Zu Gast auf der „Brücke“

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Berchtesgaden - Wenn es für Bürgermeister Franz Rasp in den Urlaub geht, ist sein Stellvertreter Karl Seiberl zur Stelle. Aber was macht so ein Zweiter Bürgermeister überhaupt?

„Ziemlich clean ist das hier alles“, sagt Seiberl. In der Tat vermittelt das Büro des Bürgermeisters einen Hauch von Sterilität. Gewöhnlich sitzt Franz Rasp hier. Aber der ist ja weg. Also nimmt Karl Seiberl Platz in einem Raum, in dem man sich im ersten Moment fast verliert. Nix drin, außer ein paar maßgeschneiderten Designer-Sachen. Da wäre das edel wirkende Interieur. Der elegante Nussbaumschreibtisch mit dem Familienfoto von Bürgermeister Rasp. Die Regalfront. Der Versammlungstisch für gute Gespräche. Der Flachbild-TV zu (Re-)Präsentationszwecken.

Auf dem Schreibtisch? Gähnende Leere. Außer ein paar Blatt Papier. „Rechnungen“, sagt Karl Seiberl, einen Kugelschreiber in der Hand haltend. „Meine Hauptaufgabe“. Der zweite Bürgermeister scheint zwischenzeitlich Profi im Unterschreiben zu sein. 20, 30 Stück unterzeichnet er pro Tag. „Alles, was über 100 Euro ist“, so lautet die interne Abmachung. Ein Stempel kommt auch noch drauf. Karl Seiberl schaut also, dass alles passt, ob die Sachgebietsleiter ihr Kürzel gesetzt haben, dann folgt auch seine Signatur. „Ein gutes Gefühl“, sagt er. Denn im Berchtesgadener Rathaus ist die Welt noch in Ordnung.

„Alles geht seinen geordneten Gang“. Und das klappt nur deshalb so hervorragend, weil man hier noch „Hand in Hand“ geht. Der Geschäftsführer Anton Kurz mit dem Marktbaumeister Helmut Grassl, Ordnungsamtsleiterin Elke Lanzendörfer mit Karl Seiberl. Oder so ähnlich. Zumindest können alle ganz gut miteinander. Und die Arbeit wird auch flott erledigt. Mit dem notwendigen Augenmaß. Karl Seiberl ist bedacht darauf, alles richtig zu machen. Immerhin ist er momentan der höchste Mann im Talkessel. Nicht der größte. Aber was hat Größe schon mit Macht zu tun? Ob er denn selbst gerne erster Bürgermeister geworden wäre? „Zu keiner Zeit“, sagt Seiberl.

„Für mich kam das nie in Frage“, bekräftigt er. Dazu sei er schon immer „zu sehr Geschäftsmann gewesen“. Einer, der seit 25 Jahren erfolgreich ein Modehaus führt. Dem die Politik aber schon immer wichtig war. Aber eben nicht so wichtig wie das eigene Geschäft. „Beiwerk“ nennt er die Politik. Ob das Bürgermeister-Dasein denn Spaß mache? „Wenn alles funktioniert, macht das auch ein bisschen Spaß“, sagt er. Das meiste sei aber Routine. Denn Seiberl ist selbst schon ein alter Hase im schnelllebigen Geschäft der Kommunalpolitik.

„Seit mindestens 20 Jahren“ hockt er im Gemeinderat und springt immer dann für den Boss ein, wenn der sich in den Urlaub abgeseilt hat. Drei Wochen während der Sommerferien. Dann muss Seiberl aus der Rolle des Geschäftsmanns in die des Marktgemeindechefs schlüpfen. Seine Ehefrau Lisa schmeißt dann den Modeladen. „Wenn ich die nicht hätte…“, stöhnt er. In Seiberl’schem Sprech ist der Bürgermeister der „Kapitän“. Und wenn dieser nicht auf der Brücke sei, dann fahre das Schiff auch weiter. Aber nur deshalb, weil die Mannschaft so gut mittut. Hin und wieder schaut dann Karl Seiberl auf der „Brücke“ vorbei, nimmt das Steuerrad in die Hand und navigiert die Gemeinde in den sicheren Hafen. Ob er denn auf Hilfe des ersten Bürgermeisters zurückgreifen müsse? „Nur im absoluten Katastrophenfall“, meint er. Da müsse schon viel passieren. Ein zweiter Triembachereck-Einsturz? „Ja, so in der Art“. Wegen des Tagesgeschäfts muss also kein erster Bürgermeister seinen Urlaub unterbrechen. Gibt es eigentlich einen Stellvertreter-Kurs, um die Basics zu erlernen? „Nicht, dass ich wüsste“, gesteht Seiberl. Zumindest hat er keinen durchlaufen. Braucht er aber auch nicht. „Ich habe Routine“, sagt er, während er die Rechnungen durchgeht. Eine Bürgermeister-Sprechstunde mit dem Stellvertreter? „Auch das wird es nicht geben“. Rasp lässt es sich nicht nehmen, persönlich mit den Bürgern das Gespräch zu führen. Ja, was bleibt denn dann überhaupt noch für Karl Seiberl, den Geschäftsmann?

Zumindest ein gutes Gefühl, denn das, gesteht er, habe er bei der Sache. Und hin und wieder ein paar Termine, für die Rasp keine Zeit findet, vielleicht auch nicht finden mag. Seiberl selbst denkt im Übrigen noch lange nicht ans Aufhören. Die Kommunalpolitik, das ist genau sein Ding neben dem Alltag. Jeden Montag, am „jour fixe“, trifft sich das „Who is who“ der Gemeindeverwaltung zur Besprechung. Da wird dann gesagt, was diese Woche anstand, was letzte Woche schief lief und auch, was die Medien wieder verbockt haben.

„Aber das kommt nur selten vor“ – Seiberl lacht. Und dann, zum Ende des Gesprächs hin, wird’s nochmal amüsant. Bürgermeister-Stuhl-Kontrolle. Der Gemeindechef hat da ein ganz spezielles Exemplar in seinem Büro stehen. Eines, bei dem man die Rückenmuskulatur während des Sitzens trainiert. „Gewöhnungsbedürftig“, meint Karl Seiberl und wippt auf der Sitzfläche hoch und runter. Das schaut lustig aus. Den Sitzkomfort genießen? Das kann Seiberl so gut wie nie. Denn nur maximal eine halbe Stunde hält er sich pro Tag im Bürgermeister-Büro auf.

kp

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