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„Kein Hitler-Museum“

Dr. Sven Keller gibt Einblicke in die lang erwartete Ausstellung der Dokumentation Obersalzberg

Dr. Sven Keller gibt Einblicke in die lang erwartete Ausstellung der Dokumentation Obersalzberg
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Ende dieses Jahres soll der Erweiterungsbau der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Ein begehbares Realexponat wie ein Bunker, nüchterne Architektur und ein Ausblick auf Ende des Jahres: Inhaltliche Einblicke in die millionenteure und seit Jahren erwartete Erweiterung der Dokumentation Obersalzberg gab Dr. Sven Keller, fachlicher Leiter der Einrichtung vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, beim jüngsten Obersalzberg Gespräch. 

Berchtesgaden - Als Markus Söder noch bayerischer Finanzminister war, äußerte er die Erwartung, die Eröffnung des Erweiterungsbaus der Dokumentation am Obersalzberg könne im Jahr 2018 erfolgen. Ende 2022 soll es nun so weit sein, nach vielen Querelen, nach Kostensteigerungen und Bauverzögerungen. Das Bauwerk, das in einem Berghang liegt, ist mittlerweile fertiggestellt. Den Rest des Jahres benötigen die Ausstellungsmacher zur Installation. Auf rund 800 Quadratmetern soll die Ausstellung mit dem Titel „Idyll und Verbrechen” eingerichtet werden, knapp dreimal so groß wie bisher.

Der Ort gilt als eng verknüpft mit Adolf Hitler. Der Obersalzberg war der zweite Regierungssitz des NS-Staates: „Hier entstand viel Propaganda-Bildmaterial”, sagt Sven Keller. Hitler als Kinderfreund, Hitler als nahbarer Führer, Hitler als Tierliebhaber. Gleichzeitig traf Hitler auf 1000 Höhenmetern Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Von der Euthanasie über den Vernichtungskrieg im Osten bis hin zum Völkermord seien auf dem Obersalzberg zunächst Planungen, dann finale Entscheidungen getroffen worden. „Es gibt kaum ein Politikfeld, das nicht auf die eine oder andere Art und Weise damit verknüpft wäre”, sagt Keller. Hitler verbrachte knapp ein Viertel seiner Regierungszeit auf dem Obersalzberg. „Von der zeitlichen Quantität macht das deutlich, wie wichtig der Ort war.” Man beabsichtige aber in keinem Fall ein Museum über Hitler umzusetzen, sondern ein Hitler-Museum.

Dr. Sven Keller vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Er ist fachlicher Leiter der Dokumentation Obersalzberg. 

All das soll in fünf Kapiteln gezeigt werden, auf die der fachliche Leiter so detailliert wie bislang nie zuvor einging. Zunächst soll auf dem Areal in Kapitel eins der historische Ort vorgestellt und die historische Topographie des Geländes erklärt werde. Das geschieht über ein neu entworfenes Obersalzberg-Modell, das den Ort im Jahr 1944 zeigt.

Authentisches und Originals aus der NS-Zeit: Davon ist heutzutage nicht mehr viel vorhanden. „Unsere Besucher müssen sich zunächst zurechtfinden”, sagt Sven Keller. Geklärt werden sollen im ersten Kapitel auch Fragen, wie Hitler überhaupt zum Obersalzberg kam. Auch der engste Kreis rund um Hitler wird beleuchtet. „Es war ein eigentümliches Mischungsverhältnis zwischen privatem Wohnsitz und Machtzentrale”, sagt Keller.

Wie Propaganda-Bildwelten inszeniert wurde, was die Choreographie dahinter und die Intention ist, damit befassen sich die Historiker in einem eigenen Abschnitt und dekonstruieren die NS-Bildwelten anhand mehrerer Beispiele.

In Kapitel zwei weiten die Ausstellungsmacher ihren Blick und fokussieren sich auf die Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht die Volksgemeinschaft, die mehrere Aspekte unter sich vereint: Zum einen den integrativen und inklusiven Teil sowie jenen über die Verfolgung und Ausgrenzung derer, die nicht dazugehörten. „Das ist eng miteinander verschränkt”, sagt fachlicher Leiter Keller.

In der Ausstellung soll anhand von Orten am und um den Obersalzberg gezeigt werden, wie Ausgrenzung stattfand und wie die Verfolgung Einzelner begann. „Wir wollen nicht mit einem Zeigefinger auf den Obersalzberg deuten, sondern zeigen, dass dieses Vorgehen etwas Alltägliches war und vor der eigenen Haustür stattfand.” Bis es schließlich zum Völkermord führte.

