Berchtesgadener Kinderarzt war als "German Doctor" in Nairobi

"Beklemmend, wie aussichtslos dort Gegenwart und Zukunft sind"

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Berchtesgadener Kinderarzt in Mathare Valley Slum in Nairobi
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Berchtesgaden - Der Berchtesgadener Kinderarzt Dr. Michael Hohlfeld fährt jedes Jahr für rund sechs Wochen ins Ausland um dort unentgeltlich medizinische Versorgung zu leisten. Erst kürzlich ist er wieder aus dem Mathare Valley-Slum in der Nähe von Nairobi zurückgekehrt.

Der Berchtesgadener Dr. Michael Hohlfeld arbeitet als "German Doctor" in Nairobi

Zusammen mit anderen German und Austrian Doctors verbringt Dr. Michael Hohlfeld seit vielen Jahren jeweils sechs Wochen im Jahr im Ausland, um in den Entwicklungsländern unentgeltlich medizinische Versorgung zu leisten. Zum mittlerweile 4. Mal war er im Mathare Valley-Slum, einer festen Ambulanz-Station in der Nähe von Nairobi, wo neben einer basismedizinischen Versorgung auch HIV-infizierte Menschen in einem eigenen HIV-Programm betreut, unterernährte Kinder in einer sogenannten Feeding-Station wieder aufgepäppelt und an zahlreichen Slumschulen Schulspeisungen durchführt. 

Insgesamt vier Ärzte mit einem Langzeitarzt tun hier jeweils in Zusammenarbeit mit den einheimischen Kräften insgesamt circa 80 Mitarbeitern und kenianischem Verwaltungsdirektor für sechs Wochen unentgeltlichen Dienst. 

BGLand24.de hat Dr. Michael Hohlfeld zu einem Interview getroffen 

Herr Dr. Hohlfeld, zum wievielten Mal waren Sie nun schon in dem Mathare Valley-Slum? 

Ich war im Frühjahr zum mittlerweile 4. Mal für sechs Wochen vor Ort. Insgesamt war dies mein 6. Einsatz mit den German Doctors. Einmal war ich auf den Philippinen, einmal in Kalkutta und nun schon zum 4x in Nairobi.

Ich war dieses Mal wieder in der gleichen Ambulanz wie in den vergangenen Jahren und wir waren dort mit vier wechselnden Ärzten, die alle jeweils für sechs Wochen praktiziert haben. Zusätzlich gibt es noch eine Langzeitärztin für mehrere Jahre. Außerdem hatten wir wieder, genau wie im letzten Jahr zwei Studenten aus München mit dabei, die ihr Praktisches Jahr in dem Camp gemacht haben. Seit einiger Zeit darf man das PJ auch im Ausland machen und die beiden jungen Medizinerinnen haben das in einem großen Krankenhaus in Nairobi gemacht und sind auch immer regelmäßig im Camp. 

Muss man sich bewerben oder wie funktioniert es, in diesen Camps vor Ort mitzuwirken? 

Das ist gar nicht so einfach, denn es gibt sehr viele Ärzte, die gerne etwas Gutes in dieser Art tun wollen. Daher gibt es ein Bewerbungsverfahren und in der Regel gibt es pro Platz immer mehrere Bewerber. Und ich habe mich wieder sehr auf meinen Einsatz gefreut. 

Kannten Sie die anderen Ärzte vor Ort? 

Zugegebenermaßen klingt es ein wenig wie Reklame, vorher gekannt habe ich die anderen Ärzte nicht, aber wir waren ein wirklich tolles Kleeblatt. Die anderen drei waren 35 ,50 und 70 Jahre alt und wir haben die ganze Zeit wirklich mit sehr viel Spaß gearbeitet. 

Was war Ihr Eindruck der Situation im Camp dieses Jahr? 

Ich bin ein Mensch, der gerne immer nur das positive sieht. Ich erfreue mich immer sehr an den vielen lachenden Kindern dort. 

Aber es gibt auch eine dunkle Seite dort. Für jeden vor Ort gehört es dazu, einmal mit der Sozialarbeiterin zu einem Hausbesuch in den Slum zu gehen, um zu sehen wie unsere Patienten leben. Alkoholismus und Drogen sind ein großes Problem und man hört auch, dass jemand zusammengeschlagen wurde oder irgendwelche Hütten angezündet wurden. 

Dieses Jahr war der Besuch in einem besonderen Viertel, indem besonders viele Alkoholiker und Drogenabhängige leben. Ich habe mich unwohl gefühlt, es war beklemmend zu sehen, wie aussichtslos dort die Gegenwart und Zukunft aussieht. Übrigens ist solch ein Besuch nur mit den dort lebenden einheimischen Sozialarbeitern möglich. 

Was hat sich im Vergleich zu letzten Jahr geändert? Hat sich überhaupt etwas geändert? 

Es hat sich was verändert – Ja! Als jemand der ja nun doch schon oft vor Ort gewesen ist, habe ich dieses Jahr das Gefühl gehabt, dass es nicht mehr so viele unterernährte Kinder gibt. 

Außerdem habe ich den Eindruck, dass sich der Staat mehr um seine Patienten kümmert. Vor allem die HIV-Patienten werden nicht mehr so viel alleine gelassen und bekommen die notwendige Medizin. Der Staat ist sehr interessiert daran, dass diese Krankheiten nicht weitergegeben werden. 

Welche Krankheiten behandeln Sie im Camp? 

Alles mögliche, Erkältungskrankheiten, viele Bronchitiden, Asthma, Lungentzündungen, Unterenährung, Blutkrankheiten, neurologische Krankheiten wie Epilepsie, Entwicklungsstörung, Rachitis, Malaria. Bei Husten über 2 Wochen müssen wir immer an Tuberkulose denken und alle Patienten Kinder und Erwachsene werden auf HIV- Aids- getestet. 

Aber wir Ärzte behandeln in der Regel nicht die chronisch Kranken die ganze Zeit. Wir schauen uns die Patienten als erstes an und dann geben wir sie an die Medical Officers weiter. Denn diese sind ja immer da und können dann die Patienten unter Aufsicht der Langzeitärzte kontinuierlich behandeln. 

Medial Officers sind einheimische Mitarbeiter mit einem Posten, bei dem sie halb Arzt und halb Schwester sind. Diese sind auch sehr erfahren und kennen sich sehr gut aus. Viele denken ja immer, dass wir in solchen Camps nur reine Basismedizin machen. Aber es wird durchweg sehr gute medizinische Arbeit gemacht. 

Wenn ich zum Beispiel jemandem Blut abnehme, dann habe ich in der Regel innerhalb von einer Stunde das Ergebnis. Das gleiche gilt für Urin- und Stuhluntersuchen. Es gibt viele Ärzte, die ihren Jahresurlaub nehmen um in solch einem Camp zu arbeiten. Wir hatten mal eine super Ärztin, die vor Ort dann ganz tolle Ultraschalluntersuchen gemacht hat. Generell ist immer ein Kinderarzt vor Ort, ein Chirurg und zwei Ärzte aus anderen Fachrichtungen. Zum Beispiel ein Gynäkologe, Internist oder ein Allgemeinmediziner. Früher waren wir sogar noch ein Arzt mehr, das wäre toll, wenn wir wieder aufstocken könnten. 

Kommt es vor, dass man auch mal nicht auf Anhieb weiß, mit welchem Krankheitsbild man es zu tun hat? 

Wir hatten dieses Jahr zuverlässiges Internet vor Ort und das ist schon wirklich praktisch. Es gab ein paar Fälle, bei denen ich im Internet nachgeschaut, was es etwas sein könnte und man kann auch mal ganz einfach per WhatsApp Bilder an einen Kollegen schicken und sich mit jemandem beraten. 

Wir haben uns zum Beispiel sehr regelmäßig mit einem Hautarzt ausgetauscht und ihm Bilder zugeschickt. Mit dieser neuen Technik kann man sich den Rat aus der weiten Welt holen und ist nicht ganz so alleine mit allem. 

Bilder: Zurück aus Nairobi - Berchtesgadener Kinderarzt über seine Arbeit in Afrika

Lesen Sie in einem weiteren Artikel auf BGLand24.de was Dr. Michael Hohlfeld mit den Kinderpatienten erlebt und warum er auch auf dem Salzburger Christkindlmarkt Würstel und Glühwein für die Austrian Doctors verkauft

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