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Ein „brauner Berg“ darf strahlen

Performance-Künstler bauen Hitlers Obersalzberg in Atommüllendlager um

Obersalzburger Performance Künstler
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Münchner Performance-Künstler bauen Hitlers Obersalzberg in Atommüllendlager um.

Berchtesgaden – Einen Parcours, der die Ambivalenzen auf dem Gelände des ehemaligen Hitler-„Führersperrgebietes“ am Obersalzberg greifbar macht, haben Münchner Künstler des Pathos Theater kreiert und damit zum gemeinsamen “Nachdenken über die Geschichte” eingeladen.

Dem Umbau das Berges in ein angedachtes Atommüllendlager wurde bei der Aktionskunst unter dem Motto “Electric Mountain Obersalzberg” besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Monatelang hatten die Vorbereitungen gedauert: viele Recherchen wurden betrieben, Interviews geführt, Genehmigungen eingeholt, um das Freiluft-Experiment an Orten mit nationalsozialistischer Geschichte durchführen zu können - dort, wo Hitler einst “Mein Kampf II” verfasste und den Angriff auf Polen beschloss. Die Künstlergruppe rund um Regisseurin Caroline Kapp hatte dazu einen “Leitfaden” beschrieben, eigens Musik komponiert und ein Hörspiel aufgenommen, das Münchner Teilnehmer auf einer zur Performance gehörenden Bustour bei der Hinreise über die von den Nationalsozialisten angelegte Autobahn A8 an den Obersalzberg anhören sollten. 

Im Vordergrund standen am Obersalzberg die Schauplätze aus dem Nationalsozialismus, die teilweise seit langem abgerissen oder in Form von Ruinenfundamenten oder gar im Original auch heute noch erhalten sind. In einem Parcours wurden die Teilnehmer in einer mehrstündigen Führung von Station zu Station gelotst, eingebettet in ein “komplexes Erinnerungsfeld”, das gemeinsam begangen wurde. 

Der Künstlertrupp kreierte auf dem ehemaligen Hitler-Berg ein Szenario, in dem der Obersalzberg kurz vor dem Umbau in ein Atommüllendlager steht, 1900 Behälter mit 27000 Kubikmetern hochradioaktiver Abfälle sollen im Berg, der in der Realität von kilometerlangen Bunkeranlagen durchzogen ist, eingelagert werden - “mit einem Isolationszeitraum von einer Million Jahren”, wie die Initiatoren wissen ließen. “Kein schönes Erbe für unsere Kinder, aber es muss einfach sein.” Eine “Grabstätte für die Ewigkeit”.  

Symbolische Abtragung des „braunen Berges“

Auf dem ehemaligen Berghof-Gelände, wo noch Ruinen an einst erinnern und wo Hitler mit Blick auf die umliegenden Berge Regierungsarbeit betrieb, richteten die Münchner Künstler eine Baustelle ein, sperrten den ehemaligen “Führersperrbezirk” mit Absperrband. Die Teilnehmer bekamen Schaufeln in die Hand gedrückt, mussten in Handarbeit Erdhaufen in Löcher verfüllen und trugen somit symbolisch den “braunen Berg” ab und schafften Platz für künftigen atomaren Müll. 

Noch immer kommen jedes Jahr viele Besucher auf den Obersalzberg, stellen an Hitlers Wirkungsstätte Kerzen auf, legen Blumen nieder. “Eine Stätte für Sensationstourismus und ein Ort für die neofaschistische Szene”, sagen die Veranstalter. Vor allem rund um Hitlers Geburtstag am 20. April wird der Ort häufig frequentiert, wie Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte bestätigen. Sie betreiben die unweit vom Berghof-Gelände gelegene Dokumentation Obersalzberg.

