Vollmond über der Anthauptenalm

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Schneizlreuth - Fast schon eine Gute-Nacht-Geschichte aus dem Lattengebirge: Die Bergwacht-Luftretter und SAR-Rettungsflieger trainierten für schwierige Einsätze in der Dunkelheit.

Wenn im Herbst zwischen den feuchtkalten Nebelschaden über der Anthauptenalm im Lattengebirge der Vollmond aufgeht und den tiefschwarzen Bergwald mit seinem silbernen Licht flutet, dann beginnt die Flugstunde der klopfenden Riesenfledermäuse: Zusammen mit den SAR-Rettungsfliegern der Bundeswehr haben die Luftretter der Bergwacht-Region Chiemgau beim letzten von gleich mehreren Fortbildungsterminen in der Region ihr Zusammenspiel für schwierige Nachteinsätze in den Berchtesgadener und Chiemgauer Bergen trainiert. Echte Alpinnotfälle bei Dunkelheit sind keine Seltenheit, da Bergsteiger im Herbst immer wieder unterschätzen, dass es bereits kurz nach 19 Uhr stockfinster ist oder Verletzte zu später Stunde noch ins Tal gebracht werden müssen. Diese Nachteinsätze bergen trotz guter Sichtflug-Bedingungen zusätzliche Gefahren und erfordern eine reibungslose Verständigung zwischen Rettern und Hubschrauber-Crew. Da die Piloten mit so genannten Bildverstärker-Brillen fliegen, dürfen sie nicht mit Lampen oder anderen Lichtquellen direkt geblendet werden.

Bergwacht und Rettungsflieger: Nacht-Training

Revierförster Hubert Grassl fährt auf dem Steilstück seinen Geländewagen zur Seite und auch der Baggerfahrer, der gerade der fast fertig sanierten Röthelbach-Forststraße noch den letzten Schliff verpasst, macht Platz und schiebt extra die zweite Schaufel an den Wegrand, damit wir mit unseren Einsatzquads leichter vorbeikommen. Sauber sieht er aus, der Weg – nach unzähligen Arbeitsstunden ist von den schweren Murenschäden im Juli 2010 nichts mehr zu sehen. Endlich kann auch die Bergwacht wieder direkt von Baumgarten aus zu Notfällen im Lattengebirge anfahren und muss nicht mehr den weiten Umweg übers Wachterl in Kauf nehmen. Nur wenige Minuten später bin ich auf 1.250 Metern Höhe und in einer anderen Welt. Zum Glück sind wir alle dick eingepackt, denn auf der Almwiese vor der Forstdiensthütte liegt noch Restschnee vom Wintereinbruch am letzten Donnerstag und die Luft ist bei einstelligen Plusgraden besonders zapfig. Was für ein Kontrast: Im Tal haben sich gerade vorhin noch bei spätsommerlichen 20 Grad abertausende Exemplare des asiatischen Marienkäfers auf den Hauswänden niedergelassen, wobei meine verunsicherte Mutter in der Arbeit angerufen hatte, da sie keine Fenster mehr aufmachen konnte.

Die gerade versunkene Abendsonne glüht orangerot im Wolkenmeer über dem Gipfelgrat nach, als der Bundeswehr-Heli vom Typ „Bell UH-1D“ – kurz „Huey“ scheinbar fest im Himmel über dem Bergwald verankert seine Position für die ersten Übungen mit der Rettungswinde einnimmt. Die Besatzung ist gerade von einem echten Einsatz zurückgekehrt: Sie musste ungeplant zwischen Jenner und Schneibsteinhaus aushelfen, wo sich ein Bergsteiger schwer am Bein verletzt hatte; der Mann wurde zusammen mit der Bergwacht Berchtesgaden und dem Notarzt des Traunsteiner Rettungshubschraubers „Christoph 14“ versorgt, aufgenommen und zur Kreisklinik Bad Reichenhall geflogen – jetzt aber geht endlich die Übung los. „So lang es noch ein wenig hell ist, trainieren wir hier auf der Almwiese die Windenvorgänge; Retter und Luftrettungssack werden an verschiedenen Stellen mit der Winde aufgenommen und wieder abgesetzt. Danach werden wir bei Dunkelheit am Hochschlegel abgesetzt und später wieder abgeholt. Die Piloten können dabei ihre Nachtflüge mit Bildverstärkerbrillen üben und wir müssen darauf achten, sie mit unseren Stirnlampen nicht zu blenden“, erklärt mir Bergwacht-Regionalausbilder Manfred Hasenknopf. Nächtliche Hubschrauber-Windeneinsätze sind keine Selbstverständlichkeit und erfordern große Erfahrung und Routine der Besatzung. Mit der Bildverstärkerbrille sieht der Pilot seine Umgebung zwar taghell, aber nur mit eingeschränktem Blickfeld, zweidimensional und einfarbig. Das Abschätzen von Entfernungen zum Boden oder zu einer Felswand ist nur mit viel Flugerfahrung und mit Hilfe zusätzlicher Informationen der Retter im Gelände möglich.

