Tradition verpflichtet

Vereinigte Weihnachtsschützen Berchtesgadener Land bald Kulturerbe?

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Der Vorsitzende der Weihnachtsschützen, Rudi Koller (r.), wünscht sich die Aufnahme ins UNESCO-Kulturerbe. Mit auf dem Bild: Kreisheimatpfleger Johannes Schöbinger.

Berchtesgaden - Die Vereinigten Weihnachtsschützen sollen zum Kulturerbe erhoben werden. Unterstützung gibt es aus dem Institut für Zeitgeschichte und von Bürgermeister Franz Rasp.

Die Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes könnten zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO-Kommission erhoben werden. Vorsitzender Rudi Koller hat die Weihnachtsschützen, deren Ursprünge 400 Jahre zurückreichen, für den aufwendigen Prozess angemeldet. Die fachlichen Begleitschreiben, die strengen Auflagen unterworfen sind, stammen von Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp und dem Bildungsreferenten der Dokumentation Obersalzberg, Dr. Mathias Irlinger, der in seinem „Gutachten“ auf die Schützen während des Nationalsozialimus eingeht. Immerhin der einzige Verein, dem Adolf Hitler angehörte.

Das bisherige Kulturerbe in Deutschland

Im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes befinden sich derzeit 68 Kulturformen und vier Programme. Das Verzeichnis soll von Jahr zu Jahr wachsen und die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen. „Uns gibt es ja schon seit mehreren Jahrhunderten“, sagt Rudi Koller, Vorsitzender der Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes. 

Es gibt rund 3.000 Weihnachtsschützen, davon etwa 1.100 aktive Mitglieder, die in 17 unterschiedlichen Vereinen organisiert sind. Diese Vereine sind seit 1925 wiederum zu den "Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes" zusammengefasst. 

Ziel und Zweck des Zusammenschlusses ist es, "überliefertes Brauchtum zu sichern und Traditionen zu wahren", sagt Rudi Koller. Weil dies seit Jahrhunderten geschehe, war die Anmeldung, als "immaterielles Kulturerbe" angesehen zu werden, ein logischer Schritt. Vergleichbare Aufnahmen gibt es mehrere. 

Im Dezember vergangenen Jahres wurde etwa bereits die deutsche Nominierung "Orgelbau und Orgelmusik" in die repräsentative Liste aufgenommen. In Deutschland existieren rund 50.000 Orgeln und damit die höchste Orgeldichte weltweit.  Bereits 2016 wurde die "Falknerei" als immaterielles Kulturerbe anerkannt. 

Formen dieses Kulturerbes, nicht zu verwechseln mit dem UNESCO-Welterbe, sind entscheidend von menschlichem Wissen und Können getragen. "Sie sindAusdruck von Kreativität und Erfindergeist, vermitteln Identität und Kontinuität", heißt es bei der UNESCO. Derartige Formen des Kulturerbes "werden von Generation zu Generation weitergegeben und fortwährend neu gestaltet." 

Zu den Ausdrucksformen gehören etwa Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen wie auch Bräuche, Feste und Handwerkskünste. Für eine Anmeldung zum immateriellen Kulturerbe bedarf es zweier fachlicher Begleitschreiben, die der Anmeldung beigelegt und an die UNESCO gesendet werden. Diese stammen im Fall der Weihnachtschützen von Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp und dem Bildungsreferenten der Dokumentation Obersalzberg, Dr. Mathias Irlinger, der in seinem zweiseitigen, vorliegenden Schreiben die Weihnachtsschützen in der Zeit des Nationalsozialismus betrachtet hat. 

Ambivalenz zwischen NS-Regime und Widerstand

Rund zwei Wochen lang sei er an der Arbeit gesessen, habe abends recherchiert und geschrieben, sagt Irlinger, der eine gewisse Ambivalenz im Dasein der Weihnachtsschützen erkennt. Zum einen seien sie "der einzige Verein, dem der Führer angehörte", zum anderen eine "widerstandsähnliche Bewegung", getragen von einigen wenigen Personen, die sich dem Nationalsozialismus entschieden entgegensetzten. 

Ziel des fachlichen Begleitschreibens sei keine "eindeutige Bestimmung, sondern die Ambivalenz zum Ausruck zu bringen." Das Schreiben stützt sich auf gedruckte Quellen, Sekundärliteratur sowie Einzeldokumente, die der Autor während seiner Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus an der LMU München, dem Institut für Zeitgeschichte sowie der Dokumentation Obersalzberg ansammelte. 