Auf dem Obersalzberg wohnte auch Arthur Eichengrün, jüdischer Fabrikant, Pharmakologe und Miterfinder des Blutverdünners “Aspirin”. Dort galt er von Regierungsseite als “nicht erwünscht”. Eichengrüns Familie erhielt Drohbriefe, sollte vom Hitler-Berg vertrieben werden. An sein ehemaliges Wohnhaus erinnert heute nichts mehr. Für die Münchner Künstler Anlass genug, ein Hinweisschild auf dem Grundstück neben einem Waldwanderweg zu installieren, das an die jüdische Familie und die Villa Eichengrün erinnert. Über einen QR-Code erfahren Interessierte ab sofort Wissenswertes über den Miterfinder des weltweit bekanntesten, schmerzstillenden Arzneistoffs. 

Eines der Gebäude, das dem Reichssicherheitsdienst, der Leibwächtertruppe Adolf Hitlers, Unterkunft gewährte, ist das noch vollständig erhaltene Hotel zum Türken. Der auch als Quartier für Mitglieder von SA und SS dienende Komplex in Bestlage hat im vergangenen Jahr den Eigentümer gewechselt. Eine Veräußerung an die öffentliche Hand, um weiterhin einer Pilgerstätte für Neonazis entgegenzuwirken, verweigerte die Vor-Besitzerin. 2020 war das Hotel mit angeschlossenen Bunkeranlagen bei Sotheby’s International Realty für 3,65 Millionen Euro angeboten und später verkauft worden. Das Auktionshaus versprach in den Verkäuferinformationen eine “Zeitreise durch eine traumhafte Landschaft” - ohne den Namen Adolf Hitler zu erwähnen. Am Ende erwarb es eine Berchtesgadener Unternehmerfamilie. 

Schräg gegenüber dem Hotel zum Türken und in unmittelbarer Nachbarschaft der ehemaligen Villa der Familie Eichengrün, befanden sich in der NS-Zeit weitere Residenzen. Die angrenzende Erhebung wurde zum “Göring Hügel” ausgerufen: Dort baute der Führer des Reichswirtschaftsministeriums, und Kriegsverbrecher Hermann Göring ein einfaches Haus in einen repräsentativen Bau um. Ein Gewächshaus – 110 Meter lang und 26 Meter breit – wurde mit dem Ziel einer autonomen Nahrungsmittelversorgung des “Führersperrgebietes” errichtet. Der Freistaat Bayern ließ dort später einen Fünf-Sterne-Superior-Hotel-Komplex mit 138 Zimmern, Spa-Bereich und Hubschrauberlandeplatz errichten. Das Hotel Kempinski dient vor allem zahlungskräftigen Urlaubswilligen. Es sei die “Not des Freistaates Bayern”, sagen die Künstler. NS-Gesinnungstouristen sollen damit fern vom Obersalzberg gehalten werden. Als “harten Tobak” bezeichnen Teilnehmer des Freiluftausflugs die an prominenter Stelle errichtete “Hutschn”, eine Schaukel, auf der man am ehemaligen Täterort die Seele baumeln lassen kann. “Wer denkt sich so einen Scheiß aus?”.

Ein Hund in strahlender, neongelben Atom-Optik, der in die Performance eingebunden ist und dem die Teilnehmer folgen müssen, soll “künftige Generationen daran erinnern, dass der Berg kontaminiert ist” - ob als nationalsozialistischer Täterort oder geplantes Atommüllendlager ist dabei gleichgültig. 

Fundament erinnert an Zwangsarbeiter-Unterbringung

Dort, wo in Hitlers ehemaliger Theaterhalle Filmvorführungen zu Propagandazwecken gezeigt wurden und wo heute nur noch ein Ruinenfundament daran erinnert, hausten mehrere tausend Zwangs- und Fremdarbeiter, die am Ausbau des “Führersperrgebietes” mitwirkten. Die Künstler wollen an selber Stelle ein fiktives Warnsystem für das Endlager installieren. Ein DJ-Set ist aufgebaut, mehrere Lautsprecher, düstere Musik schallt brechend über die Freifläche mit Blick ins Tal. 

Die Grundsteinlegung für den Obersalzberg-Umbau wird feierlich begangen. Die einstige Heimstatt der Nationalsozialisten befindet sich, dem künstlerischen Anspruch entsprechend, auf dem Weg zum Atommüllendlager. “Der braune Berg wird zum strahlenden Ort für alle Ewigkeit”, sagt einer der Mitwirkenden.

kp 

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