Berchtesgaden - Das sagt das Landratsamt bzw. die Untere Jagdbehörde 

Jäger stellt geschmackloses Jagd-Video online - dazu laufen AC/DC-Musik und Zoomeffekte 

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Michaela Kaniber: Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ist Verfechterin der Jagd. Hier mit dem jetzigen Ministerpräsident Markus Söder auf dem Obersalzberg. Das Video, das nun im Internet kursierte, dürfte der Staatsministerin nicht gefallen.

Berchtesgaden – Als die Kugel in den Schädel des Wildschweins einschlägt, hämmert die AC/DC-Musik im Hintergrund. Die Sau sackt zu Boden, die Szene wird mehrfach wiederholt, in Zeitlupe. Der Nutzer aus dem südlichen Landkreis, der das Video auf der Plattform YouTube hochgeladen hatte, hat den mehrere Minuten langen Clip nach wenigen Tagen wieder gelöscht, nachdem kritische Stimmen aufgekommen waren. Nun äußert sich auch Landratsamt bzw. die Untere Jagdbehörde dazu.

Update, 9.15 Uhr: Stellungnahme des Landratsamtes bzw. der Unteren Jagdbehörde

Das abstoßende Video aus dem Internet beschäftigt derzeit auch die Untere Jagdbehörde. Allerdings wird man von dessen Seite aus nicht tätig werden können: „Die Jagdgesetze beinhalten keine Regelung, die die Aufahme und Zurschaustellung der Jagdausübung untersagen“, sagt Pressesprecher Andreas Bratzdrum. 

Die ethische Verantwortung, die ein Jäger im Rahmen der Jagdausübung inne hat, finde sich in der sogenannten Weidgerechtigkeit wieder. „Darunter ist die ethische Einstellung des Jägers zum Wild zu verstehen, die sich in der Art und Weise der Jagdausübung und in der Erhaltung und Hege des Wildes zeigt“, so Bratzdrum. 

Allerdings sei die Bearbeitung von Filmmaterial hiervon nicht erfasst. „Für ein Tätigwerden der Unteren Jagdbehörde gegen den Ersteller beziehungsweise Veröffentlicher des Videos besteht keine in den Jagdgesetzen verankerte Grundlage.“

Kilian Pfeiffer

Beim Landesjagdverband Bayern zeigt man sich schockiert

Es ist ein grausames Video, das ein YouTube-Nutzer da auf der weltweit größten Videoplattform hochgeladen hat: eine Drückjagd im klassischen Sinne, wo genau, ist nicht ersichtlich. Tatsächlich ist nicht die Jagd als solche verwerflich, sondern die Art und Weise, wie die mehrere Minuten lange Szene dargestellt, geschnitten und mit Effekten hinterlegt wurde. Im Hintergrund beschallt AC/DC den Zuschauer, während der Jäger seine Munition in Richtung Wildschweine abfeuert. Der Videoersteller hat viel Aufwand betrieben, sodass man als Zuschauer hautnah dabei ist, wie die Munition sich in den Schädel des Wildscheins bohrt, Fetzen und Blut spritzen, die Sau zuckend zusammenbricht. Der Zoom ist immer auf das Schwein gerichtet. Rund ein Dutzend Tiere werden in dem Video erschossen, alle haben gemein, dass sie aus dem Wald auf eine Art Forstweg getrieben werden, dort dann ohne Baumhindernis geschossen werden. 

Das Video ist auch deshalb so grausam, weil der Videoproduzent alles daran setzt, jedes Detail ersichtlich zu machen. Da bekommt das Tier dann schon mal einen Treffer in den Hinterlauf, trudelt, strauchelt, schlägt auf dem Boden ein, dann beginnt die Zeitlupe. Der nächste Schuss schlägt in den Körper, ein weiterer folgt in den Kopf. Und dazu immer der musikalische Rahmen, der nicht nur die Emotionen des Zuhörers anstacheln, sondern auch zeigen soll, dass da jemand viel Spaß an seinem abstoßenden Treiben hat, da die Bilder auf die Musik geschnitten sind. Wenn die fünfte Sau in sich zusammensackt, am Boden kauert und noch einen Volltreffer in den herangezoomten Schädel abbekommt, stellt man sich als Zuschauer unweigerlich die Frage, was mit dem Filmer dieser Szenen falsch gelaufen ist. 

