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Berchtesgaden: Mütter in der Schule

Zugewanderte Frauen fit für den deutschen Schulabschluss 

 Zugewanderte Frauen lernen im Berchtesgadener Land  
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Zugewanderte Frauen lernen im Berchtesgadener Land  

Der Unternehmer Max Aicher, die Caritas BGL und die Ippenstiftung haben sich im KIA-Projekt der speziell schwierigeren Integration von zugewanderten Frauen angenommen. Seit September 2020 drücken 10 Frauen aus 6 Nationen mit einigen wenigen Männern die Schulbank in der externen Mittelschulklasse im Max Aicher Bildungszentrum für Integration. Sie alle haben sich zum Ziel gesetzt, nach zwei Schuljahren den Mittelschulabschluss an einer staatlichen Mittelschule erfolgreich zu bestehen. Dies ebnet ihnen den Weg in den deutschen Arbeitsund Ausbildungsmarkt. Der Vollzeitunterricht ist für einige der Frauen nur möglich, weil im Rahmen des KIA-Projektes der Caritas die Kinderbetreuung über die Ippenstiftung für die beiden Schuljahre sichergestellt ist. 

Privater Unterricht – staatlicher Schulabschluss

Berchtesgadener Land - Das Max Aicher Mittelschulprogramm richtet sich an junge Zugewanderte ab 21 Jahren, die keinen Abschluss haben, aus dem deutschen Schulsystem herausfallen oder deren Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden. Seit 14. September 2020 bereiten sich im neuen Schuljahr 10 Frauen und 2 Männer aus 6 Nationen in Fachtrainings auf den Schulabschluss im Juli 2022 an der Mittelschule Mitterfelden vor. Erstmals ist es eine fast ausschließliche „Frauenklasse“, die hoch motiviert und engagiert tagtäglich in festen Fächern wie Deutsch, Mathematik, Englisch, Geschichte oder Soziales mit Fachlehrern den Lehrstoff für den Abschluss aufbauen. Deutsch intensiv im 1. Quartal, Zusatzmöglichkeiten wie Praxisveranstaltungen, Projektarbeiten, die B1-Deutschprüfung oder sogar der Quali… - die Damen aus u.a. Nigeria, dem Kongo, aus Afghanistan und Myanmar müssen ihren Alltag mit Familie und kleinen Kindern, dem Schulweg und dem Lernen bis ins Kleinste gut organisieren und planen. Ihr Ziel vor Augen, sich in Deutschland mit einem Schulabschluss ein selbständiges zumindest teil-finanziertes Leben aufzubauen, gehen sie unbeirrt und mit unglaublichem Fleiß ihren Weg. 

Langer Schultag

Bridget Osadebamwen kommt aus Nigeria und wohnt seit 2019 in Ramsau bei Berchtesgaden. Seit 14. September 2020 verlässt sie mit ihrem kleinen Sohn jeden Morgen um kurz nach 6 Uhr ihr Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft. Die 23-jährige nimmt den Bus nach Bischofswiesen, wo sie an der Haltestelle in der Nähe des Panoramaparks den 2-jährigen Benjamin an die Erzieherin Astrid Graupe übergibt. Frau Graupe betreut bis Unterrichtsende und der Rückkehr von Bridget den kleinen Benjamin mit 3 weiteren Kleinkindern. Dafür hat man einen geeigneten Raum gefunden, der den vielen Voraussetzungen für eine offizielle Kinderbetreuung gerecht wurde. Während Frau Graupe mit Benjamin auf dem Weg in den Raum der Unterkunft in Bischofswiesen ist, sitzt Bridget im Bus Richtung Freilassing. In Bischofswiesen sind weitere Damen zugestiegen. Gemeinsam fahren Bridget, Favour, Marie und die anderen SchülerInnen weiter. In Bad Reichenhall müssen sie in den Zug umsteigen – außer jetzt, in Zeiten der Bauarbeiten. Jetzt nehmen sie den Bus zum Bahnhof Freilassing. Sie müssen sich beeilen, um zu Fuß zum Unterricht in das Max Aicher Businesscenter in der Sägewerkstr. oder auch in die Zollhäuslstr. zu gelangen. Pünktlich um 8.30 Uhr beginnt jeden Tag der Unterricht. Zuspätkommen ist nicht gefragt, eine Ermahnung trotz allem Verständnis hört niemand gerne. Der durch Corona verkürzte Stundenplan endet um 12.20.Uhr, so dass alle Züge und Busse erreicht werden können. Den Kopf voll mit deutscher Grammatik und Rechtschreibung, mathematischen Formeln, englischen Vokabeln und sozialen Begriffen und Werten des deutschen Lebens machen sie sich auf den Rückweg, um ihre Kinder pünktlich kurz vor 14 Uhr wieder in Empfang zu nehmen und sich auf den restlichen Heimweg zu machen. 

