Hitzige Diskussion über Neubauprojekt auf Grundstück der Villa Schön

„Supergau am Ortseingang“

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Modell des geplanten Neubauprojektes

Berchtesgaden - „Runter vom Gas, Korruption lasse ich mir nicht vorwerfen“, so lautete die Antwort des Berchtesgadener Bürgermeisters Franz Rasp, nachdem ihm während einer öffentlichen Diskussion im Rathaus ein Berchtesgadener Architekt unterstellt hatte, Baugrund einem österreichischen Unternehmer zugeschustert zu haben. Überhaupt waren die Wortmeldungen emotional. Der Grund: Ein 6.000 Quadratmeter großes Grundstück am Ortseingang soll auf großer Fläche entwaldet und mit hochpreisigen Wohnungen bebaut werden.

Für Zahnarzt Ludwig Römhild ist die aktuelle Situation im Talkessel unerträglich, das Wort der „Nachverdichtung oder Innenverdichtung“, das das Nutzen freistehender Flächen innerhalb bereits bestehender Bebauung meint, ist für ihn ein Graus: „Im Talkessel hat sich bei den Bürgern der Eindruck eingestellt, dass alles durchgewogen wird, aber am Ende Bauinvestoren bestimmen, wie es auszusehen hat.“ 

Konrad Müller, selbst vor 40 Jahren zugezogen, sagte, „dass es mich befremdet, welche Ausmaße das alles bereits angenommen hat.“ Große Neubauprojekte mit astronomischen Quadratmeterpreisen würden es Einheimischen unmöglich machen, Wohnraum kaufen zu können. „Man muss sich fragen, in welche Richtung das alles führt und ob die Gemeinde überhaupt weiß, wo wir in zehn Jahren stehen sollen.“ Er warnte davor, dass der Ort am Ende ein zweites Garmisch-Partenkirchen werden könnte. „Wenn sie könnten, würden sie das Rad am liebsten zurückdrehen“, sagte er. 

Tatsächlich wird das Thema über den „Ausverkauf von Berchtesgaden“ an Stammtischen heiß diskutiert, so Müllers Einschätzung. Ein Projekt mit derartigen Ausmaßen, wie das auf dem Grundstück der Villa Schön am Ortseingang, habe er noch nie miterlebt. „Wir stehen noch ganz am Anfang und befinden uns gerade in einer Boomphase“, sagte Müller. „Die Maxime des Handelns müsste sein, ein solches Projekt als Volksvertreter nicht mitzutragen.“ 

Schadet das Projekt dem Ortsbild?

Auch Franz Kuchlbauer, der viele Jahre lang Hausmeister in der Villa Schön war, machte seinem Ärger über das Großprojekt freien Lauf: „Das ist ein einzigartiger Naturfleck mit wunderschönem Baumbestand“, sagte er. Naturschutz- und Denkmalschutzbehörden sollten sich der Sache endlich annehmen. Der Berchtesgadener und ehemalige Gemeinderat Michael Widmann warnte vor „Spekulationsobjekten“. Und Wilhelm Gschossmann befürchtet, dass auf dem Grundstück an der Bayerstraße „eine Luxusbebauung stattfinden wird, die ihresgleichen sucht – für Einheimische ist das nicht finanzierbar“. 

Die Zweitwohnungsproblematik brachte ein Bischofswieser Bürger ins Spiel. „Es muss bekämpft werden, dass Auswärtige den hiesigen Wohnraum einnehmen.“ Er selbst wohne in der Stanggaß. Die Stanggaß gilt als Bischofswieser Ortsteil zu den teuersten Gegenden im Talkessel, zahlreiche Villen finden sich dort. „In meiner direkten Nachbarschaft werden vier Häuser als Zweitwohnsitz genutzt“, sagte er. Er forderte die Gemeinden auf, eine Auflistung aller Zweitwohnsitze im südlichen Landkreis anfertigen zu lassen, um einen besseren Überblick zu bekommen. 

