Buchkunst in Berchtesgaden

Kathrin John faltet 3D-Kunst in die Seiten dicker Schmöker

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Das Falten entspannt Kathrin John.

Berchtesgaden - Orimoto ist die Kunst, Bücher mit Eselsohren in zwei- und dreidimensionale Objekte zu falten. Kathrin John aus Berchtesgaden betreibt diese besondere Technik nun seit zwei Jahren.

Die Buchkunst, die sie dabei schafft, ist nicht nur sehenswert: „Das Verfalten von Buchseiten ist auch äußerst beruhigend.“

Kathrin John hat einen anstrengenden Job. Sie ist in der Pflege tätig, betreut Wachkomapatienten. Oft nehme ich die Schicksale mit nach Hause“, sagt die Berchtesgadenerin. Über eine Arbeitskollegin wurde sie auf Orimoto aufmerksam. Der Begriff lehnt sich an „Origami“ an. Origami ist die Kunst des Papierfaltens. Ausgehend von einem zumeist quadratischen Blatt Papier entstehen durch Falten zwei- oder dreidimensionale Objekte wie etwa Tiere, Papierflieger, Gegenstände oder geometrische Körper. 

Orimoto stammt aber von einem Deutschen, Dominik Meissner, der den Namen ganz bewusst wählte. „Ori“ bedeutet wie bei „Origami“ falten, „Moto“ ist einer der japanischen Begriffe für Buch. „Das Verfalten eines Buches kommt nicht aus dem asiatischen Raum“, sagt Kathrin John, während sie vor einem 550-Seiten-Schmöker sitzt, den sie nun bearbeitet. „Bearbeiten“ bedeutet in diesem Fall: Sie faltet einen Schriftzug, ein „Hallo“ in die Sichtkante eines Buches. Fächert man dieses auf, erscheint „Hallo“ in großen Lettern. „Das kann man sich perfekt ins Bücherregal stellen“, sagt John, während sie ein Dreieckslineal entlang einer Markierung legt und die Buchseite im 45-Grad- Winkel knickt. Nicht nur Schriftzüge sind mit Hilfe dieser Technik möglich, sondern auch Objekte, Logos oder auch – für sehr fortgeschrittene Orimoto-Künstler – Porträts einzelner Personen. 

3D-Faltkunst aus Berchtesgaden

„Als ich das das erste Mal gesehen habe, war ich fasziniert“, sagt Kathrin John, die mit einem Prägestift jene Linie entlangfährt, die in wenigen Sekunden eingeknickt, gefaltet und dann mit den Fingernägeln glatt gestreift wird. Je umfangreicher ein Buch ist, je mehr Seiten es also hat, desto umfassendere Kunstwerke sind möglich. Auch, wenn die Kunstfertigkeit nicht schwer zu erlernen sei, sagt John, bedarf es doch einiger Vorstellungskraft, um das Kunstwerk am Ende fehlerfrei darzustellen. Das in das Buch zu faltende Objekt wird erst gezeichnet und dann auf die Buchseitenanzahl umgerechnet. Danach wird die Umrechnung auf die Sichtkante des Buches übertragen. 

„Das Erste, was ich gefaltet habe, war ein Weihnachtsbaum“

Kathrin John hat als Vorlage mehrere Seiten ausgedruckt, die den „Hallo“-Schriftzug umgerechnet auf das 550-Seiten-Buch darstellen. So weiß sie auf einen Blick, wie sie welche Seite zu falten hat. „Das Erste, was ich gefaltet habe, war ein Weihnachtsbaum“, erzählt sie. Schon nach kurzer Zeit wagte sie sich an schwierigere Objekte. Für ihre Tochter, deren Hochzeit damals bevorstand, brauchte sie ein besonderes Geschenk. Sie wollte ein 1200-Seiten-Buch mit dem Namen der Braut und dem des Ehemanns zieren. 

„Ich bin daran fast verzweifelt“, erzählt sie. Tagelang saß sie vor dem Buch, immerhin musste jede einzelne Seite geknickt werden. Das Problem: Es kommen mehrere Techniken zum Tragen. Motive können sich dann dreidimensional auf der Sichtkante des Buches „erheben“ oder aber dort „versenkt“ werden. Es existieren zahlreiche Kniffe, „ich kann auch nach zwei Jahren bei Weitem noch nicht alles“, sagt Kathrin John, die sich die Bücher, an denen sie arbeitet, meist auf dem Flohmarkt holt oder gebraucht im Internet bestellt. 

Meist liest sie diese, bevor sie mit dem Verfalten loslegt. Damit schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe. „Lesen ist eine meiner großen Leidenschaften.“ Ausschau hält sie sowieso nur nach dicken Schmökern. „400 Seiten muss ein Buch schon haben, um es anständig bearbeiten zu können“, sagt sie. Für John ist die künstlerische Betätigung nicht nur ein schöner Zeitvertreib, sondern auch die perfekte Art, „runterzukommen.“ Entspannend wirke es auf sie, „das kann ich nur jedem empfehlen.“ 

Noch ein "junges" Hobby

Die Buchfaltkunst ist recht neu, dennoch haben sich im Internet mittlerweile viele Gruppen Gleichgesinnter gefunden, die ihre Ergebnisse untereinander austauschen, Tricks und Tipps verraten und sich gegenseitig bei Problemen helfen. In der Tat hat Kathrin John in den vergangenen zwei Jahren rund 150 Bücher bearbeitet, vom hübschen 3D-Stern, in den man sogar eine LED-Kerze hineinstellen kann über ein komplexes 3D-Herz bis hin zur Watzmann-Silhouette. Teilweise sitzt sie dann viele Stunden zuhause, oft abends, markiert die Seiten, faltet, schneidet das Papier ein, Seite für Seite. 

Etliche Videoanleitungen im Internet führen in das umfassende Thema ein. Einer Bekannten hat sie kürzlich die Fußabdrücke ihres Neugeborenen auf die Seiten eines Buches „gefaltet“. Im Laufe ihrer künstlerischen Betätigung hat sie schon unzählige „Tonnenbücher“ produziert. So nennt Kathrin John jene Bücher, die Fehler aufweisen, wo sie etwa falsch markiert hatte, dementsprechend das Faltmuster nicht mehr übereinstimmte und sie das angefangene Werk „entsorgen“ musste. Als nächstes möchte die Künstlerin eine Uhr realisieren. 

Eine ganz spezielle. Das Ziffernblatt erscheint auf der Sichtkante des Buches, samt Auskerbung, in die dann ein Uhrwerk mit Zeiger gesetzt wird. Das Buch dient dann als optimaler Zeitanzeiger für das Regal. In mehreren Ebenen zu falten, das sind die ganz besonderen Herausforderungen, die sie in den kommenden Monaten perfektionieren möchte. Und irgendwann will sie sich dann auch mal an ein aufwendiges Porträt wagen. Noch ist das Zukunftsmusik. Die Geduld, ein solches umzusetzen, hat Kathrin John aber.

Kilian Pfeiffer

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