Kundennähe statt Internetanonymität

"Bitte unterschreiben Sie": Darum bitten die Apotheker

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Bahnhofapotheke Berchtesgaden
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Berchtesgaden - In vielen Apotheken liegen sie derzeit aus. DIN A4 große Unterschriftenlisten, die ein großflächiges Apothekensterben stoppen wollen. Das hat es damit auf sich:

Laut einer aktuellen Auswertung der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA), erlauben sieben der 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten, zum Teil unter sehr strengen Bedingungen. Neben Deutschland gehören zu diesen Ländern auch Dänemark, Estland, Finnland, die Niederlande, Schweden und Großbritannien. 

Medikamentenbestellung per Internet? 

Die anderen Länder machen von ihrem Recht Gebrauch, die Rahmenbedingungen für ihr eigenes Gesundheitswesen auf nationale Ebene zu setzen. Das sind immerhin rund drei Viertel aller EU-Mitgliedsstaaten. Im Jahre 2003 bestimmte der Europäische Gerichtshof, dass jeder EU-Mitgliedsstaat den Versandhandel mit rezeptfreien, jedoch nicht mit verschreibungspflichtigen Medikamenten freigeben müsse. Nun gibt es eine neue EuGH-Entscheidung, dass die deutsche Arzneimittelpreisverordnung für ausländische Versandapotheken nicht gilt. 

Die Folge: Ausländische Versandhändler drängen auf den deutschen Markt und gefährden die flächendeckende Versorgung durch die Apotheken vor Ort. 

Sind unsere Apotheken in Gefahr? 

"Die deutsche Politik ist jetzt dringend gefordert: Der Gesetzgeber muss seinen Handlungsspielraum wiederherstellen, um den Patienten auch in Zukunft eine funktionierende Arzneimittelversorgung garantieren zu können", so ABDA-Präsident Friedemann Schmidt. 

Und ergänzt: "Das Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln in Deutschland wäre europarechtlich zulässig. Wir sollten keine weiteren Apothekenschließungen riskieren. Die Apothekendichte liegt in Deutschland schon heute unter dem europäischen Durchschnitt. Wir wollen ein starkes Signal an die Politik senden und zeigen, dass der Wunsch nach dem Erhalt unserer guten Versorgungsstruktur in der Bevölkerung groß ist.Ich bitte alle Apothekenkunden und Patienten, für die Zukunft der Arzneimittelversorgung in Deutschland zu unterschreiben". 

Bahnhof-Apotheke Berchtesgaden 

Auch Ulrike Fellner, Inhaberin der Bahnhof-Apotheke Berchtesgaden, und ihr Team, informieren täglich ihre Kunden, was es mit den Unterschriftenlisten auf sich hat: "Wir kämpfen um die flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln und der dazugehörigen wichtigen Beratung unserer Kunden, inclusive der Serviceleistungen, wie Blutdruckmessungen, Babywaagen- und Milchpumpenverleih, kostenloser Lieferservice, Anfertigen u.a. von Individualrezepturen und Teemischungen. Und zwar in den Apotheken vor Ort und von Mensch zu Mensch!", so Ulrike Fellner. 

Und ergänzt: "Immer mehr Online-Apotheken bieten Medikamente zu einem kostengünsti-geren Preis an, als wir ihn als Standortapotheke vor Ort halten können, der aber vor allem eine immer geringer werdende Arzneimittelsicherheit inkludiert. Wir dürfen stolz sein, dass wir in Deutschland dieses sichere Arzneimittelgesetz haben, die jeden Hersteller und Patienten vor Gefahren schützt. Deshalb haben unsere Arzneimittel zu Recht ihren Preis.

Wir garantieren für unsere Arzneimittel!

Das Manko der Online-Anbieter ist außerdem die fehlende persönliche Beratung, keine Sonderserviceleistungen, wie z.B. kostenlose Alkoholtupfer für Thrombosespritzen, Abgabe von zusätzlichen Applikatoren oder Einmalhandschuhen für verordnete Salben, abgesehen von der ungeklärten Importsituation der verschickten Arzneimittel", so Fellner im Gespräch mit BGLand24.de und erklärt: "Wir, in den Apotheken vor Ort, garantieren für unsere Arzneimittel:

  • Bei uns werden unsere Kunden beraten, wichtige Fragen geklärt und auch wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet. 
  • Wir stellen Rezepturen her, die der Arzt verordnet , z.B. Kapseln für herzkranke- oder Mucoviszidosepatienten, Salben, Cremes und Tinkturen für Hautkranke, Nasentropfen für Spezialfälle usw. usf. 
  • Wir messen Kompressionsstrümpfe zu Hause bei nicht mobilen Patienten an und wenn es notwendig ist, fahren wir unsere Kunden auch mal nach Hause. 
  • Unsere Mitarbeiter, je nach Qualifikation, haben langjährige pharmazeutische Ausbildungen absolviert und wissen wovon sie reden. 
  • Insbesondere bei Schwangeren, Kindern, chronisch Kranken, Akutpatienten oder älteren Leuten kann so eine Beratung fast schon lebenswichtig sein. 

Es heißt nicht umsonst: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

Natürlich besteht unser Umsatzvolumen mittlerweile nicht mehr rein aus Medikamenten, sondern auch zu einem großen Teil aus vielen Zusatzprodukten, die aufgrund unserer Gesetzeslage und der Krankenkassenarbeit notwendig geworden sind. Aber der wichtigste Part ist immer noch die Belieferung von Rezepten mit Arzneimitteln und die dazugehörige Beratung, sowie die ergänzende Versorgung mit Heilmitteln.

Mit der Unterschriftenaktion hoffen wir, die Kunden über die Gefahren aufzuklären und den Gesetzgeber zu einem Umdenken zu bringen. Denn: Je mehr Geschäft uns der Online-Handel wegnimmt, desto weniger fachkompetent werden unsere Patienten versorgt und immer weniger Apotheken vor Ort können überleben. 

Die Folge wäre ein schlimmes Apothekensterben, was für alle Verbraucher immense Folgen haben würde. Nicht umsonst heißt es: 'Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker'!"

Apothekendichte in Deutschland 

Die Apothekendichte in den 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) liegt im Durchschnitt bei 31 Apotheken pro 100.000 Einwohner. Mit 25 Apotheken pro 100.000 Einwohnern liegt Deutschland unter diesem Durchschnitt. Derweil hat Frankreich mit 33 Apotheken eine leicht überdurchschnittliche Apothekendichte, während Italien und Polen mit jeweils 30 Apotheken zwar unter dem EU-Schnitt, aber immer noch über Deutschlands Apothekendichte liegen.

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