"Auf einem 8000er ist es gar nicht so schön"

+
Bergführer Volker Holzner hat auf dem Mount Everest nach der Leiche des möglichen Erstbesteigers gesucht. Auf der BERGinale berichtete er über seine Erfahrungen auf dem höchsten Berg der Welt.

Berchtesgaden - Bergführer Volker Holzner hat sich auf die Suche nach dem wirklichen Erstbesteiger des Mount Everest gemacht. Auf der BERGinale hat er erzählt:

Wer die Geschichte kennt, geht davon aus, dass es Edmund Hillary war, der den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, als Erster bestieg. Der Alpinhistoriker Jochen Hemmleb ist sich sicher: Der Engländer George Mallory und sein Partner Andrew Irvine könnten aber die Ersten gewesen sein – im Jahr 1924, bevor sie dann auf dem Everest starben. Das wäre ein Vierteljahrhundert vor dem Neuseeländer Edmund Hillary gewesen. Bergführer Volker Holzner aus dem österreichischen Weißbach war zusammen mit Hemmleb auf dem Everest – um nach der Leiche von Irvine, einem der möglichen Erstbesteiger, Ausschau zu halten. Und nach einem Fotoapparat, der die Bild-Beweise liefern könnte. Auf der BERGinale sprach er nun über seine Erfahrungen. Fazit: „Auf einem Achttausender ist es gar nicht so schön, wie man annimmt.“

Das Vorhaben klingt verrückt, denn eigentlich scheint die Geschichte schon längst geschrieben zu sein: Edmund Hillary ist derjenige, der als Erster den Mount Everest erklomm, dort droben, am höchsten Punkt der Erde, stand. Der Historiker und Geologe Jochen Hemmleb glaubt, das widerlegen zu können – und stellte ein Team zusammen, das ihn begleiten sollte zum höchsten Achttausender. Mit dabei: Volker Holzner. Über seinen Expeditionsleiter Hemmleb sagt dieser: „Der Jochen ist sehr verbissen und von seinem Glauben kaum abzubringen.“ Denn so mancher Hinweis soll existieren, dass es den beiden Bergsteigern bereits 1924 gelungen sein könnte.

Hemmleb war 1999 das erste Mal auf dem Everest. Dort gelang ihm ein Sensationsfund. Während einer über Jahre vorbereiteten Expedition hatte sein Team auf 8.300 Metern eine erste Leiche entdeckt – die von George Mallory, schon damals eine Bergsteiger-Legende. Seinen Partner Andrew Irvine fand man zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Zwei Jahre später, 2001, brach Jochen Hemmleb erneut auf – und traf auf das Höhenlager von Mallory und Irvine, das diese 77 Jahre zuvor aufgeschlagen hatten. Obwohl Irvines Leiche auch beim zweiten Versuch unauffindbar blieb, hatte Hemmleb nun endgültig der Ehrgeiz gepackt. 2010 dann brach er gemeinsam mit einem Team, darunter Volker Holzner, auf, um nun auch den noch vermissten, möglichen Erstbesteiger Andrew Irvine zu finden. Und unter Umständen auf dessen Kamera zu stoßen. Als begnadeter Fotograf war es naheliegend, dass Fotos existierten. „Der ORF hat uns diese Expedition finanziert“, erinnert sich Holzner zurück. Eine Expedition, die über Monate ging, ein Riesen-Team, das auf der beschwerlichen, langandauernden Reise zusammenhielt und heftige Rückschläge zu verkraften hatte. Ein Sérac, ein Turm aus Gletschereis, erschlug ein ungarisches Team-Mitglied wie aus dem Nichts. „Der psychische Druck war enorm“, sagt Holzner. Das lange Warten, die Akklimationsphasen. Es sei schon einiges an Pech vonnöten, von einem Gletschereisturm erschlagen zu werden, so Holzner. Der Begleiter des Toten wurde nicht verletzt, musste aber am eigenen Leib miterleben, wie sein Partner aus dem Leben gerissen wurde. Holzner sagt, dass die Expedition beschwerlich war: „Bis auf eine Höhe von 7.700 Metern ist es mir auch ohne Sauerstoff noch gut gegangen“, erzählt er. Obwohl: Ab 7.500 Metern beginnt die sogenannte Todeszone. Jener Höhenbereich, in dem sich der menschliche Körper nicht mal mehr im Schlaf regenerieren kann. „Ich musste irgendwann umkehren, es ging nicht mehr“, erinnert sich der Weißbacher zurück. „Ich hatte an diesem einen Tag zu wenig getrunken. Mir war meine Wasserflasche ausgelaufen.“ Eine Chance, noch weiter nach oben zu gelangen und Irvines Leiche zu suchen? Nein. „Ich war fix und fertig“, erzählt er. In solchen Momenten müsse man das Hirn einschalten und vernünftig sein. Die Expedition rund um Jochen Hemmleb ging weiter, der Erfolg blieb aus. Irvines Körper wurde auch beim dritten Anlauf nicht gefunden. Wie es für Volker Holzner, den wagemutigen Everest-Besteiger, weitergeht? Ob es ein nächstes Großprojekt gibt? „Bergmäßig ist nichts geplant“, sagt er. „Mein nächstes Projekt ist meine Frau: Ich habe im letzten Jahr geheiratet.“

kp

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser