"Ich habe nichts zu verbergen“

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Von Angesicht zu Angesicht: Alle Blicke sind auf Franz Rasp gerichtet.

Berchtesgaden - Seinen Vater hat Franz Rasp, seit 2008 Bürgermeister, am Berg verloren, das war noch im jugendlichen Alter. Mit dem Tod konfrontiert, hieß es für ihn: Weitermachen, mutig sein.

Über das bewegte Leben eines Mannes, der schon recht früh Gemeindechef wurde, hat Rasp viel zu erzählen. Zum Thema „Aufbrüche – Umbrüche – Übergänge“ lud das „Katholische Bildungswerk Berchtesgadener Land“ unter der Moderation von Kathrin Thoma-Bregar in das Pfarrheim St. Andreas.

Eine bewegte Geschichte: Bürgermeister Franz Rasp.

Der Saal ist gut besucht. Von Angesicht zu Angesicht. "Ich spreche über mich, weil ich nichts zu verbergen habe“, sagt Franz Rasp. Offen sind seine Worte, ehrlich, in so manchem Moment ist es mucksmäuschenstill im Saal. Dann hört man nur noch Rasps Stimme, kurze Pausen zwischen den Sätzen, er überlegt, bevor er spricht. Das Thema ist höchstpersönlich. Keine politischen Eitelkeiten, keine gedroschenen Phrasen mit weitgehender Inhaltsleere. Vielmehr sind Rasps Worte die Essenz dessen, was er aus seinem Erlebten zieht. Ja, er habe eine schöne Kindheit gehabt, gesteht er. Auf dem Bauernhof ist er aufgewachsen, mit Oma und Opa, zwei Geschwister hat er auch. Viel Arbeit, die ganze Familie lebt gemeinsam, isst gemeinsam. In den Kindergarten sei er nicht gegangen, „heute undenkbar“.

Mit fünf dann die Einschulung. Ein „Kulturschock“, so nennt er das, für ein „Bauernkind“ wie ihn. Eine feste Statur habe er gehabt, „ich war der Schwerste“ – das hat den einen oder anderen Lacher nach sich gezogen. Aber er steht über den Dingen. Die Schule: wenig erfolgreich. Rasp nennt das „ergebnisorientiert“. Später: Wechsel auf die Hauptschule, er wurde immer besser. Die Aufnahmeformulare für das Gymnasium, auf das er unbedingt gehen wollte, habe er sich selbst abgeholt. Und zuhause, auf dem Bauernhof, da habe man nur gesagt: „Wenn Du meinst, auf das Gymnasium gehen zu müssen, dann mach‘ das halt“. Gesagt, getan. Auch sportlich war der kleine Franz zielstrebig und viel unterwegs. Mit dem Langlaufen hat alles angefangen, später dann, 14 Jahre war Rasp da alt, ging er mit seinem Vater das erste Mal in die Berge. Von da an regelmäßig. Sein Vater: Ein ganz großer im Berggeschäft, in der Gemeinde ebenso. Knapp 300 Mal ist er die Watzmann-Ostwand durchstiegen. Dann, Neujahr 1988, ereilte die Rasps die Schreckensnachricht: der Vater, verunglückt in der Ostwand. Dort, wo er, der Bergführer, so oft war wie kaum einer vor ihm.

