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Pfarrer in Berchtesgaden und Kurat in Freising

Ungeschöntes Priesterleben: Dr. Walter Brugger (93) stellt seine Memoiren vor

Ungeschöntes Priesterleben: Dr. Walter Brugger (93) stellt seine Memoiren vor
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Walter Brugger hat seine Memoiren von langer Hand geplant.

Mit der Klischeevorstellung vom zölibatär lebenden katholischen Priester möchte Dr. Walter Brugger aufräumen, Höhen und Tiefen beschreiben, die schonungslose Brutalität, die das Seelsorgerdasein mit sich bringt.

Berchtesgaden - Mit 93 Jahren, dachte er sich, sei es „eine gute Zeit, meine Memoiren zu veröffentlichen”. Walter Brugger, langjährig Pfarrer in Berchtesgaden, später Kurat in Freising, gilt als streitbar, als hart gesottener Diskutierer, wie ihm Weggefährten attestieren. Der in Marquartstein lebende Geistliche hatte sich als Mitherausgeber und Autor der mehrere tausend Seiten umfassenden „Geschichte von Berchtesgaden” einen Namen gemacht und las nun aus seinem aktuellen Werk „Unterm Gipfelkreuz des Lebens”

Walter Brugger war schon lange nicht mehr zu Gast in Berchtesgaden, dort, wo er 13 Jahre lang als Pfarrer arbeitete. Mitte der 1990er-Jahre kam der Krebs, „ich hatte ihn nicht bestellt”, sagt er. Brugger beendete daraufhin seine Zeit in Berchtesgaden. Bis 2020 wirkte er als Kurat an der Wallfahrtskirche „Zum Gegeißelten Heiland” in der Wies bei Freising. Heute verbringt er seinen Ruhestand in einem Stift in Marquartstein. „Ich hatte Zeit”, sagt er. Vor ihm liegt das Buch “Unterm Gipfelkreuz des Lebens”, sein Buch, das im besten Fall nicht das letzte ist. Es ist sein neuestes Werk, der Rückblick auf ein langes, aber erfülltes Leben, wie er sagt. Der promovierte Theologe hat es in Steno geschrieben. „Es war schwierig, jemanden zu finden, der den Text überträgt.”

Walter Brugger, der 1956 zum Priester geweiht wurde, später als Kaplan in Traunstein und München wirkte, sagt: „Es war mir ein großes, persönliches Bedürfnis, diese Memoiren zu schreiben.” Gewidmet hat er sie dem „großen Theologen” Joseph Ratzinger, Papst em. Benedikt XVI, mit dem ihn eine langjährige, bereichernde Freundschaft verbindet. Walter Brugger sagt, er möchte mit seinem Buch das „teilweise verzerrte Bild von uns zurechtrücken und so darstellen, wie es wirklich ist”. Dass das Bild seines Standes und das der Kirche nach etlichen Missbrauchsskandalen schief hängt, habe nicht zuletzt „seinen Grund in der eigenen Schuld”. Brugger ist überzeugt davon, dass es noch viel „Aufräumarbeit” benötigt zur Rückgewinnung verlorenen Vertrauens in die Institution Kirche, die ihm zeit seines Lebens Kraft gab.

Walter Brugger hat seine Memoiren von langer Hand geplant. Reich bebildert und mit über 200 Motiven versehen ist das 240 Seiten starke Werk, in dem man den Werdegang von früher Kindheit bis ins hohe Alter verfolgt. „Dafür haben wir 40 Fotoalben durchforstet”, verrät der Kirchenmann.

Und gleich zu Beginn räumt er mit einer weit verbreiteten Vorstellung auf, äußert Unverständnis gegenüber jenen, die vorschlagen, katholische Pfarrer sollten doch auch heiraten können: „Offensichtlich verweigert man uns Pfarrern ein Paradies.” Allerdings, ergänzt Brugger, sei er in dieser Hinsicht vorsichtig geworden, das zu glauben. Wundervolle Zeiten, aber auch Krisen gebe es nicht nur im Dasein als Priester, sondern natürlich auch in Ehen.

Anfänglichen Irrungen und Wirrungen während der Kindheit im NS-Regime folgten bei Walter Brugger stürmische Jugendjahre, geprägt vom Flakhelfer- und Reichsarbeitsdienst. Eine abenteuerliche und in jeder Hinsicht lebensbedrohende Flucht aus dem Reichsarbeitsdienstlager am Tatzelwurm bei Brannenburg im bayerischen Inntal brachte schließlich die Wende und die für den damals jungen Mann gebetsbegleitende Entscheidung, Priester zu werden. Brugger berichtet in seinen Memoiren darüber, welche Tragweite „eine solch gravierende Richtungsentscheidung” für einen jungen Mann mit sich bringt und welche Anforderungen der „Dienst vor Gott und für die Menschen” beinhaltet.

Für die Menschen da zu sein, das stellte den Pfarrer mehrfach vor große persönliche Herausforderungen, vor allem in seiner Rolle als Seelsorger, die ihn in manchen Momenten an den Rand der Hilflosigkeit brachte.

„Ich hatte gerade eine Taufe in Berchtesgaden”, berichtet Walter Brugger. Draußen Sirenen. Mehr als gewöhnlich. „Wäre gut, wenn du hinfährst”, mit diesem Hinweis machte sich der Priester auf zu einer Landwirtschaft Richtung Maria Gern. Die Meldung: drei Tote. Angekommen, habe Brugger eine Frau erblickt, „sie stand da wie eine Säule” - mit zwei Kindern, die sie fest mit ihren Händen hielt. Der Bruder, die Schwägerin und der Ehemann waren gestorben - in der Jauchegrube. Wie reagieren, was sagen?

Die Tränen treibt es ihm dann aber in die Augen als er von einem 33-jährigen Familienvater aus Berchtesgaden berichtet, der mit den vier- und siebenjährigen Töchtern mit dem Auto Richtung Marktschellenberg unterwegs war. Ein Überholmanöver, Gegenverkehr, das Fahrzeug mit der jungen Familie kracht gegen Bäume. „Heimgegangen mit ihrem Vater”, sagt Brugger. Gefragt als Seelsorger besuchte er die Witwe, „die verlassene Mutter zweier Töchter”.

„Ich hatte panische Angst”, sagt Walter Brugger. „Will sie mich überhaupt sehen” - diese Frage beschäftigte den Geistlichen. „Sie hätte sagen können: ‘Auf Ihren Gott vertraue ich nicht mehr.’” Brugger habe Hilfe „von oben” erfleht. Die Begenung sei ein Moment gewesen, den er nie mehr vergessen werde. Die Frau saß auf der Couch, in den Armen hielt sie die Puppen der verstorbenen Mädchen. „Ich durfte mich neben sie setzen, sie umarmen und gemeinsam weinen.” Auf das „Warum”, darauf habe er keine Antwort. Überzeugt ist Brugger aber, dass frömmelnde Wort nicht angebracht seien, „die wären nur Gift”. Die Rolle als Seelsorger erfordere viel Kraft.

Dann schweigt er lange, greift nach einem Taschentuch. „In dieser Schärfe habe ich vergleichbare Situationen in meinen 25 Jahren als Kurat in Freising nicht erlebt.” Es ist jetzt kurz vor Mittag. Brugger schaut auf die Uhr: „Um halb zwölf möchte ich zum Mittagessen”, sagt der Priester. Das pünktliche Mittagsmahl ist zum Ritual geworden. Dort erwarte ihn gleich ein warmes Weißbier. Das werde ihm gut tun.

kp

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