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Gespräch mit dem Inhaber der Studienkreise Berchtesgaden, Wasserburg, Bruckmühl und Prien

Ohne Nachhilfe durch die Krise: „Katastrophe bahnt sich an“ - Schüler als Verlierer der Pandemie?

Mathe-Experte Albert Lex
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Bei Mathe ist es wie bei einer Leiter: Wenn Sprossen fehlen, fällt das Weiterkommen schwer, sagt Mathe-Experte Albert Lex, Leiter zahlreicher Studienkreise in der Region.

Die Corona-Pandemie hat in vielen Lebensbereichen ihre Spuren hinterlassen. Oft erreichten die OVB24 Redaktion verschiedenste Erfahrungsberichte zu Schwierigkeiten mit den Einschränkungen. Besonders die Schulkinder litten und leiden unter dem oft ausgefallenen Unterricht und Problemen beim online Lernen.

Berchtesgaden/Wasserburg/Prien - Im Interview mit BGLand24.de erzählt Albert Lex, Inhaber zahlreicher Studienkreise, beispielsweise in Wasserburg, Berchtesgaden oder Prien, von den Problemen, mit denen Schülerinnen und Schüler zu kämpfen hatten und immer noch zu kämpfen haben.

Sie sind Inhaber der Studienkreis-Filiale in Berchtesgaden. Wie sind Sie denn dazu gekommen?
Ich bin eigentlich ausgebildeter Lehrer. Ich habe von 2008 bis 2012 an mehreren Realschulen und Gymnasien als Lehrer für Biologie und Chemie unterrichtet; 2012 habe ich mich dann selbstständig gemacht und einen Studienkreis in Bruckmühl übernommen. 2014 habe ich dann zwei weitere Studienkreise in Berchtesgaden und Traunstein dazubekommen und einen weiteren in Prien eröffnet. In 2019 habe ich noch eine Studienkreis-Filiale in Wasserburg eröffnet.
Ich unterrichte selbst sehr viel. Eigentlich mehr als ich als Lehrer unterrichtet habe. Deswegen glaube ich, dass ich einen ganz guten Überblick habe, und dass ich einschätzen kann, wie es den Schülern aktuell geht.
Liegen Ihre Schwerpunkte dann auch in den Themengebieten, die Sie vorher unterrichtet haben?
Genau, also Mathematik, Chemie und Biologie.
Wie gestaltet sich die Arbeit in der Nachhilfe zu Corona-Zeiten? Ist das schwieriger geworden?
Es ist so, dass wir glücklicherweise schon recht früh auf Online-Unterricht umsteigen konnten. Das war bereits im letzten Jahr im März, als die Schüler nicht mehr in die Schulen durften. Da haben wir sofort unsere Lehrer gecoacht und verschiedene Messenger-Programme ausprobiert. Die Nachhilfe ging damit trotz Lockdown lückenlos weiter. Es ist aber natürlich insgesamt schwieriger geworden.
Über verschiedene Tools ist es zwar möglich, Nachhilfe zu geben, was aber fehlt, ist das direkte Feedback der Schüler. Ich sehe online dann nicht, was der Schüler gerade eigentlich macht. Im direkten Unterricht kann ich gleich sehen, ob der Schüler korrekt arbeitet oder etwas Falsches hinschreibt und dann direkt reagieren.
Es ist online einfach nicht so unmittelbar wie im Präsenzunterricht. Im Prinzip funktioniert es aber ganz gut und die meisten Schüler sind recht zufrieden mit dem Online-Unterricht. Aber man merkt deutlich, dass die Motivation der Schüler nachlässt, je länger sich die Situation hinzieht.
Ist die Bereitschaft, zu lernen, bei den Schülern immer noch da?
Es gibt schon eine große Bereitschaft. Die Schüler, die bisher bei uns im Studienkreis waren, sind auch größtenteils im Studienkreis geblieben und machen die Nachhilfe weiterhin. Es ist nicht so, dass wir eine große Kündigungswelle gehabt hätten dieses und letztes Jahr, weil der Bedarf einfach enorm ist. Die Schüler merken das auch selber, dass sie in vielen Fächern Nachholbedarf haben.