Dicht gedrängt sitzen acht Mann bei Standheizung im Freilassinger Bergwachtauto zusammen und warten, bis sie drankommen. „Mit der „Bell“ bin ich groß geworden“, schwärmt der Berchtesgadener Bergwachtmann Peter Schuster, der mit zwölf Jahren zum ersten Mal in diesem Heli saß. Seit Jahren kursieren die Gerüchte, dass bald Schluss sei mit dem für Bergeinsätze bewährten Hubschrauber, der durch das Nachfolgemodell „NH90“ ersetzt werden soll. Alfons Abfalter von der Bergwacht Teisendorf-Anger posiert für ein Abschiedsfoto mit „Huey“ vor meiner Kamera; ob es wirklich das letzte ist, wage ich zu bezweifelnd, denn solche Abschiedsbilder haben wir bereits vor fünf Jahren gemacht. Die legendäre „Huey“ mit ihren zwei riesigen Hauptrotorblättern ist besonders für ihre klopfartigen Fluggeräusche bekannt und wird in Fachkreisen deshalb auch liebevoll Teppichklopfer genannt. Trotz seines hohen Alters von fast 50 Jahren überzeugt dieses Hubschraubermuster gerade in der Bergrettung nach wie vor durch seine hervorragenden Eigenschaften. So bietet die Maschine genügend Platz für Patient, Rettungsteam und Material und besticht durch viele Vorteile beim Windeneinsatz. Technische Nachrüstungen sowie genaue und strenge Wartungen garantieren ein hohes Maß an Sicherheit.

Scheinbar wie aus dem Nichts taucht die Riesenfledermaus von ihrer letzten Runde urplötzlich wieder aus der Dunkelheit auf und zeichnet sich als großer Schatten zwischen Fahrzeugen, Wald und Sternenhimmel im Licht des Vollmonds ab. Der Suchscheinwerfer gleitet über die hohen Fichten und Tannen, erreicht die Wiese, bringt die Schneeflecken zum Leuchten und kreist schließlich unsere kleine Fahrzeugburg ein. „Landeplatz erkannt, gehen zur Landung!“ Gleißend hell ist der Strahl und was Manfred Hasenknopf da einweisen will, sieht im silbernen Mondlicht eher aus wie ein Ufo, nicht wie ein Hubschrauber. Fliegender Wechsel: Bei laufendem Rotor steigt eine Gruppe aus, die nächste ein; dann gehts im Tiefflug über uns hinaus wieder in die stockfinstere Nacht hinaus; nur der Scheinwerferkegel saust über die Berglandschaft – das Klopfen des Rotors verstummt in der Weite der Finsternis. Wir sehen in der Ferne am Berggipfel nur das Licht der Stirnlampen der anderen aufblitzen, die warten, dass sie wieder abgeholt werden. Hören tun wir nichts. Ein zweites Licht erscheint am Grat – andere Bergsteiger? Nein, nur der Jupiter, der gerade aufgegangen ist.

An zwei Absetzstellen am Hochschlegel und an der unteren Schlegelalm gehts für die am Windenhaken gesicherten Luftretter per Stahlseil hinab in die schwarze Nacht: Sie sehen nicht genau, was unter ihnen ist; mit den Stirnlampen dürfen sie nicht nach oben leuchten, damit die Piloten nicht geblendet werden. Sie tragen heute normale Kletterhelme, keine Funkhelme mit den auffälligen Micky-Maus-Ohrmuscheln. „Unsere Leute sollten bewusst auf Funkkommunikation verzichten und sich per Handzeichen mit der Besatzung verständigen“, erklärt mir Ausbilder Hasenknopf. Sich über einheitliche und klar verständliche Handzeichen ausdrücken zu können ist für die Retter in kritischen Situationen überlebensnotwendig, falls das Funkgerät plötzlich ausfällt.

Hasenknopf: „Deshalb müssen alle die Zeichen in- und auswendig kennen.“ Der nach oben gerichtete Daumen bedeutet: „Alles klar, ich bin selbstgesichert oder bereit zum Abwinchen“, mit der Hand an der Kehle teilt der Bergwacht-Luftretter mit, dass sich das Seil verfangen hat und der Hubschrauber an den Berg gefesselt ist; kreisende Armbewegungen bedeuten, dass der Einsatz sofort abgebrochen werden muss. Während er die Innenwinde bedient, blickt der Luftrettungsmeister direkt in Richtung der Absetzstelle am Berg und sieht dabei alles, was sich unter ihm abspielt.

Nach drei Stunden haben ich genug; mir ist trotz mehrerer Kleidungsschichten doch ein wenig kalt und mit dem Quad bin ich kurze Zeit später wieder im Tal, wo das Klima ein wenig milder ist. Auf der Abfahrt treffe ich einen Wanderer ohne Licht, der aber keine Hilfe braucht. „Im Mondlicht sehe ich alles ganz ausgezeichnet!“, meint er und frägt, ob wir denn jemanden suchen. „Nein, nein, wir üben nur!“, sag ich, wünsch Ihn noch viel Spaß und fahre weiter. Glück gehabt: Die Bauarbeiter haben den Bagger soweit zur Seite gefahren, dass auch die breiteren Geländefahrzeuge vorbeipassen. Danke Forstverwaltung! Ich gebe den anderen per Funk Bescheid, die sich freuen wie kleine Kinder, dass sie nach der langen Übung nicht auch noch den einstündigen Umweg übers Wachterl nehmen müssen. Die Riesenfledermaus hat noch einen langen Heimweg zum Fliegerhorst Penzing bei Landsberg vor sich. Macht nichts, denn die Nacht ist sternenklar und die mit Schnee angezuckerten Berge leuchten im Mondschein wie ein riesiges, erstarrtes Wellenmeer.

ml/BRK BGL

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