Weil eine systemische Archivrecherche nicht stattfand, konnte Mathias Irlinger keine "abschließende Bewertung" vornehmen. So wurde, laut Irlingers Forschungen, Adolf Hitler 1933 zum Ehrenmitglied ernannt. Er nahm die Würdigung an - "eine absolute Ausnahme", wie Irlinger konstatiert. 

Mehrfach hatten die Weihnachtsschützen Hitler, damals Reichskanzler, mit Salutschüssen begrüßt, in Abordnungen von bis zu 300 Mann. Die Salatschüsse lassen sich "in eine längere Kontinuität von Ehrerweisungen für Herrschende einordnen", schreibt Irlinger in seinem fachlichen Begleitschreiben. Hitlers Vereinsmitgliedschaft sei hingegen "ein Zeichen anderer Qualität." 

Hitler inszenierte sich in der Bergidylle, er wollte auf diese Weise seine Heimatverbundenheit darstellen, obwohl er das Weihnachtsschützen-Brauchtum selbst nie ausübte. Bei den Schützen wurde das "Führerprinzip" eingeführt, man schoss bei nationalsozialistischen Manifesten. Laut dem Historiker fanden sich auch unter den Weihnachtsschützen "Parteigenossen", die dem "Dritten Reich" in keiner Weise "distanziert gegenüberstanden." 

Allerdings störten sich NS-Funktionäre zunehmend an der Bindung der Weihnachtsschützen zum christlichen Glauben. Und genau darin liegt der Knackpunkt: Gegen die Bestrebungen, das Schießen bei Prozessionen zu verhindern, regte sich Widerstand auf Seiten des Vorstands. Die Weihnachtsschützen setzten sich sogar dafür ein, als die Berchtesgadener Franziskanermönche wegen eines Kinderlandverschickungsheims weichen sollten. 

Irlinger stellt fest, dass die Weihnachtsschützen zwar eine heterogene Gruppe darstellten, deren "gemeinsamer Nenner die Brauchtumspflege in traditionellen Forme war." Bemerkenswert sei der Umstand, dass man sich von Vereinsseite erfolgreich gegen den "Anpassungsdruck des NS-Regimes" wehrte. Berchtesgadens Bürgermeister beschreibt das Schießen der Weihnachtsschützen als festen gesellschaftlichen Bestandteil

"Das Brauchtum der Weihnachtsschützen gehört zu Berchtesgaden wie der Watzmann, unsere Tracht und unsere Sprache." Rasps Beitrag ist weniger wissenschaftlich, er bringt aber die Sache auf den Punkt, weswegen die Tradition zum Kulturerbe erhoben werden solle. 

Das Brauchtum des Schießens

Urkundlich erstmals 1666 erwähnt, wurde der Brauch des Schießens mit Handböllern von Generation zu Generation weiter gegeben. Vor rund 125 Jahren begann man, sich in Vereinen zu organisieren. Die Vereine regeln zusammen mit der Vereinigung einheitlich das Wann, Wie und Wo des Schießens. Rasp schreibt: "Dieses war und ist bestimmt durch das Kirchenjahr: bei Hochfesten wie Weihnachten, Pfingsten, Fronleichnam, Kirchweihen, kirchlichen Hochzeiten und Beisetzungen von Vereinsmitgliedern wird geschossen." Die Tradition hat sich seit Beginn an kaum verändert. Für die Weihnachtsschützen ist das ein wesentlicher Grund, in das Kulturerbe der UNESCO aufgenommen zu werden. 

Die Art der Ausübung des Weihnachtsschützenbrauchtums unterliege stets "einem gewissen Wandel des Zeitgeistes." Hervorzuheben sei, so Franz Rasp, dass Anpassungen "immer demokratisch von allen 17 Vereinen beschlossen oder verworfen werden und die Beschlüsse stets von allen respektiert werden." 

Auf das Tragen der traditionellen Berchtesgadener Tracht werde dabei ebenso einheitlich geachtet, wie bei der Ausbildung von jungen Schützen, die im Übrigen unabhängig von "Nationalität, Herkunft, Konfession und sozialer Status" erfolgt. Die strengen Regeln würden dabei als Orientierung und nicht als Einschränkung gesehen, schreibt Rasp. Rudi Koller, der Vorsitzende aller 3.000 Weihnachtsschützen, sagt, dass es das Ziel sei, in die Riege des Kulturerbes aufgenommen zu werden

Derzeit wird die Causa "Vereinigte Weihnachtsschützen" noch geprüft. Im April oder Mai soll entschieden werden, ob der Antrag erfolgreich war.

Kilian Pfeiffer 

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