Zugewanderte Frauen büffeln für die Abschlussprüfungen

KIA: Kinder-Integration-Alltag

Die einmalige Chance für Mütter mit Kleinkindern, eine Schule zu besuchen, bahnte sich im Frühsommer 2020 an. Die Caritas erhielt von der Ippenstiftung die Zusage, Geldmittel zur Unterstützung von geflüchteten Kindern zu verwenden. Zeitgleich wandte sich eine Migrantin mit einem kleinen Sohn an den Caritas-Fachberater Georg Suckau – sie wolle gerne die „Max AicherMittelschule“ besuchen und suche nach einer Möglichkeit, ihren Sohn in Betreuung zu geben. Der Projekt-Verantwortliche Suckau erzählt: „Intensiv dachte ich in den folgenden Wochen darüber nach, wie diese beiden Sachverhalte in ein Projekt mit Flüchtlingskindern zu gießen wären. Schnell wurde mir klar, dass es weitere Mütter mit ähnlichen Wünschen und Zielen gab. Sie alle waren fest entschlossen, in die Schule zu gehen und ebenso verzweifelt, da sich die Unterbringung der Kinder als sehr schwierig gestaltete. Eine langjährige Mitarbeiterin der Caritas und Erzieherin war uns für das Projekt zur Seite gestellt.“ Mentale Unterstützung zum Projekt kam sofort von Rainer Hoffmann, dem Caritas Geschäftsführer BGL sowie der Koordinatorin des Max Aicher Bildungszentrums für Integration, Gabriele Bauer-Stadler. Max Aicher selbst als Haupt-Sponsor im Unterrichtsprojekt zeigt sich begeistert: „Unsere Mittelschulklassen bewähren sich seit bereits 5 Jahren. Ein Frauenprojekt hierin zu führen, ist eine weitere Aufwertung unseres externen Mittelschulangebotes. Mehr als 110 Flüchtlinge und Asylsuchende konnten wir hier schon unterrichten und in gute Anstellungsverhältnisse bringen. Dass nun v.a. Mütter und Frauen den Schulabschluss machen wollen, ist ein mehr als positives Signal in Richtung Integration. Die mittelfristig gesicherte finanzielle Unterstützung zur Kinderbetreuung im KIA Projekt ist eine wichtige Maßnahme, den geflüchteten Frauen eine Beschäftigung und somit ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.“

Die kleinen Strolche

Die Betreuungsmöglichkeit für die Mütter gelang. Im Rahmen des KIA-Projektes ist seit September 2020 die Betreuung gesichert: Im Raum in der Gemeinschaftsunterkunft in Bischofwiesen toben und turnen hier nun die Kleinkinder der Mütter, die so die externe Mittelschulklasse besuchen können. Es war die einzige Möglichkeit für die Frauen, ihren Traum vom Schulbesuch wahr werden zu lassen. Favour aus Nigeria und Marie aus dem Kongo (DRC) sind unglaublich stolz und glücklich „Ich freue mich sehr, dass ich in die Schule gehen kann. Meine beiden Kinder werden hier super betreut und ich kann für meine Familie lernen“, und Marie fügt hinzu, „Meine Tochter kann ich nun beruhigt hier in der Gruppe lassen. Ich kann in Ruhe lernen. Deutsch war am Anfang ziemlich schwer. In der Vorbereitungsklasse zum Mittelschulabschluss ging es rasch besser – auch mit der online Schule. Ich will nach dem Schulabschluss eine Ausbildung machen - für ein gutes Leben hier in Deutschland.“ Die Erzieherin Astrid Graupe erklärt die Wichtigkeit des Projektes so: „Die Kinder profitieren ebenfalls davon. Sie beginnen hier frühestmöglich mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Auch werden bereits soziale Kompetenzen, Regeln und Strukturen geschult, bevor die Kinder im Anschluss in eine reguläre Kinderbetreuungseinrichtung wechseln.“ Die Regierung von Oberbayern hat den Raum zur Verfügung gestellt, er ist gut angebunden an die von den Frauen genutzte Buslinie, Landratsamt/Jugendamt sowie die Gemeinde Bischofswiesen unterstützen in Klärungen wie Brandschutz, Raumgröße und Freigaben. 

Zugewanderte Frauen fit für den deutschen Schulabschluss 

Mütter und Online Lernen – na klar

Auch in Lockdown-Zeiten zeigen die Damen unglaublichen Ehrgeiz. Nach nur etwa 4 Wochen Unterricht in der Mittelschule kam schon am 20. Okt. 2020 der 1. Lockdown für sie. Seither navigieren die Damen mit dem Smartphone durch das Mittelschulprogramm, um sich auf den Abschluss vorzubereiten. Auch im Distanz-Unterricht sind die Mütter nach einer Meinungsumfrage im Februar überglücklich, dass ihre Kleinkinder in der Strolche-Gruppe gut untergebracht sind. Der Videounterricht nach fixem Stundenplan und viele asynchrone Übungen sind die zwei Säulen einer modernen Lernmethodik und fordern den Lernenden viel Zeit und Aufmerksamkeit ab. Dennoch: über 90% Anwesenheit zeichnet die Lernenden aus. Was ist das Geheimnis?

Freiwilliges Lernen

Gabriele Bauer-Stadler, die Koordinatorin des Max Aicher Bildungszentrums für Integration fasst es so zusammen „Die Leute lernen bei uns freiwillig, es macht ihnen große Freude sich weiterzubilden. Sie lieben ,ihre Schule‘ und ihre Lehrkräfte und sind voller Motivation über ihre Lernerfolge, die sie in Richtung Abschlüsse und Arbeitsmarkteinstieg bringen “. So zeigt die Umfrage weiter, dass über drei Viertel der Befragten gern oder sehr gern online lernen (77%), nicht zuletzt weil sie zuhause bleiben und sich den langen Schulweg sparen können. Zusätzlich erledigen sie online Arbeitsaufträge in frei einteilbarer Zeit (wenn die Kinder schlafen) und lesen an den Ergebnissen unmittelbar ihre Fortschritte ab. Gabriele Bauer-Stadler ergänzt: „Hier ist klar zu hervorzuheben, dass Distanzunterricht nicht nur synchrones Lernen im Videounterricht bedeutet, sondern dass asynchrones Lernen in den zeitlich frei einteilbaren Pflicht-Übungen auf der Lernplattform eine große Rolle spielt. Methodenvielfalt in den Video-Stunden ist dennoch gefragt und für Lernende wie auch für die Lehrkräfte eine große Herausforderung. Online-Unterricht ist eben weit mehr als nur vorm Bildschirmsitzen.“

Digitale Kompetenz erwerben

Der oft kritisierte digitale Unterricht kommt also gerade bei den Müttern besser an, als man zunächst glauben mag. Waren anfangs noch Coachings über WhatsApp und Telefonanrufe an der Tagesordnung, geben inzwischen nur noch 5% an, Hilfe beim Navigieren zu benötigen. 14% der Befragten wünschen sich noch technische Unterstützung, was wohl vor allem auf Internet-/WLANProbleme in Asylunterkünften zurückzuführen ist - die Lernplattform ist in den vergangenen zehn Monaten noch keinen einzigen Tag ausgefallen. Die Frauen meistern auch den Wechsel zwischen reinem Onlinemodus und Blended-Learning mit Präsenztagen recht gut, da alle Projektpartner sich laufend gut abstimmen und jeder seine Rolle anpackt. Gabriele Bauer-Stadler: „Nur gemeinsam konnte es daher gelingen, dass alle Teilnehmenden digitale Kompetenz erworben haben und diese sich laufend verbessert - für den Arbeitsmarkt später ein entsprechendes Plus. “