Was uns aber als Anbieter Schwierigkeiten macht, ist, dass wir wenig Neukunden bekommen. Den Schülern, die angemeldet sind, macht der Unterricht Spaß und die sind auch gut dabei. Aber was Neukunden angeht, gestaltet sich das schwieriger, weil aktuell jeder erst einmal darauf wartet, dass der Präsenzunterricht wieder möglich ist.
Unsere Redaktion erreichen oft Anfragen, dass die Unterstützung der eigenen Kinder bei schulischen Themen in der Pandemie sehr schwierig ist. Ist der Bedarf an Nachhilfe generell gestiegen?
Das ist ein wahnsinnig vielschichtiges Thema. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Zuerst einmal ist der Bedarf wie gesagt enorm. Ich merke das in der Nachhilfe bei uns. Viele Schüler haben Schwächen und man merkt eindeutig, dass sich ihre schulischen Leistungen verschlechtern. Das Problem ist, dass die Eltern das oft nicht merken. Normalerweise spielen hier die Noten eine große Rolle bei der Frage, ob Nachhilfe als notwendig gesehen wird. Die meisten Schüler haben allerdings oft überhaupt keine Noten und wenn sie Noten haben, sind diese teilweise sehr geschönt. Schüler, die vorher mit einer 5 in dieses Schuljahr gestartet sind, haben dann plötzlich eine 3 im Zwischenzeugnis und niemand kann erklären, wie es zu dieser Note gekommen ist, weil sie keinerlei belastbare Leistungsnachweise erbringen konnten.
Deswegen kommen viele Eltern gar nicht auf die Idee, dass die Schüler in den Fächern signifikant schlechter geworden sind. Das ist ein Punkt. Ein anderer Punkt ist, dass die Eltern natürlich mitbekommen, dass der Online-Unterricht zu Hause nicht gut ankommt. Sie merken, dass die Lehrer häufig lediglich Arbeitsblätter hochladen und die Schüler sich vieles selbst erarbeiten müssen.
Die Eltern merken natürlich auch, dass die Schüler da nicht sonderlich motiviert sind und sind dann zurückhaltend mit Online-Nachhilfe. Wenn die Kinder schon den regulären Unterricht online machen müssen, sehen viele Eltern nicht ein, ihre Kinder dann noch für eine Online-Nachhilfe anzumelden, die dann auch noch etwas kostet.
Über die letzten Monate habe ich sehr viele Anfragen von Neukunden erhalten, die Eltern wollen aber erst dann die Nachhilfe nutzen, wenn diese wieder in Präsenz möglich ist. Das ständige Online-Sein und Homeschooling geht vielen Familien sehr an die Nerven.
Was noch dazu kommt, ist, dass in vielen Familien gar nicht die nötige Infrastruktur verfügbar ist. Da sitzen dann Kinder vor dem Laptop mit weiteren Kindern im Zimmer und die Eltern sind noch dazu berufstätig. Die Netzwerkverbindung ist oft ganz schlecht. Es gibt einfach ganz viele Faktoren, die den Lernprozess beim Homeschooling stark hemmen. Die Eltern haben dann natürlich Angst, dass das in der Nachhilfe auch so läuft.
Das größte Problem ist aber glaube ich, dass die Schüler große Lücken haben. Es sind teilweise bis zu 600 Unterrichtsstunden ausgefallen. Viele Eltern haben aber noch kein Bewusstsein dafür, wie groß die Lücken tatsächlich sind.
Die Schulen und auch unser bayrischer Kultusminister, Herr Piazolo, sagen ja schon lange, dass man innerhalb der Schulen diese Lücken wieder aufholen will, nur denke ich, dass das in den Schulen alleine nicht machbar ist. Das ist meine persönliche Einschätzung zur aktuellen Lage.
Ihre Empfehlung ist also, dass man sich auch schon während der Pandemie dem Aufholen zuwenden hätte sollen?
Ja, auf jeden Fall. Es gibt ja schon Bundesländer, die das gut umsetzen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es da bereits einen Lösungsansatz: Jede Schülerin und jeder Schüler kann bis zu 30 Stunden á 45 Minuten Nachhilfe in Anspruch nehmen; auch zusätzlich zu bereits bestehenden Förderprogrammen. Die Kosten für das Unterstützungsprogramm werden da vom Land übernommen. Ähnliche Programme gibt es bereits in mehreren Bundesländern, in Bayern aber nicht. Das wäre aber ein guter Ansatz. So könnte man frühzeitig Lücken auffüllen.
