"Sie hätten es nicht überlebt"

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Berchtesgaden - Bergdrama auf dem Watzmann: Vier Personen mussten in Notunterkünften auf dem Berg übernachten. Ohne die Bergwacht hätten sie die Nacht vermutlich nicht überlebt.

Am späten Mittwochnachmittag, 10. Oktober, setzten fünf in Not geratene Bergsteiger einen Notruf an die Bergwacht Ramsau ab. Sie seien auf dem Watzmanngrat zwischen Mittel- und Südspitze und könnten wegen des Schneesturms nicht mehr absteigen.

Das anhaltend schlechte Wetter mit Dauerregen und Wind im Tal war alles andere als für eine Überschreitung geeignet: Am Grat in rund 2.700 Metern Höhe herrschten arktische Bedingungen mit Schneefall und starken Windböen; trotzdem stieg die geführte Gruppe am Morgen über das Watzmannhaus auf und setzte dann rund acht Stunden später gegen 17 Uhr rund 15 Minuten von der Mittelspitze entfernt einen Notruf ab. Die Leitstelle Traunstein versuchte im weiten Umkreis einen Hubschrauber zu finden, der bis zum Watzmann durchkommt, doch wegen der dichten Regenwolken mussten alle Maschinen am Boden bleiben.

"Das Wetter auf dem Watzmann war gestern extremst", so Alois Resch von der Bergwacht Ramsau. "Kälte, Schneesturm - extremer hätte es nicht sein können." Der Einsatz von Rettungshubschraubern war unmöglich.

Der Einsatzleiter der Bergwacht Ramsau forderte deshalb für den aufwendigen bodengebundenen Großeinsatz Unterstützung bei den Nachbarbereitschaften Berchtesgaden und Marktschellenberg an, wobei mehrere Mannschaften mit insgesamt 35 Bergrettern, darunter auch drei Bergwacht-Notärzte aufbrachen. Mit Geländefahrzeugen fuhren sie bis zum Ende der befahrbaren Straße an der Mitterkaseralm, von wo aus sie über das Watzmannhaus und Hocheck aufstiegen; im Gepäck umfangreiche Ausrüstung wie Arztrucksäcke, Biwakmaterial, Zelte, Ersatzkleidung, Lampen, Gasflaschen- und -kocher, Decken, Wärmepackungen und heißer Tee.

Notunterkunftshütte am Watzmann Hocheck.

Trotz der extremen Bedingungen kam die erste Mannschaft bereits kurz nach 20 Uhr bei den völlig durchnässten Bergsteigern am Grat zwischen Mittel- und Südspitze an, die am Ende ihrer Kräfte gegen das Erfrieren kämpften. „Die jungen Bergsteiger, zwei Männer und drei Frauen, alle Studenten zwischen 21 und 27 Jahren, hatten riesiges Glück, dass sie Handyempfang hatten und Hilfe anfordern konnten. Wir haben den schwierigen Kampf gegen die Zeit gerade noch gewonnen; eine Stunde später wären die ersten unter Umständen bereits nicht mehr am Leben gewesen. Eine Frau war so geschwächt, dass sie wenig später keine Chance mehr gehabt hätte“, so Resch weiter.

Vier Alpinisten mussten auf dem Berg übernachten

Lediglich ein Mann war noch so weit bei Kräften, dass er am Seil gesichert von zwei Bergwachtmännern zur Unterstandshütte auf dem Hocheck geführt werden konnte. Die vor einigen Jahren vor dem Abbruch gerettete Hütte ist gerade für solche Situationen lebensrettend. Da der Fels vereist und die Stahlseilsicherungen eingeschneit waren, mussten die Einsatzkräfte für den Rückweg zusätzliche Seilgeländer aufbauen. Die anderen vier Alpinisten waren durch Nässe und Kälte bereits so geschwächt, dass sie die Bergwacht zunächst vor Ort mit Schlafsäcken und Wärmepackungen stabilisieren musste.

Alle erholten sich so weit, dass sie grade noch bis zur Hütte am Hocheck zurückgeführt werden konnten. Sie wurden mit heißen Getränken versorgt, ärztlich betreut und wieder so weit stabilisiert, dass die beiden Männer noch in der Nacht bis zum Watzmannhaus geführt werden konnten. „Alle trugen riesige schwere Rucksäcke, hatten aber keine Handschuhe dabei und waren auch für ein Biwak im Freien nicht ausgestattet. Für einige war die Überschreitung erst ihre zweite richtige Bergtour. Wir wissen nicht, warum sie nicht spätestens am Hocheck umgekehrt sind“, berichtet Resch.

Himmel zieht zu: Rettung in letzter Minute

Sechs Mann der Bergwacht verbrachten die Nacht mit den vier erschöpften Bergsteigerinnen in Notunterkünften.

Am Donnerstagmorgen stiegen die Retter dann mit den drei stabilisierten Frauen, denen es wieder deutlich besser ging, von der Hocheck-Hütte zum Watzmannhaus ab, da ein Hubschrauberflug wegen des schlechten Wetters zunächst nicht möglich war. Am Vormittag gegen 10.30 Uhr gelang es schließlich der Besatzung des Traunsteiner Rettungshubschraubers „Christoph 14“, die fünf Studenten in mehreren Flügen vom Watzmannhaus ins Tal nach Ramsau zu fliegen. Die verbliebenen Bergretter sollen mit einem zweiten Hubschrauber abgeholt werden.

Watzmann-Drama: Rettung der Bergsteiger

„Schuldzuweisungen und Verurteilungen sind nicht Sache der Bergwacht; dennoch sollte ein solcher Einsatz eine Mahnung an alle sein, Bergtouren verantwortungsvoll und vorausschauend zu planen“, erklärt Resch.

Resch ist sich sicher: "Hätten die erschöpften Bergsteiger den Notruf nicht absetzen können, hätten sie die Nacht auf dem Berg nicht überlebt."

Aktivnews/BRK BGL/rr/mw/bgland24

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