Brauchtum in Berchtesgaden

Weihnachtsschützen: Herbei mit dem Christkind

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Berchtesgaden - Die Hunde gehen in Deckung, kleine Kinder erschrecken sich und mancher Tourist schüttelt ungläubig den Kopf. Wozu eigentlich diese Knallerei?

Es ist wieder soweit – die Weihnachtsschützen sind am Werk und schiessen das Christkind "ein", soll heißen herbei! Eine Woche vor Heiligabend geht es los. Seitdem wird pünktlich um 15 Uhr täglich bis zum Heiligabend geschossen was das Zeug hält. Genau wie Krampus, Buttenmandl & Co. gehören die Weihnachtsschützen zum Berchtesgadener Brauchtum, dass zur Weihnachtszeit und zu Berchtesgaden dazugehört und dementsprechend gelebt, geliebt und gepflegt wird! 

Und wer einmal bei beim Schießen hautnah dabei war, der kann sich kaum dem Bann entziehen, den die Schützen und ihre Schießerei auslösen. Und in der Regel vergeht übrigens auch das leichte Taubheitsgefühl auf den Ohren recht schnell wieder.

Vertreiben der bösen Geister

Der Ursprung der Schießerei ist nicht mehr so genau rekonstruierbar. Wie bei vielen Brauchtümern heißt es auch generell bei den Schützen, dass „die bösen Geister vertrieben und die Fruchtbarkeit geweckt werden soll(en)“. Auch die Wurzeln der Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land sind ebenfalls ursprünglich im heidnischen Lärmbrauchtum zu finden. Schon vor vielen Jahrhunderten versuchten die Menschen im Berchtesgadener Land die düstere, kalte Jahreszeit mit Kettengerassel und Glockenläuten zu vertreiben und die Natur wieder aufzuwecken.

Christkindlanschiessen und mehr

Nicht vertrieben, sondern begrüßt werden soll das Christkind durch die Weihnachtsschützen, die im Berchtesgadener Land traditionell aktiv sind. Eine Woche vor dem Heiligen Abend, genauer gesagt am 17. Dezember, wird das Christkind um 15 Uhr lautstark "eingeschossen". Bis zum 24. Dezember wiederholt sich dies täglich zur gleichen Uhrzeit. Am 24. Dezember, vor der Christmette, von 23:30 bis 24 Uhr, findet dann das eigentliche Weihnachtsschiessen statt. Wenn die Christmette um 24 Uhr beginnt, tritt Ruhe ein. Lediglich während der Wandlung sind sechs einzelne Schüsse zu hören

Das ist aber noch nicht alles. Auch an Silvester dürfen die Weihnachtsschützen nochmal ran. Von 23:45 Uhr bis 0:15 Uhr wird das alte Jahr verabschiedet und das neue Jahr begrüßt. An Neujahr selber sind die Schützen ebenfalls vereinzelt unterwegs, um das Jahr noch ein paar Mal zu begrüßen.

Hier wird geschossen

Versucht man dem Hall der Schüsse zu folgen, dann dürfte man ziemlich orientierungslos im Berchtesgadener Tal umherirren, denn der Hall der Schüsse, die oberhalb des Ortes abgegeben werden, ist weithin zu hören und kaum zu lokalisieren. Gut demjenigen, der die hell erleuchteten Sterne erblickt, die in regelmäßigen Abständen auf einmal von oben auf die Ortschaft herableuchten. Hier darf geschossen werden.

Und nicht nur dass, zwischen Heiligabend und Silvester erleuchtet hier die Jahreszahl des aktuellen Jahres. Also 2016. Pünktlich um Mitternacht verändert sich die „6“ in eine „7“ und die nächsten Tage leuchtet die 2017 weithin.

Berchtesgadener Brauchtum

Die Tradition der Berchtesgadener Weihnachtsschützen gibt es ausschließlich im südlichen Teil des Landkreises Berchtesgadener Land. Die Schützen sind wirken vorwiegend an kirchlichen Festen aktiv. 

Die Weihnachtsschützen tragen während des Schießens eine Variante der Berchtesgadener Tracht, die sich u.a. durch eine blaugraue Joppe und den Schützenhut mit Spielhahnfeder auszeichnet. Die erste urkundliche Erwähnung und Beschreibung des Weihnachtsschützenbrauches geht auf das Jahr 1666 zurück.

Die Weihnachtsschützenvereine

Rund 3.500 Weihnachtsschützen gibt es, circa 1.500 davon sind aktive Mitglieder, die seit 1925 zunächst in 12, mittlerweile in insgesamt 17 Vereinen organisiert sind. Seit 1925 sind die einzelnen Vereine zu den „Vereinigten Weihnachtsschützendes Berchtesgadener Landes“ zusammengefasst

Der Zusammenschluss soll dabei helfen dass überlieferte Brauchtum zu sichern und aufrechtzuerhalten. Im späten Mittelalter wurde übrigens einmal versucht die Weihnachtsschiesserei zu verbieten. Hauptsächlich um das Wildern zu verhindern. Da die Verbote aber nicht wirklich befolgt wurden, gab man dem Weihnachtsschießen schließlich einen christlichen Sinn. 1874 wurde in der Strub der erste Weihnachtsschützenverein des Berchtesgadener Landes gegründet. 1887 folgten die Oberherzogberger.  Weihnachtsschützen mit der Weihnachtsschützengesellschaft.

Die einzelnen Vereine und ihre Gründungsdaten

  • 1874 Strub
  • 1887 Oberherzogberg (Schönau am Königssee)
  • 1896 Stanggaß
  • 1907 Maria Gern
  • 1907 Untersalzberg (Salzberg)
  • 1908 Ramsau bei Berchtesgaden
  • 1910 Schönau
  • 1911 Ettenberg
  • 1921 Bischofswiesen
  • 1921 Obersalzberg
  • 1922 Königssee
  • 1922 Au
  • 1926 Winkl
  • 1929 Götschen
  • 1935 Oberstein
  • 1947 Berchtesgaden-Markt
  • 1980 Engedey

Ein wenig Geschichtliches

In der Zeit des Nationalsozialismus hielten die Weihnachtsschützen an ihrem Brauchtum fest und widersetzten sich einer Vereinnahmung ihres Brauchtums durch den Nationalsozialismus. Nur wenige Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es bereits zu den ersten Spannungen, als sie versuchten, die enge Bindung der Weihnachtsschützen an die kirchliche Tradition zu unterbinden. 

In ihrem Widerstand profitierte der Verein davon, dass er Adolf Hitler, der seit 1923 immer wieder in Berchtesgaden war, im Jahre 1933 zum Ehrenmitglied ernannt hat. "Hitler soll sich mehrfach positiv zu diesem Brauchtum geäußert haben. Aufgrund dieser hohen Protektion konnte sich der Verein dem Einfluss der lokalen und regionalen NSDAP-Parteifunktionäre weitgehend entziehen", so Wikipedia.
Wie stark die Weihnachtsschützen waren, zeigte sich auch bei der Auseinandersetzung um die geplante Auflösung des Franziskanerklosters Berchtesgaden. Mit Hilfe des Vereins wurde der Konvent erhalten, die Franziskaner (OFM) blieben in Berchtesgaden. Sie zelebrierten weiterhin ihre Gottesdienste und mussten nur vom Kloster in das Pfarrhaus übersiedeln.

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