Zu Gast im historischen Ersatzwohnzimmer

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Nachtwächterin Anna Glossner sammelt Geschichten – von jedermann.

Berchtesgaden – Wer sie nicht kennt, sollte sie kennenlernen: Anna Glossner, ihres Zeichens Berchtesgadener Einzelstück und einzige historische Nachtwächterin im Ort.

Mit ihrem Nachtwächterstüberl im ehemaligen Mauthaus, nur unweit vom Schlossplatz gelegen, haben sie sich und ihr Mann, „Ritter Rudolf“, einen kleinen Lebenstraum erfüllt. Ein Plätzchen in historischem Gemäuer, umrahmt von Antiquarischem, ein Ort des Austauschs für jedermann. Seit Neuestem werden bei der Nachtwächterin auch Speis und Trank angeboten – „ganz offiziell“.

Anna Glossner macht keinen Hehl daraus: Als Nachtwächterin ist sie immerzu im Markt Berchtesgaden unterwegs, mit Besuchergruppen. „Da habe ich nach den Führungen schon mal einen Kaffee angeboten“, erzählt Glossner. Und wurde prompt von einem Gastronomen angeschwärzt. Das Gewerbeaufsichtsamt kam, nahm das Nachtwächterstüberl unter die Lupe. „Alles was ich hätte dürfen, war Schnaps auszuschenken. Getrunken werden hätte dieser aber vor dem Stüberl“, sagt Glossner. Einen Vorwurf machen, kann sie niemandem. Deshalb hat sie sich um eine Ausschankgenehmigung beworben – mit Erfolg. Von September letzten Jahres bis in den Februar habe es gedauert, bis die Genehmigung durch war, berichtet sie. Und fügt hinzu, dass sie schon sehr gekränkt war. Immerhin wollte sie ja zu keinem Zeitpunkt einen gastronomischen Betrieb auf die Beine stellen, vielmehr ihre Gäste mit einem Kaffee und einem Stück Kuchen verwöhnen. Nachdem die Genehmigung nun durch ist, wird es auch Wein geben, Käse- und Speckbrote, „eine kleine Brotzeit“, sagt Glossner. Bier hingegen wird man im Nachtwächterstüberl nicht finden. „Das passt nicht in den Rahmen“. Das Nachtwächterstüberl ist ein sehr überschaubarer Raum. Dicke Mauern, schweres Mobiliar, Gegenstände mehrerer Jahrhunderte treffen hier aufeinander. Ein wahres Sammelsurium an Altem und Wertvollem. Hier fühlt sich Anna Glossner wohl. Und auch der Großteil ihrer Gäste. Glossner ist ortsbekannt, ein Original, eine Frau, die viel zu erzählen weiß. In Mundart, „Hochdeutsch reden, das wäre nicht ich“, sagt sie. Glossner ist froh, nach einem bewegten Leben, in gewisser Weise zur Ruhe zu kommen: „Ich freue mich, wenn mich Menschen besuchen und mir von ihrem Leben erzählen“, sagt sie mit einem Lachen. Großes Interesse hat sie daran, Erlebtes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern zu sammeln. Deshalb schreibt sie die Erzählungen nieder, nimmt sie auf Tonband auf, bewahrt sie für die Nachwelt – oder wandelt die Schilderungen in Gedichte um, eine Leidenschaft der Nachtwächterin. „Nächste Woche besuchen mich zwei ältere Damen, beide weit über 90“, kündigt Glossner an. Sie freue sich auf den Besuch, der hoffentlich viel zu erzählen habe. Interessantes, was sie sammeln, aufschreiben und weitertragen könne. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sie mal ein Buch schreiben werde, sagt sie: „Ich hätte sehr viele

Geschichten parat“. Als Nachtwächterin, die mit ihren Besuchergruppen das historische Berchtesgaden bei Tag und bei Nacht unsicher macht, weiß sie, was die Menschen wollen: Weniger kunsthistorische Daten, sondern Anekdoten, die in Verbindung zu so manchem Ort stehen. Das seien die wahren „Schätze“, die gehört werden wollen. Das sei auch die Aufgabe einer Nachtwächterin. In ihrem Stüberl, Glossner selbst nennt es „Ersatzwohnzimmer“, fühlt sie sich wie zuhause. „Für mich ist das wie Balsam“ – ein Anlaufstelle für alles und jeden, sagt sie. Dienstags, donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr stehen die Türen der Nachtwächterin offen. Wenn man dann auch noch etwas zu erzählen hat, dann ist Anna Glossner schon zufrieden.

kp

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