„blanker Hohn“ in Berchtesgaden

Begräbnisstätte von Hitler-Unterstützer soll verschwinden

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Das Grabmal von Dietrich Eckart.

Berchtesgaden – Plastiktulpen, ein weißer Engel, zwei Kerzen: Dass Dietrich Eckarts Grabmal, das des Ideengeber Hitlers, auf dem Berchtesgadener Friedhof erhalten bleiben soll, ist für Christoph Karbacher nichts weiter als „blanker Hohn".  

„Ich kann nicht verstehen, dass hier ein pharaonengleiches Denkmal des wichtigsten Hitler-Unterstützers hochgehalten wird.“ Widerstand kommt auch aus den Reihen der Angehörigen, deren Vorfahren im Krieg gefallen sind.

Natürlich könnte man sagen: „Das ist alles lange her – und überhaupt: das interessiert doch keinen mehr“, sagt Christoph Karbacher. Karbacher war früher Kunstlehrer am Gymnasium. Schon immer geschichtlich interessiert. Einer, der im Ruhestand damit begann, sich mit Herzblut der Geschichte zu widmen. Auf sich aufmerksam machte er, als er vor fünf Jahren damit begann, alte Gedenktafeln, die an 150 im Krieg gefallene Berchtesgadener erinnern, zu erneuern. 

Gedenktafeln wurden von Trophäenjägern geklaut

Viele Tafeln waren im Laufe der Jahrzehnte kaputt oder verloren gegangen oder von Trophäenjägern geklaut worden. Mit Taschenmessern waren diese herausgebrochen worden: „begehrte Souvenirs“, weiß Karbacher. Deshalb hat er in monatelanger Arbeit die Geschichten einzelner Soldaten recherchiert, aufgearbeitet, viel Zeit verbrachte er im Archiv, arbeitete eng mit den Gemeinden zusammen, suchte die Angehörigen der Toten auf, um an Infos und alte Fotos zu kommen. 

Seitdem er sich dem Projekt widmet, konnten 36 Tafeln neu gestaltet werden, kleine Bilder in Medaillonform, umrahmt von einem Bronzerahmen. 

Ein besonderes Schicksal ist etwa jenes der drei "Laxerbuam vom Haus Sonnenschein". Drei Gefallene aus dem Zweiten Weltkrieg. "Das Schlimme ist, dass es sich um drei Brüder handelte - Franz, Anton und Sebastian", so Karbacher. Alle drei Brüder im Bild gemeinsam zu vereinen, sei kein einfaches Unterfangen gewesen. Über vertrackte Recherchewege stieß Karbacher dann auf einen Verwandten in München, der nicht nur ein Bild hatte, sondern sich auch gleich noch bereit zeigte, einen stattlichen Betrag für die keramischen Portrait-Medaillons zu stiften. 

"Mitverursacher der Katastrophe.“

Dank zahlreicher Spenden und der Unterstützung der Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreiner Berchtesgadener Land erstrahlt die alte Friedhofsmauer wieder in neuem Glanz – samt neu gestaltetem Rundbogen und der Erinnerung an die jungen Männer, die im Krieg gefallen waren. 

Genau gegenüber, nur ein paar Schritte entfernt, liegt Dietrich Eckart begraben, Hitlers Mentor, einer, der zwar den Zweiten Weltkrieg nicht selbst miterlebt hat, aber maßgeblich an Hitlers ideologischer Entwicklung beteiligt war. Karbacher bezeichnet Eckart als „Mitverursacher der Katastrophe.“ Dessen Grab war bis vergangenes Jahr in privater Hand, wurde gepflegt – bis es an den Markt Berchtesgaden zurückfiel. 

Für Karbacher ist das Grabmal mit dem großen Stein, dem goldenen, verwischten „Dietrich Eckart“-Schriftzug, „ein Unding“. Umrahmt wird das Grab von zwei rund fünf Meter hohen Koniferen, mächtigen Pflanzen, die in den Himmel ragen. Für Karbacher ist das eine „irrsinige Megalomanie“ angesichts der bierdeckelgroßen, an der Friedhofsmauer befindlichen Medaillons, die an die gefallenen Soldaten erinnern. Wenn es nach ihm geht, muss das Grab, auf dem ein großer weißer Engel samt Kerzen und Plastiktulpen zu finden ist, weg. 

Dietrich Eckarts Grabmal ein Fall für Denkmalpflege?

Auf einem der Grablichte steht: „Wir vermissen dich.“ Das Grabmal entfernen zu lassen, haben sich mittlerweile mehrere Berchtesgadener zur Aufgabe gemacht. Wenn es nicht jene Pläne gäbe, die der Markt Berchtesgaden verfolgt: weil der „Alte Friedhof“ in Berchtesgaden als Ensemble unter Denkmalschutz steht, ist auch Dietrich Eckarts Grabmal ein Fall für das Landesamt für Denkmalpflege. 

Und dort wünscht man sich dessen Fortbestand. Im Hinblick auf die „zeitgeschichtliche Auseinandersetzung mit der Person Eckarts sei ein „Erhalt der Grabstelle auch im Sinne der Denkmalpflege geboten“, heißt es in einer vorliegenden Stellungnahme. Gleichzeitig verweist man auf die fachlichen Empfehlungen des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), das die Dokumentation Obersalzberg verwaltet. 

Erhalt stößt auf Unverständnis

Das IfZ meint zum Begräbnisort des geistigen Ziehvaters Hitlers: „Wir halten das Grab von Dietrich Eckart aus historischen Gründen grundsätzlich für erhaltenswert.“ Wenngleich man einräumt, dass an dieser Stelle nicht positiv an ihn erinnert werden dürfe. Nicht mit Informationstafeln oder dergleichen, sondern mit einer eigens herausgegebenen Informationsbroschüre, in der über die auf dem Friedhof Begrabenen und deren Geschichten aufgeklärt wird. Dass das Dietrick-Eckart- Grab bleiben soll, kann Karbacher nicht verstehen. 

So auch viele Angehörige nicht, deren Verwandte im Krieg fielen. Albert Steinbacher etwa, Siegfried Wendl oder Eugen Kellner befürworten die Auflösung des Grabmals, das immer wieder Rechtsgesinnte anlockt und zu einem Besuch ermuntert. Karbacher sagt: „Was müssen diese im Kreig, fern der Heimat verstorbenen Männer nur denken, wenn direkt gegenüber ein völlig überdimensioniertes Grabmal de Ideengebers Hitlers steht?“ Sein Vorschlag: Das Grab zu entfernen und in die Obhut des Instituts für Zeitgeschichte zu übergeben. „Hier, in unserem Friedhof brauchen wir es nicht.“

Kilian Pfeiffer

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