen werden können.

Pressemitteilung BRK Berchtesgaden

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