Integration weiblicher Flüchtlinge

Aus Studien weiß man, dass geflüchtete Frauen mehrfach in der Integration benachteiligt sind. Sie sind eine große und weiter wachsende Gruppe. In Europa haben seit 2015 ca. ½ Million Frauen – davon rd. 300.000 in Deutschland - internationalen Schutz erhalten. Durch den Familiennachzug wird sich der Anteil weiblicher Flüchtlinge und Asylsuchenden weiter erhöhen. Weiters sind weibliche Flüchtlinge besonders schutzbedürftige Migrantengruppen, da die spezifischen Schwierigkeiten von Migranten, Flüchtlingen und Frauen hier aufeinandertreffen. Geflüchtete Frauen werden oft im Jahr nach ihrer Einreise schwanger, sie sind an zu Hause gebunden, die Entwicklung ihrer Selbständigkeit sowie ihr Sprachniveau bleiben 2-3 Jahr nach ihrer Ankunft sehr gering. Ihr Bildungsstand ist grundsätzlich niedriger als bei anderen Migranten und männlichen Geflüchteten. Wartefristen für migrationsvorbereitende Integrationsmaßnahmen wie Deutschunterricht können nur sehr schwer genutzt werden und weibliche Flüchtlinge brauchen länger als männliche, um am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aber die Erkenntnisse besagen auch, dass die Integration weiblicher Flüchtlinge enorm wichtig ist für die Integration ihrer Kinder, also der nachfolgenden Generation. Nicht nur die Arbeitsmarktintegration der Mütter wird entscheidend sein für die der Kinder, va. beeinflusst die Beschäftigung zugewanderter Mütter insbesondere die Erwerbstätigkeit der Töchter. 

Neues Schuljahr ab Sept 2021

Für einen neuen Jahrgang in den externen Mittelschulklassen haben sich bereits mehr als 20 Zugewanderte angemeldet: darunter 15 Frauen mit vielen Kindern. Damit die Teilnahme weiterer Frauen mit Kindern gelingen kann, sind wiederum viele Partner gefragt. Ein wesentlicher Bestandteil wird die Betreuungsmöglichkeit der Kinder sein. Verantwortliche der Ippenstiftung betonen, dass „wir als Ippen - Stiftung einen Beitrag leisten wollen, damit der gesamtgesellschaftliche Auftrag der Integration junger geflüchteter Menschen gelingt. Da wir selber über keinen Exekutiv – Arm verfügen arbeiten wir an dieser Stelle mit der Caritas zusammen. Besonders freut es uns allerdings, dass hier durch die Kooperation unserer Stiftung gemeinsam mit der Max Aicher Stiftung etwas Besonderes gelungen ist. Hier werden nicht nur die Kinder gefördert, indem sie beispielsweise frühzeitig die deutsche Sprache lernen. Durch das Projekt ist es auch gelungen, den Müttern die mit besonderer Zielstrebigkeit und großem Fleiß für ihre Zukunft kämpfen eine Perspektive zu bieten. An diesem Projekt entscheidend beteiligt zu sein macht uns stolz!“

Ausblick

Natürlich soll es schnell zurück in den Unterricht vor Ort gehen, wobei weiterhin ergänzend Onlinetools zum Einsatz kommen werden. Lücken durch den fehlenden Präsenzunterricht müssen geschlossen werden und der umfangreiche Lehrstoff verstärkt gelehrt werden. Die Mütter derweil genießen das Onlinelernen, es gibt ihnen die Freiheit, mehr für ihre Kinder da zu sein, auch weil sie wertvolle Zeit des Schulweges einsparen können. Max Aicher gibt sich weiter optimistisch zum erfolgreichen Unterrichtsprojekt: „Wir sehen, dass durch das Betreuungsangebot für die Kinder von zugewanderten Frauen, gerade diese mit der erworbenen digitalen Kompetenz sowohl in den Deutschkursen als auch in den externen Mittelschulklassen noch mehr Selbständigkeit im Alltag erlangen und den Einstieg in den Arbeitsmarkt besser schaffen. Für die Nachfolgegeneration werden damit Voraussetzungen für Beschäftigungen geschaffen, die als mustergültig gelten. Genau das ist unsere Zielsetzung. Weiterhin wollen wir – gemeinsam mit Partnern in einem großen Netzwerk – allen Zugewanderten und vor allem auch Müttern diese Möglichkeit bieten. “

Angela Aicher

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