Meiner Meinung nach wäre das sehr wichtig, da die Schulen ohnehin schon Schwierigkeiten haben, den Stoff komplett durchzubringen. Viele Lehrer haben schon vor der Pandemie geklagt, dass viel zu viele Stunden ausfallen und ein großer Personalmangel in vielen Fächern besteht. Meine Frage ist also, wie soll eine Schule, die ohnehin schon mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat den Unterricht abzudecken, mit bis zu 600 ausgefallenen Stunden zurechtkommen? Das kann nicht funktionieren.
Einen Teil können die Schulen sicher abfangen, aber nicht die großen Lücken, die jetzt entstanden sind.
Ist die finanzielle Belastung der Eltern ein Punkt, den Sie als Entscheidungsfaktor bei Nachhilfe erlebt haben?
Ganz häufig. Das ist ein weiterer Punkt, der natürlich noch dazu kommt. Die finanzielle Belastung vieler Eltern ist in der Pandemie noch größer geworden. Viele Eltern sind in Kurzarbeit und da wird es schwierig, noch einmal zusätzlich Geld für Nachhilfe auszugeben. Viele Eltern warten da dann lieber ab, bevor sie noch weitere finanzielle Verpflichtungen auf sich nehmen. Ich denke, das hindert viele Leute noch daran, die Nachhilfe für ihre Kinder anzunehmen.
Das ist eine der ersten Fragen, die zurzeit bei Kundengesprächen auftaucht. Was das ganze Problem noch verschärft ist, dass staatliche Programme zur Übernahme der Kosten für Nachhilfe zu Beginn der Pandemie eingestellt wurden. Im ersten Lockdown letztes Jahr haben die Ämter keine Anträge auf solche Übernahmen mehr bewilligt. Das heißt, die Zahlungen an den Studienkreis für die entsprechenden Schüler wurden eingestellt. Die Eltern, die sich das ohnehin nicht leisten konnten, hatten dann noch das Problem, dass sie Förderung für die Kinder nicht bekommen haben. Die sind dann erst mal komplett aus dem Raster gefallen.
Viele haben dann einfach keinen Antrag mehr gestellt. Es fehlt da die Unterstützung für die Familien vom Staat.
Die Pandemie hat hier also dazu geführt, dass die sozial Schwächeren hier stärker unter den Folgen gelitten haben?
Eindeutig. Es gibt auch etwas besser situierte Kunden, die von Anfang an gesagt haben, dass sie das mit dem Online-Unterricht nur im Einzelunterricht machen wollen. Die können sich das leisten und deswegen buchen sie dann Lehrer im Einzelunterricht, anstatt den Kleingruppenunterricht zu nutzen. Das können sich natürlich nur Leute leisten, die das Geld dafür haben.
Für den Großteil der Bevölkerung ist das aber nicht zu stemmen.
Angeschnitten haben wir das eingangs schon: Wie ist ihr persönlicher Eindruck von der Verfassung der Kinder? Sie meinten, dass grundsätzlich schon Motivation da ist, bei denen, die die Nachhilfe nutzen. Merkt man, dass der Frust bei den Kindern zunimmt?
Ja, eindeutig. Manche kommen ganz gut zurecht damit. Das sind dann aber die, die einen eigenen PC im Zimmer haben und die eine gute Infrastruktur zu Hause haben, wo nicht Geschwister im Hintergrund herumrennen. Die Schüler, die schon vorher sehr selbstständig waren, haben vielleicht sogar von der Situation profitiert. Viele haben zusätzliche Kompetenzen erworben, wie etwa Zeitmanagement, sich selbst etwas zu erarbeiten und vieles mehr.
Es gibt aber eben auch viele Schüler, die von vornherein schon Schwierigkeiten hatten, wenn sie zum Beispiel nicht selbstbestimmt gearbeitet haben. Da merkt man einfach, dass sehr viele Schüler mittlerweile auch fern des Online-Unterrichts eher abtauchen, einfach frustriert sind und die Motivation verloren haben.
