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Weniger Touristen für mehr Qualität?

„Besser statt mehr”: Berchtesgaden will mehr Qualität verwirklichen

Dr. Markus Lassnig von der Salzburg Research Forschungsgesellschaft (l.), Dr. Herta Neiß und Dr. Andreas Praher von der Universität Linz haben sich zwei Jahre mit Berchtesgaden als Tourismusort beschäftigt.
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Dr. Markus Lassnig von der Salzburg Research Forschungsgesellschaft (l.), Dr. Herta Neiß und Dr. Andreas Praher von der Universität Linz haben sich zwei Jahre mit Berchtesgaden als Tourismusort beschäftigt.

Vom Nischenthema zum Trend-Begriff geworden ist die Nachhaltigkeit. Für den Tourismus werden dafür seitdem Ideen und Konzepte entwickelt. Alpenregionen wie Berchtesgaden nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Im Interreg-Projekt „Qualitätstourismus Alpenraum” erarbeiten Vertreter der Fachhochschule Salzburg und der Johannes Keppler Universität Linz grenzüberschreitende Strategien für die nachhaltige Entwicklung eines sogenannten Qualitätstourismus für die Alpendestinationen.

Berchtesgaden – So häufig das Schlagwort „Nachhaltigkeit” fällt, so inflationär wird dieses mittlerweile in allen Lebenslagen gebraucht. Auch im Tourismus ist die Nachhaltigkeit seit längerem angekommen, wie auf einem Tageskongress in Berchtesgaden deutlich wurde. Eingeladen hatte der Zweckverband Bergregion Berchtesgaden und dabei mit Partnerregionen in Bayern, Salzburg und Oberösterreich kooperiert, die Teil des Interreg-Projekts im Alpenraum sind. 

Dass die Alpenregion aufgrund ihrer naturräumlichen Gegebenheiten, des angestammten Tourismus und des kulturellen Erbes ein enormes Potenzial hat, darüber ist man sich einig. Doch wie soll es weitergehen, wenn die Gästezahlen weiterhin steigen, Overtourism und Hot-Spot-Bildung zum Alltag werden, wenn Einheimische ihrer eigenen Gäste überdrüssig sind? Was tun, wenn Blechlawinen die alpine Region weiterhin überrollen und Gebiete, wie im Nationalpark Berchtesgaden geschehen, wegen zu vieler Besucher auf Jahre hin geschlossen werden müssen? 

Zusammenarbeit mit Uni Linz und FH Salzburg

„Die zukünftige Entwicklung des Tourismus in alpinen Destinationen hängt wesentlich davon ab, wie nachhaltig tourismuswirtschaftliche Strategien angelegt sind”, sagen Dr. Herta Neiß und Dr. Andreas Praher von der Johannes Keppler Universität Linz, die sich über zwei Jahre lang unter anderem mit der Region Berchtesgaden beschäftigt haben.

In Begleitung der Fachhochschule Salzburg und der Salzburg Research Forschungsgesellschaft hatten sie die drei Projektregionen Berchtesgaden auf bayerischer Seite und die österreichischen Tourismus-Orte Wagrain-Kleinarl sowie den Wolfgangsee analysiert. Fünf Arbeitspakete gab es. Aus diesen sind entsprechende Empfehlungen und Leitlinien für ein nachhaltig touristisches Management im Alpenraum abgeleitet worden. Die Zuständigen befragten 1550 Gäste, führten Zielgruppenanalysen durch, arbeiteten mit Bewegungsdaten zur Analyse von Besucherströmen mittels Mobilfunkdaten. 

Konventionelle Strategien können an ihren negativen Folgen scheitern

So heil, wie der Tourismus in Berchtesgaden in der zum „Qualitätstourismus Alpenraum” begleitenden PR-Broschüre – herausgegeben von der Universität Linz und der Fachhochschule Salzburg – beschrieben wird, ist die Situation schon lange nicht mehr. Wissenschaftler im Bereich der Tourismusforschung wie Rachel Dodds und Richard Butler vertreten die Ansicht, „dass Destinationen zwangsläufig an einen Punkt kämen, an dem sich konventionelle Strategien leerlaufen oder an ihren negativen Folgen scheitern” könnten. 

Der Kern des touristischen Nachhaltigkeitsgedankens bestehe darin, die ökonomischen und kulturellen Vorteile des Tourismus zu maximieren und die negativen Auswirkungen durch Verkehr, Emissionen und Übernutzung von Ressourcen zu minimieren. Vor diesem Hintergrund ist das Konzept der Nachhaltigkeit zu einem Leitmotiv für die Entwicklung des Tourismus geworden. 

Berchtesgaden schneidet bei Besucherumfrage sehr gut ab

Nun sei Schulterschluss aller relevanten Akteure notwendig. Für die Tourismusforscher ist der Schlüssel zum Erfolg „Authentizität”. Ohne emotionale Verbundenheit der Akteure und ohne Entschlossenheit, einen eigenen Weg zu gehen, „bleiben touristische Nachhaltigkeitskonzepte oberflächlich und zahnlos”, heißt es in dem Prospekt.