Tatsächlich ist die Stimmung im Ort am Kippen. Denn das Wohnungsthema beschäftigt immer mehr Bürger. Mittlerweile haben sich in mehreren Gemeinden Interessengemeinschaften gegründet, die gegen Neubauprojekte vorgehen wollen und hohe Verkaufspreise anprangern. Gemeinderat und Unternehmer Dr. Bartl Wimmer, der das Hotel Geiger gekauft hatte und dort ein neues Hotelprojekt plant, sagte, dass die Planung auf dem 6000-Quadratmeter-Grundstück „unglücklich und am Bedarf vorbei“ sei. „Das ist schlecht für das Ortsbild, eine fatale Fehlentwicklung.“ Er erinnerte an den hohen Flächenverbrauch in Bayern, „wir sind da Spitzenreiter – mit weitem Abstand.“ 

„Die Stimmung in der Bevölkerung ist schlecht.“

Eine Berchtesgadenerin wollte von Berchtesgadens Bürgermeister wissen, welche weiteren Bauprojekte geplant seien. „Überall soll massiv bebaut werden.“ Für sie sei klar, dass das Grundstück „Außenbereich im Innenbereich“ ist. Architekt Martin Hafenmair sagte, dass es forciert werde, „dass auswärtige Unternehmer im Talkessel alles übernehmen.“ Ob Jennerbahn, Fernwärmenetz oder Hotelbauprojekt am Königssee. Den Gemeinderäten warf er vor, überfordert zu sein. Und auch der Kreisbaumeister habe „keine Ahnung von Architektur und wie ein Ort aussehen muss.“ Hafenmair sagte, dass sich die Gemeinde bei einem Bauprojekt im Nonntal für einen österreichischen Investor entschieden habe, anstatt dass Wohnbauwerk günstige Wohnungen bauen können. Er forderte, einen Gestaltungsbeirat einzurichten, der bei Neubauprojekten Mitspracherecht habe. 

Ein anderer Bürger fragte, warum man die Villa Schön nicht einfach „in die Planung einbeziehen kann“. Paul Grafwallner vom Bund Naturschutz attestierte dem Projekt von Unternehmer Martin Harlander, ein „Supergau für den Ortseingang“ zu sein. Grafwallner, der mit dem Bund Naturschutz bereits mehrfach gegen Projekte, so etwa bei der Jennerbahn, erfolgreich geklagt hatte, kündigte an, die Sache prüfen zu lassen. „Es gibt immer Möglichkeiten, sich einzubringen.“ Grafwallner sagte, dass er sich nicht auf „Aussagen des Landratsamtes verlassen werde“, zumal die „Halbwertszeit der Landratsamtsjuristen aus welchen Gründen auch immer sehr gering ist.“ Er forderte die Gemeinde auf, mehr Druck auf Neubauprojekte auszuüben. „Die Stimmung in der Bevölkerung ist schlecht.“ Dafür gab es lauten Applaus im Rathaussaal. 

Rasp wehrt sich gegen Korruptionsvorwürfe

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Matthias Weiser aus Ramsau, selbst gebürtiger Wilhelmshavener, der ein Haus am Hintersee gekauft hat, machte deutlich, dass es nicht Ziel sein könne, den Ort aus wirtschaftlichen Zwecken umzugestalten. „Es reicht, dass Wilhelmshaven eine scheußliche und hässliche Gegend ist.“ Für Berchtesgadens Bürgermeister hat der Erhalt der Heimat oberste Priorität, sagte er. „Wir bauen keine grünen Wiesen voll, der Rest wird aber über die Nachverdichtung geregelt.“ Dem Grundstückseigentümer Martin Harlander stehe bei Baurecht zu, Bestandsgebäude abzureißen, zumal kein Denkmalschutz auf der Villa liege. 

Rasp wehrte sich dagegen mit Martin Harlander unter einer Decke zu stecken. „Korruption lasse ich mir nicht nachsagen. Es gibt bei uns keine Gefälligkeiten.“ Hätte der Markt Berchtesgaden die finanziellen Möglichkeiten, würde man überlegen, das Grundstück selbst zu kaufen. „Bei 4.500 Euro pro Quadratmeter sind wir aber aus der Sache raus“, sagte er. 

Konrad Müller zeigte sich am Ende ratlos: „Überall leere Gesichter, es kann nicht sein, dass man gegen so ein Projekt nichts machen kann, aber das ist mein Eindruck.“ Helmut Langhof brachte den Vorschlag ein, dass sich Bürger zusammenschließen sollten, um solche Projekte stemmen zu können. Martin Harlander möchte die vier Neubauten verwirklichen, sagt, dass ein großer Teil des Baumbestands erhalten bleibe. „Bauinvestoren sind keine Wohltäter“, schloss Diskussionsteilnehmer Ludwig Römhild den wortreichen Abend.

Kilian Pfeiffer

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