Das gab es natürlich auch vorher teilweise bei manchen Schülern. Wir haben oft Schüler, die Probleme mit der Schule haben und da kann man im Präsenzunterricht ganz gut damit umgehen. Man kann ein persönliches Gespräch suchen, man sieht sofort, wenn der Schüler Löcher in die Luft starrt und man kann gleich intervenieren. Online geht das aber nicht. Und da merkt man, dass bei vielen Schülern die Motivation stark nachlässt und teilweise etwas anderes nebenbei gemacht wird. Es gibt einfach zu viele Schüler, die momentan in der Versenkung verschwinden.
Aber auch unter den Schülern, die vorher sehr gut waren, merkt man, dass da die Leistungsbereitschaft langsam nachlässt. Ich denke, das liegt aber nicht nur an der Stoffvermittlung im Distanzunterricht. Die ganzen Sozialkontakte fehlen einfach. Ich habe Schüler, die seit Mitte November kein einziges Mal in der Schule waren, weswegen sie ihre Freunde auch nicht sehen konnten. Für sie ist das katastrophal. Dass man dann die Motivation nicht mitbringt, wenn man schon vorab die ganze Zeit Online-Unterricht hatte, ist nachvollziehbar.
Die Schüler haben auch für das restliche Schuljahr keine Noten mehr. Da fehlt die Motivation, wofür man eigentlich noch lernen soll. Selbst wenn noch Noten geschrieben werden, sind diese nicht belastbar. Insofern haben die Schüler keine Perspektive und keinen Grund, sich da jetzt noch reinzuhängen. Da bleiben nur noch wenige Schüler, die sich da wirklich reinknien und aus eigener Motivation lernen. Das liegt wohl einfach in der Natur der Dinge.
Haben Sie eine Meinung oder eine Empfehlung, wie man seitens des Kultusministeriums besser helfen hätte können und vielleicht jetzt noch helfen kann?
Ich finde es furchtbar, wenn die Schüler so lange nicht in der Schule sein können. Es wäre auf jeden Fall denkbar, zumindest den Wechselunterricht zu ermöglichen, gepaart mit einer engmaschigen Teststrategie. Wenn da die Hygienemaßnahmen gewissenhaft umgesetzt werden, sollte doch zumindest Wechselunterricht möglich sein. Dass Schüler seit sechs Monaten nicht in der Schule waren, geht einfach gar nicht.
Es ist wichtig, dass die Schüler wieder in die Schule kommen, was ich aber auch noch ganz wichtig finde, ist, die Lehrer zu coachen, wie man eigentlich Online-Unterricht macht. Da gibt es immer noch viele, die sich hinstellen und die Schüler die Arbeit alleine machen lassen. Beim online Unterrichten haben viele Lehrer selbst massiven Nachholbedarf. Das kann nach über einem Jahr Pandemie nicht sein.
Was erhoffen Sie sich zu guter Letzt für die nahe Zukunft?
Ich hoffe, dass wir auch im Studienkreis bald wieder Präsenzunterricht machen dürfen. Ich hoffe, dass das Bewusstsein der Eltern bald dafür geweckt wird, wie groß die Lücken der Schüler eigentlich sind. Wenn ich mir ansehe, wie Schulaufgaben gemacht wurden und wie die Schüler fachlich drauf sind aktuell, dann ist das wirklich eine Katastrophe, die sich da anbahnt. Das kann unmöglich nur durch den regulären Schulunterricht im neuen Schuljahr aufgeholt werden. Das geht nicht.
Die Schüler brauchen dafür dringend Unterstützung. Und wenn das die Schule nicht mehr selber leisten kann, dann ist es wichtig, dass man auf die bestehenden Nachhilfeinstitute zurückgreift. Wir haben in unserem Team über 30 super ausgebildete Lehrkräfte, die pädagogisch und didaktisch erfahren sind und sich auch mit Online-Unterricht sehr gut auskennen. Da würde ich mir wünschen, dass dieser einfache Weg beschritten wird und nicht versucht wird, alles nur mit pensionierten Lehrkräften und Studenten aufzufangen.

mda

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