„Mein Vater hat mal gesagt, dass man die ersten fünf Jahre in den Bergen überleben muss. Dann fällt man nicht mehr runter“. Das Schicksal kam anders. Eingebrannt habe sich das Ereignis in Rasps Gedächtnis wie auf einer Festplatte. Ein Umbruch im Leben, „ich fühlte mich ungerecht behandelt“, sagt er heute. Auch der Junior wollte Bergführer werden. Daraus ist dann aber nichts geworden. Von einem auf den anderen Tag war der 15-Jährige der Mann im Haus. Therapeuten? An so was war damals nicht zu denken. „Jeder ist mit dem Problem auf seine Weise umgegangen“, erzählt Rasp, der von nun an alle Freiheiten hatte. Trotzdem war er an die Familie gebunden: Der Opa, der nach und nach dement wurde, brauchte Unterstützung. Und auch Franz, inzwischen 18-jährig, musste anpacken. Abitur – bestanden. „Sie haben nur Defizite“, soll ein Lehrer mal zu ihm gesagt haben. Mit einem Schnitt von 2,1 hat er den Abschluss dann aber geschafft. Ganz gut sogar. Mit 20 trat er zunächst der Bundeswehr bei, er war das erste Mal unglücklich verliebt, von einer Lawine wurde er vollverschüttet – und dann war da auch noch die Geschichte mit einem guten Kumpel. Sie waren beim Klettern, der Freund stürzt – Querschnittslähmung. Ein Schock auf allen Seiten. „In wenigen Monaten Abstand ist das alles passiert“, erzählt Rasp. Erst jetzt sollte jener Abschnitt beginnen, der den deutlichsten Umbruch zum einen, aber auch Aufbruch zum anderen bedeuten sollte: das Studium in München, Technische Universität, Bauingenieurswesen.

„Die neue Gesellschaft hat mir gut getan“, erzählt er. Fern der Heimat, nur am Wochenende fährt er nach Hause zum heimischen Hof, „Wäsche abliefern, Kühlschrank leerräumen“. Er könne nur jedem raten, nach der Schule ein paar Jahre weg von zuhause zu wohnen. „Das öffnet den Horizont“, sagt er. Das Studium packte Rasp. Es folgte ein Referendariat beim Wasserwirtschaftsamt. 60 volle Stunden schriftliche Prüfungen in zwei Wochen. „Hier entscheidet sich, wer was kann und wer nicht“, meint Rasp. Eigentlich sieht die Laufbahn bis dahin eher technisch aus: Der junge Bauingenieur hatte eine Stelle in Rosenheim, später in Traunstein – vom Politiker-Dasein keine Spur. „Ich bin auch erst 2002 zur CSU gegangen“, sagt er. In diesem Jahr hatte er sich aufstellen lassen und wurde in den Gemeinderat gewählt. „Weil jeder meinen Vater gekannt hat“, ist er sich sicher. 2004 folgte ein weiterer Wendepunkt – eine Beziehung ging auseinander, privat war er unglücklich. Auszeit, weg aus Deutschland. Ziel: Neuseeland. 4000 Kilometer mit dem Fahrrad in sechs Wochen. Kopf freikriegen – „es war wie eine Reise zu mir selbst“, gesteht er. Eine Reise, die viele Fragen beantworten sollte. Etwa jene, was er eigentlich will. Definitiv in der Region bleiben – und sich dafür auch einsetzen.

Denn die Kultur, das sei das, was eine Gesellschaft ausmacht. Und sich dafür einzubringen, lohnte sich seines Erachtens. So war die Wahl zum Bürgermeister 2008 überraschend für ihn – aber ein weiterer Aufbruch in eine neue berufliche Richtung. „Ich musste erst damit klarkommen, dass von nun an Amt und Person eins sind“, sagt er. Der absolute Tiefpunkt: Die Causa „Bürgerheim“, der Weggang von Schwester Lambertis. Drohbriefe, „Shitstorm“, das volle Programm. „Das hat eine Eigendynamik entwickelt“, sagt Rasp – inklusive einer „Welle des Zorns“, die sich über ihn ergoss. Zwei Wochen brauchte er, bis er wieder auf dem Dampfer war. „Habe Mut“, sagte er immer wieder zu sich selbst. Und auch heute gilt dieser Satz, jetzt, nachdem auch Tochter Maria auf die Welt gekommen ist. Gesund. Die Befürchtungen, sie könne eine Behinderung haben, hatten sich nicht bestätigt. „So eine Erfahrung öffnet den Blick“, sagt Franz Rasp heute. Im Oktober wird er 40 Jahre alt.

kp

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