Zeitreise ins Jahr 1586

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Berchtesgaden - Als die Familie Dinter vor eineinhalb Jahren das historische Badhaus erwarb, ahnten sie noch nicht, was ein Münchner Archäloge nun entdeckte:

Als Eva und Alexander Dinter vor eineinhalb Jahren das historische Badhaus in Berchtesgaden erwarben, war zwar klar, dass dieses unter Denkmalschutz steht. Urkundlich belegt geht das Haus bis ins Jahr 1451 zurück. Dass dann später aber auch ein Archäologe ins Spiel kam, um zu graben, stand zu Beginn noch nicht fest. Die Ergebnisse, die nun ans Tageslicht kommen, beeindrucken: „An gleicher Stelle muss ein noch viel älterer Baukörper gestanden haben“, bestätigt der Münchner Archäologe Hans-Peter Volpert auf Anfrage. „Für den Ort ist das etwas Besonderes.“

Badehäuser als Mittelpunkt des Gemeindelebens

Im hinteren Marktbereich gelegen liegt das sogenannte Badhaus. Es geht ein schmales Gässchen nach oben und dort zeigt sich ein Bau, der in vielerlei Hinsicht die ganze Historie des Ortes verkörpert. Berchtesgaden besaß eine öffentliche Badstube nach mittelalterlichem Brauch. In Zeiten, in denen ansteckende Krankheiten seuchenartig gewütet hatten, waren in vielen Gegenden öffentliche Badeeinrichtungen entstanden. Nicht nur in Städten, auch in überschaubaren Orten wie Berchtesgaden. Häufig bildeten sie den Mittelpunkt des Gemeindelebens und „wurden gern von den Bürgern zur Besprechung öffentlicher Angelegenheiten aufgesucht“, wie es in der Zeitungsbeilage „Bergheimat“ von 1936 heißt. Alexander Dinter, selbst Architekt beim ortsansässigen Büro Schulze/Dinter, muss nach dem Erwerb des Badhauses dieses von Grund auf renovieren. „Viel Arbeit“, sagt er.

Der historische Baukern

Vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege kam die Anregung, doch mal genauer zu schauen und ein paar Untersuchungen im Haus durchzuführen. Wo stehen alte Mauern, wo finden sich solche, die erst in späteren Zeiten im Haus entstanden waren. „Wir wollten das Haus in seinen Maßen festhalten“. Brauchbare Pläne gab es kaum welche. Ein Bauforscher kam also, um die verwendeten Materialien aufzunehmen, um Verformungen des Baukörpers, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden waren, zu vermessen. Und um schließlich das genaue Alter des Bauwerks, das sich über vier Stockwerke erstreckt, zu analysieren. Dazu wurden Bohrkerne der historischen Holzbalken entnommen und die Jahresringe zur Altersbestimmung vermessen. Die Grundmauern und der Dachstuhl sind noch im Original erhalten, letzterer stammt aus dem Jahr 1586. „Man kann sogar sagen, dass das verwendete Holz im Winter geschlagen wurde“, so Dinter.

Zurück in die Vergangenheit im Badhaus

Für das Denkmalamt wurde das Badhaus, das urkundlich auf Propst Jakobus Pittrich von Berchtesgaden zurückgeht, immer interessanter. Ursprünglich wollte Alexander Dinter schon längst mit den Renovierungsarbeiten begonnen haben. Wegen der zahlreichen Untersuchungen im Vorfeld verzögerte sich sein Vorhaben aber nach hinten. „Über ein Jahr dauert das nun schon“, sagt er. Neben barocken Stuckdecken stellten die Experten bis zu 80 Kalk-Schichten auf den Wänden fest - Hygienemaßnahmen. Beim Abtragen der Wände kamen florale Renaissance-Malereien bei mehreren Fenstern zum Vorschein. „Deshalb sind wir immer weiter in die Geschichte des Hauses eingestiegen“, erzählt Dinter. Zuversichtlich war auch Archäologe Hans-Peter Volpert, der bei seinen Untersuchungen auf ein hölzernes, beckenähnliches Objekt zur Wasserhaltung stieß, was wiederum auf die Geschichte des Badhauses zurückzuführen ist. „Es hat ein etwas kleineres Haus gegeben, das an gleicher Stelle stand“, ist sich Volpert sicher. 13., 14. Jahrhundert, schätzt der Archäologe. Allerdings hätten die Arbeiten noch wesentlich ausführlicher verlaufen müssen, um weitere Belege zu erhalten. „Wir konnten nicht noch tiefer runtergehen“, sagt Volpert. „Immerhin soll das Gebäude ja erhalten und später wieder bewohnt werden“. Dafür wurden bei den Voruntersuchungen zahlreiche Keramikstücke gefunden, unzählige tierische Knochen, sogar Münzen, die derzeit auf ihre Herkunft hin untersucht werden. Auch eine Marmorplatte mit Inschrift kam zum Vorschein.

Die Familie will bald einen Teil bewohnen

Familie Dinter möchte in Zukunft einen Teil des Badhauses selbst bewohnen. Die Feuchtigkeit ist bislang noch ein großes Problem. Spezielle Wandheizungen sollen für Abhilfe sorgen. Und auch der Rest des Hauses wird innen und außen komplett renoviert, so dass nach Abschluss der Sanierung das ehemalige Badhaus wieder in altem Glanz erstrahlt. Denn die Bausubstanz sei sehr gut erhalten, sagt Dinter. Er weiß, dass alte Gebäude andere Qualitäten haben als ein Neubau. „Wir freuen uns darauf, bald in einem Haus mit einer so langen Geschichte zu leben“, sagt er. In einem der ältesten Gebäude Berchtesgadens.

kp

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