Beim Landesjagdverband Bayern zeigt man sich entsetzt: „Wir haben eine ethische Verpflichtung dem Wild gegenüber“, sagt der Pressesprecher auf Anfrage. „Bei Jägern ist es gelebte Wirklichkeit, dem Tier hohen Respekt zu zollen. Solche Videos sind in keiner Weise tolerierbar“, sagt er. Der Landesjagdverband distanziere sich von solchen Zurschaustellungen. Jedes Tier habe eine „Daseinsberechtigung“, eine Entnahme müsse immerzu ethisch und moralisch vertretbar sein. „Treib- und Drückjagden gibt es in Bayern fast überall“, sagt der Pressesprecher des Landesjagdverbands Bayern. Diese seien auch durchaus wichtig, wenn sie „als richtig durchgeführte Gesellschaftsjagden“ stattfänden. Bei einer Drückjagd gehen Treiber – mit oder ohne Begleitung von Hunden – ruhig durch das zu bejagende Gebiet, in diesem Fall einen Wald, um die Wildtiere langsam in Bewegung zu bringen. Das Wild wird im Gegensatz zur Treibjagd nicht hochflüchtig aus seinen Einständen getrieben, sondern zieht in gemäßigtem Tempo durch das bejagte Gebiet. Das Wild kommt zumeist auf seinen gewohnten Wechseln auf die wartenden Jäger zu, so auch in diesem Fall. 

Bei Drückjagden wird vorwiegend Schalenwild, aber auch Fuchs und Hase bejagt. „Treibjagd und Drückjagd stellten eine Beunruhigung des Wildes dar, sagt der Pressesprecher, und hätten eine vorübergehende Vergrämung in dem Gebiet zur Folge, also eine Störung, die die Jagd ermöglicht. Tatsächlich nehme die Zahl der Wildschweine bundesweit dramatisch zu. „Die Bestände in Bayern wachsen“, heißt es beim Landesjagdverband Bayern. „Den Tieren geht es hier sehr gut, die Lebensumstände sind optimal, natürliche Feinde gibt es keine.“ Anders als etwa bei Rehen, die maximal zwei Junge bekommen, bekommen Wildschweine, die zum Schwarzwild zählen, „häufig mehr Junge, wenn es ihnen gut geht.“ Strenge Winter seien selten, demnach sei auch die kalte Jahreszeit keine große Gefahr mehr. Die Population vergrößert sich also, Landwirte sind besorgt, da Wildschweine für deren Arbeit eine Gefahr darstellten, Maisfelder verwüsteten und für Unruhe sorgten. 

Beim Landesjagdverband Bayern heißt es, dass der Fall geprüft werden müsste. Denn würde in dem Video zusätzlich ein Tier gequält werden, könnten seitens der Unteren Jagdbehörde Ermittlungen eingeleitet werden. Beim Landesjagdverband habe man kaum Möglichkeiten, Sanktionen auszusprechen. „Wir können lediglich empfehlen, etwa, dass ein Jäger aus dem Verein ausgeschlossen wird“, sagt der Pressesprecher. Der Jagdschein könnte entzogen werden. Bei strafrechtlichen Verstößen drohten weitere Strafen. „Es ist allerdings nicht verboten, ein Video zu machen und das mit Musik zu unterlegen“, sagt der Sprecher, der das Vorgehen in jedem Fall als „geschmacklos“ bezeichnet. Der Jäger, der das Video hochgeladen hat, hat auf eine schriftliche Anfrage bislang nicht reagiert. Bei der Unteren Jagdbehörde im Landratsamt gibt man sich ebenfalls entsetzt, prüft derzeit den Fall. Eine Stellungnahme liegt bislang noch nicht vor. Ebenfalls noch ausbleibend ist die Antwort von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, die die Jagd in den vergangenen Monaten immer wieder vollmundig gelobt und deren Wichtigkeit unterstrichen hatte. „So ein Video ist verbandsschädigend“, sagt der Sprecher: „Es ist eine Schande für die Jagd.“ 

Kilian Pfeiffer

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