Kapitel drei will die Expansionspolitik des Dritten Reichs in den 1930er-Jahren erklären. Dabei geht es etwa um politische Entscheidungen wie das Berchtesgadener Abkommen im Vorfeld des sogenannten „Anschlusses” von Österreich. Ein gewichtiger Teil wird dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. „Wir erzählen dabei exemplarisch und wollen uns nicht zu weit vom Obersalzberg entfernen”, sagt Keller.

Erzählt wird ausgehend vom Obersalzberg, der als klassischer Täterort gilt. Ein Abschnitt beschäftigt sich mit einem Schwerpunkt zum Überfall auf Polen im Jahr 1939. Dieser wurde in weiten Teilen in Hitlers Regierungssitz in Berchtesgaden vorbereitet. Im Fokus steht auch das Frühjahr 1941, als es am Berg um die Vorbereitung des verbrecherischen Krieges gegen die Sowjetunion ging.

Kapitel vier stellt den zentralen Part der neuen Ausstellung dar, die „Täterort und Tatorte”. NS-Größen wie Albert Speer, Martin Bormann und Hermann Göring hatten hier ihre Wohnsitze. Joseph Goebbels und Heinrich Himmler kamen zu Regierungsgesprächen. Die Entscheidungen, die am Täterort getroffen wurden, hatten Auswirkungen auf die Tatorte in ganz Europa.

Fünf Tatorte seien ausgesucht worden, sagt Keller. „Sie alle decken verschiedene Verbrechenskomplexe ab.” Dabei steht Hartheim für die sogenante Euthanasie, der Mord an Menschen, deren Leben nach NS-Ideologie nicht lebenswert war. Zwischen 1941 und 1944 fiel die jüdische Bevölkerung Litauens durch Völkermord beinahe vollständig zum Opfer, „Holocaust durch Erschießen”, sagt Sven Keller. Auch Auschwitz wird Teil der Ausstellung sein, zudem Leningrad: „Der Ort steht für den Vernichtungskrieg im Osten.”

In Kapitel fünf werfen die Historiker einen Ausblick auf die Zeit danach, klären Fragen, wie jene, wie der Krieg am Obersalzberg endete und wie später mit dem historischen Ort umgegangen wurde. Anhand einer Fülle an Exponaten, die teils eng mit dessen Vorbesitzern verbunden sind, soll Wissenswertes transportiert werden. So wird den Ausstellungsbesuchern etwa ein Zigarettenbilder-Sammelalbum präsentiert. Solche habe es zwar bereits in den 1920er-Jahren gegeben. Aber die NS-Propaganda sah darin große Chancen, kooperierte etwa mit einem Zigarettenhersteller und brachte Alben mit Führerbildern und Bildern vom Obersalzberg heraus.

„Die Leute konnten sich die Bildchen errauchen”, sagt Sven Keller. Ein Zeitzeuge aus Berchtesgaden erinnert sich an seine damalige Sammelleidenschaft, und wie er sich die Hitler-Bilder am Schulhof ertauschte. „Uns ist es auf diese Weise möglich zu zeigen, wie NS-Propaganda bis ins Kinderzimmer vordringen konnte, so wie die heutigen Fußballsammelalben”, weiß Keller.

Ein Schlaglicht wird zudem auf einen originalen Obersalzberg-Bunker gelegt, der in die Erweiterungsausstellung integriert wird. „Wir behandeln den Bunker nicht als klassische Ausstellungsfläche. Es ist ein begehbares Realexponat.” Einordnen, kontextualisieren, aufklären, so lauten die Ziele. Hinzu kommt: Die Bunkerwände zieren unzählige Bunkerkommentierungen aus der Bauzeit, aus der Kriegszeit und der Zeit danach. „Wir wissen, dass viele unserer Besucher vom Bunker fasziniert sind und genau deswegen vorbeikommen.”

Es gebe jede Menge Interessantes zu entdecken, sagt Keller. So haben sich in der monumentalen Anlage unter Tage auch italienische Zwangsarbeiter verewigt, die beim Bau des Bunkers anwesend waren, aber auch französische Soldaten, die an die Wände schrieben, als sie den Ort zu Kriegsende mit ihren Inschriften „besetzten”.

Der Erweiterungsbau der Dokumentation Obersalzberg soll voraussichtlich Ende des Jahres eröffnet werden.

kp

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