Sonnenstrom aus der Wüste: eine Vision mit Hindernissen

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Rupert Hierzer (l.) und Roman Niederberger freuten sich über eine gelungene Veranstaltung.

Bayerisch Gmain - „Die Wüsten der Erde empfangen in sechs Stunden mehr Energie von der Sonne, als die Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht“, zitiert Gerhard Knie die Vision der Initiative DESERTEC.

Die Sonneneinstrahlung in den Wüsten soll nutzbar gemacht werden und Solarkraftwerke in der Wüste den Strombedarf von morgen abdecken.

Die SPD Berchtesgadener Land hat am Freitag zu einer öffentlichen Veranstaltung in das Haus des Gastes in Bayerisch Gmain eingeladen, um das Konzept vorzustellen und über Chancen und Gefahren des Projekts zu diskutieren.

Der SPD-Kreisvorsitzende Roman Niederberger stellte in seiner Begrüßung den Referenten des Abends Diplom-Ingenieur Rupert Hierzer vor. Der gebürtige Österreicher, der beruflich im IT-Bereich tätig ist und mit seiner Familie in München lebt, gehört zu den Mitbegründern der DESERTEC Foundation, in der sich Privatpersonen und Verbände gemeinsam für die Nutzung der Energie aus der Wüste einsetzen.

„Wir wollen in diesen Tagen des Protestes nicht nur Nein sagen zur Atomenergie und zu den alten fossilen Brennstoffen, sondern andere Wege aufzeigen und darüber diskutieren. Strom aus der Wüste kann einer davon sein“, erklärte Roman Niederberger die Entscheidung der SPD, eine solche Veranstaltung zu organisieren.

Als Vater von drei Kindern liege seine Motivation für das ehrenamtliche Engagement bei DESERTEC vor allem darin, ihnen eine Zukunft ohne einen verheerenden Klimawandel und nukleare Abfälle zu ermöglichen, begann Rupert Hierzer seinen Vortrag. „Die Zeit, um wirksame Maßnahmen gegen die Veränderung des Klimas zu ergreifen, wird immer knapper“, führte er zunächst aus. Um eine Erderwärmung um mehr als zwei Grad zu verhindern, müsste der CO2-Ausstoss bis 2050 jedes Jahr deutlich reduziert werden.

„Das Gegenteil ist derzeit der Fall, wir brauchen also dringend Alternativen“, stellte Rupert Hierzer fest. Der studierte Physiker sieht in der Sonnenenergie das größte Potential bei erneuerbaren Energiequellen. „Alle großen Verbraucherregionen auf der Welt liegen innerhalb von 3000 Kilometern von für Solarkraftwerke geeigneten Wüstengegenden“, stellte er fest.

Die Vision von DESERTEC beinhaltet für Europa die Errichtung von Kraftwerken im mitteleuropäischen und nordafrikanischen Raum, mit denen bis zu 17 Prozent des europäischen Energiebedarfs bis 2050 abgedeckt werden sollen. „Unsere Initiative will aber keinen neuen Kolonialismus, sondern einen echten Gewinn durch Arbeitsplätze und Wohlstand für die Menschen in den Erzeugerländern“, führte der Referent aus. Deshalb sei zentraler Teil des Konzepts auch die Nutzung der erzeugten Energie für die Meerwasserentsalzung vor Ort, um die schon jetzt beginnenden Verteilungskämpfe um Trinkwasser zu vermeiden.

Er stellte anschließend den aktuellen Stand der technischen Entwicklung bei solarthermischen Kraftwerken vor, die aber bei weitem nicht abgeschlossen sei. „Durch ein Projekt wie DESERTEC werden auf alle Fälle neue Innovationen hinzukommen, die Effizienz und Leistungsfähigkeit der Solarenergie verbessern“, zeigte er sich überzeugt. Voraussetzung für den Stromimport nach Europa sind Leitungen für Hochspannungs-Gleichstromübertragung, erläuterte Rupert Hierzer. „Pro 1000 Kilometer müssen wir derzeit von ca. drei Prozent Leistungsverlust ausgehen“, stellte er dar. „Die Kosten für diese Leitungen gehören zu den großen Anfangsinvestitionen, die eine Umsetzung des DESERTEC-Konzepts erfordert“, so der Physiker.

Zwischenzeitlich haben auch große Firmen Interesse an DESERTEC gezeigt und neben der ehrenamtlich tätigen DESERTEC Foundation die DII, die DESERTEC Industrial Initiative gegründet, erklärte er weiter. Dazu gehören große Stromversorger wie RWE, aber auch Versicherungsunternehmen wie die Münchener Rück. Die Beteiligung großer Konzerne war einer der Kritikpunkte, die in der an den Vortrag anschließenden Diskussion eine wichtige Rolle spielten.

Siegfried Popp aus Freilassing und Christa Kickner aus Piding äußerten die Befürchtung, dass die großen Energieversorger so ihre Marktbeherrschung für die Zukunft sichern wollen. Auch die Frage nach der politischen Stabilität der Erzeugerregion Nordafrika und einer möglichen Konkurrenz zu einer regionalen Energieversorgung kamen in der Diskussion zur Sprache.

Nach der tatsächlichen Umsetzung befragt, antwortete Rupert Hierzer mit dem Beispiel der Stadtwerke München, die sich an dem spanischen Projekt „Andasol“ beteiligen, mit dem schon heute Solarenergie in der Wüste erzeugt wird. Mehrere Wortmeldungen setzten sich auch mit der technischen Machbarkeit auseinander. Der Referent ging auf alle Fragen ausführlich ein und versuchte nicht, die bestehenden Schwierigkeiten schön zu reden: „Natürlich ist ein Projekt dieser Dimension mit vielen Problemen verbunden. Umso wichtiger ist es, für möglichst viel Öffentlichkeit und eine breite Diskussion schon jetzt zu sorgen“, stellte er fest.

Eines sei aber unbestritten: wer Klimaschutz und die Abkehr von der Atomenergie wolle, müsse auch konkrete Gegenkonzepte vorlegen.

Zum Schluss der Veranstaltung bedankte sich Roman Niederberger bei Rupert Hierzer für seinen fundierten Vortrag und bei allen Teilnehmern für die engagierte Diskussion. Er erinnerte an die vielfältigen Veranstaltungen zum Thema Energie, die von der SPD Berchtesgadener Land dieses Jahr organisiert wurden und kündigte an: „Wir bleiben bei dieser wichtigen Zukunftsfrage auch 2011 am Ball!“.

Pressemitteilung SPD Berchtesgadener Land

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