Laut Besucherumfrage schneidet Berchtesgaden beim Gesamterlebnis und dem touristischen Angebot zwar mit 80 Prozent sehr gut ab. Das generelle Erleben bewerteten Gäste in Berchtesgaden und beurteilten die Region mit 65 Prozent auch als „nachhaltig”. Naturnah und authentisch - dahingehend gibt es kaum Zweifel bei Touristen

Öffentliche Verkehrsmittel ausbaufähig

Eine Diskrepanz zeigt sich aber beim touristischen Wachstum. Die Erfahrungen entsprechen nicht den Erwartungen. 74 Prozent der Gäste in Berchtesgaden erachten ein „angemessenes touristisches Wachstum” für wichtig, aber nur 60 Prozent erleben es als angemessen. Einen deutlichen Nachholbedarf gibt es bei der Erreichbarkeit der Urlaubsregionen mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Berchtesgaden gilt hier als ein Negativbeispiel. Ein Großteil der Gäste kommt sowieso mit dem Auto. Dank Gästekarte ist kostenloses Busfahren zwar möglich und wir auch auch von einem Dreiviertel der Besucher genutzt. Alternative Mobilitätsangebote? Über die Hälfte der Urlauber vermisst diese. Obwohl es schon seit Jahren Überlegungen gibt, Car-Sharing-Projekte zu initiieren. 

Jüngere Gästeschicht soll angesprochen werden

In ihrem Fazit sind sich die Touristiker einig, dass die Erreichbarkeit der Destinationen mit öffentlichen Verkehrsmitteln „in den nächsten Jahren darüber entscheiden wird, ob diese von einer jüngeren Gästeschicht aufgesucht werden oder nicht”. Gerade bei jungen Menschen im urbanen Lebensumfeld seien Führerschein- und Auto-Besitz nicht mehr selbstverständlich. Gleichzeitig steigen Rohstoff- und Treibstoffpreise. In diesem Kontext spielen weitere alternative Mobilitätsangebote eine entscheidende Rolle.

Subsumieren lassen sich die Ergebnisse der Projektforschung unter dem Schlagwort „Besser statt mehr”. Deutlich wird, dass auf Seiten von Gästen kein Bedarf besteht an einem Ausbau der bestehenden Hotel- und Skilift-Infrastruktur. Erst vor wenigen Jahren war die Bergbahn am Jenner für eine Multimillionensumme – und mit großzügiger Unterstützung des bayerischen Freistaats in Höhe von rund zehn Millionen Euro – neu gebaut worden. Anstatt weiterer Seilbahn- und Bettenkapazitäten besteht der Wunsch nach „moderner und Ressourcen-schonender Infrastruktur”. 

Workshops sollen helfen

Die Zukunft des Tourismus wird also zur Qualitätsfrage. Mit Hilfe von Workshops mit Tourismus-Stakeholdern und der einheimischen Bevölkerung versuchten die Verantwortlichen, deren Sichtweisen in das Projekt einzubinden und Maßnahmen zu entwickeln, um Berchtesgaden, die Wolfgangsee-Region und Wagrain-Kleinarl noch stärker als „lebenswerte Destinationen” zu positionieren. Ob digitales Parkplatzmangement, eine neue Wirtshauskultur oder gestärkte Ortskerne: In vielen Bereichen sammelten die Teilnehmer Ideen.

Einheimische könnten künftig als Teil touristischer Erlebnisse dienen: Der Alphornbauer von nebenan könnte zum „Showevent” zur Bedürfnisbefriedigung von Gästeerwartungen werden. Ein besonderer Fokus wird einer neuen Wegeplanung zuteil, und auch ein einheitliches Wohnmobilkonzept ist künftig nicht nur erwünscht, sondern dringend notwendig. Während der Corona-Pandemie hatte der Berchtesgadener-Talkessel Bekanntschaft mit einer Wohnmobilflut gemacht, wie diese der Tourismusort noch nie erlebt hatte.

Ökologie soll als Lebensgrundlage begriffen werden

Die Regionalität, vor allem der Konsum und die damit verbundene Förderung regionaler Wertschöpfungsketten spielt dabei eine wesentliche Rolle, wie Gästebefragungen ergeben haben. Künftig soll die Ökologie wieder als Lebensgrundlage begriffen werden. Jede Tourismusregion lebt von ihrer Identität. Gäste, so haben es die Umfragen ergeben, suchten Sinn-Erfahrungen, wollen auf ihren Reisen berührt werden und Kultur erfahren. „Dieses Verständnis eines erweiterten Kulturtourismus schafft neue Identifikationsräume und eröffnet der Tourismusbranche neue Handlungsfelder und Wertschöpfungsmöglichkeiten”, teilen die Projektverantwortlichen Herta Neiß und Andreas Praher von der Johannes Keppler Universität Linz mit.

kp

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