Seilgarten-Boom: Risiken müssen minimiert werden!

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Berchtesgadener Land - Der Reichenhaller Klaus Burger vom Deutschen Gutachterkreises für Alpinunfälle, alpine Ausrüstung und Materialprüfung (GAK) hat eine Fortbildung zum Thema Seilgärten anberaumt.

Die Anzahl von Seilgärten nimmt zu. Seilgärten werden insbesondere zur Freizeitgestaltung, zum Training und zu pädagogischen oder therapeutischen Zwecken genutzt und beworben. Fachleute sprechen von einem Boom, weshalb sich der Deutsche Gutachterkreis für Alpinunfälle, alpine Ausrüstung und Materialprüfung in seiner Fortbildung detailliert mit der Thematik auseinandersetzte.

In Aschheim bei München informierten sich die Experten über Unfallrisiken und Sicherungstechniken. Klaus Burger, GAK-Vorsitzender, stellvertretender Direktor des Laufener Amtsgerichts und zugleich aktiver Retter und Einsatzleiter in der Bergwacht Bad Reichenhall, setzte die Thematik „Seilgarten“ bewusst an die erste Stelle der diesjährigen Gutachterfortbildung in Aschheim bei München. Denn der Besuch in Seilgärten und ähnlichen Anlagen endet nicht immer unbeschwert.

2008 und 2009 20 schwere, bisweilen tödliche Unfälle in Deutschland

Nach zuverlässigen Schätzungen gibt es allein in Deutschland bis dato über 500 Seilgärten, europaweit etwa 4000, weltweit existieren vermutlich mehr als 50.000 Anlagen. Auch im Berchtesgadener Land gibt es nicht wenige Seilgärten; der Besuch dieser Einrichtungen steht für viele, insbesondere jüngere Menschen, auf der Tagesordnung. Auch wenn mit Blick auf die hohen Durchlaufzahlen - in Deutschland dürften jährlich mehrere Millionen Besucher Seilgärten nutzen - nur relativ wenige Vorfälle zu beklagen sind, so sind in den Jahren 2008 und 2009 doch absolut insgesamt 20 schwere, bisweilen tödliche Unfälle in Deutschland und Österreich notiert. „Die Dunkelziffer der Verletzungen könnte aber deutlich höher sein“, schätzt Burger.

Auch im Raum Bad Reichenhall ereignete sich 2008 ein tödlicher Unfall in einem Freizeitparcours und im Jahr 2009 in einem Seilgarten ein Absturz mit schweren Verletzungen.

Risiken müssen minimiert werden

Dennoch: „Seilgärten sind eine wertvolle Einrichtung“, meint Burger. „Sie dienen mithin dazu, jungen Menschen den Umgang mit Gefahren, Besonnenheit und Risikoeinschätzung zu vermitteln, Selbstvertrauen zu erwerben und Gemeinsinn zu entwickeln. Wir müssen aber daran arbeiten, die Risiken zu minimieren.“

Nach Schätzung der Unfallexperten sind über 90 Prozent der Unfälle auf Verhaltensfehler zurückzuführen. Unfallursachen dürften überwiegend die Trennung von Gurt und Sicherungssystem sowie die Komplettaushängung bei Verwendung einer dem Klettersteigset ähnlichen Cowtail-Sicherung sein.

Innovative Produkte zur Selbstsicherung

Der Deutsche Gutachterkreis hörte nun Hersteller, nahm innovative Produkte zur Selbstsicherung und zur rund umlaufenden Sicherung in Augenschein und sensibilisierte verantwortliche Ausbildungsleiter sowie auch Staatsanwälte und Verbandsjuristen über Risiken. Frank Schweinheim und Mario Kölblinger, hochrangige Vertreter des Europäischen Seilgartenverbandes, stellten eindrucksvoll Gefahrenquellen sowie typische Unfallmuster in Seilgärten dar und erörterten wirksame Risiko-Kontroll-Strategien technischer, organisatorischer und verhaltensbezogener Art.

Fortbildung im Seilgarten

Europäische Norm hat bei Prävention von Unfällen in Deutschland nur begrenzte Aussagekraft

Frank Schweinheim, Vizepräsident des Europäischen Seilgartenverbandes ERCA, vermittelte den Gutachtern viele sachkundige Informationen aus der Arbeit in den europäischen Gremien, in denen er selbst mitwirkte. Die EN 15567 habe im Rahmen der Prävention von Unfällen und im Hinblick auf die Sorgfaltspflichtmaßstäbe in Deutschland nur eine sehr begrenzte Aussagekraft. Schweinheim verwies auf das im Internet einsehbare Schnellinformationssystem der ERCA mit aktuellen Warnhinweisen, das es jedem ermögliche, Unfallursachen zu erkennen und gegenzusteuern. Insbesondere der Aufbau von Zertifizierungssystemen für Inspektion und Ausbildung helfe, die Qualität von Seilgärten zu verbessern. Er verwies auch auf den neuen ERCA-Ausbildungslehrplan, der eine Empfehlung für die Verbandsmitglieder und eine Vorschrift für ERCA-zertifizierte Ausbildungsstellen sei. Dieser jährlich aktualisierte Lehrplan beschreibe unter anderem die Aufgaben von Betreuern und Rettern auf Seilgärten in einem schlüssigen und vollständigen Sicherheitskonzept, so Schweinheim.

Walter Siebert, zertifizierter Inspekteur und Sachverständiger für Hochseilgärten bemerkte, dass in der Euronorm für Hochseilgärten gefordert werde, dass eine unabhängige Prüfstelle die Erstabnahme von Seilgärten vornehme. Meistens denke der potentielle Betreiber dabei an den TÜV. Die ERCA  selbst aber akkreditiere Inspektionsstellen und sorge für deren Weiterbildung.

Rettung im Hochseilgarten demonstriert

Gerhard Bucher, Höhenretter, Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Rettung der ERCA, stellte sodann theoretisch und praktisch mittels Demonstration am Hochseilgarten die Methoden zur Rettung im Hochseilgärten dar und berichtete über die Optimierung von Bergungsmethoden. Die Methoden- und Mittelwahl müsse dabei entsprechend der Risikoanalyse vor Ort auf den spezifischen Notfall, die situativen Umstände und den Hochseilgartentyp abgestimmt sein.

Erfahrungsaustausch mit Herstellern von Sicherungsgeräten

Weiter suchte der Gutachterkreis mit Herstellern von Sicherungsgeräten den regen Erfahrungs- und Meinungsaustausch. So fanden vor allem die innovativen Produkte zur Selbstsicherung großes Interesse. Denn problematisch gelten insbesondere Umhängesysteme (Cowtails, ähnlich einem Klettersteigset) an nicht durchlaufenden Sicherungssystemen (ähnlich der „Klettersteig-Technik“), deren unsachgemäße Anwendung Absturzgefahr bedeutet. Es besteht das Risiko, dass sich Teilnehmer zum einen ungewollt falsch einbinden oder zum anderen vollständig aus dem Sicherungssystem ausklinken. Mit aus diesem Grund stellten Klaus Bornack (Firma Bornack), Thomas Schmidt (Firma Edelried) und Thomas Kracker (Firma Faszinatour) verschiedene Sicherungssysteme vor, die bewirken, dass sich bei zwei zu bedienenden Karabinern immer nur ein Karabiner aushängen lässt. Diese Funktion stellen zum Beispiel Edelried und Bornack über eine Bowdenzugmechanik her. Allerdings muss auch bei diesem System die Anwendungsperipherie stimmen und ein Fehlklicken auf Abspannseile, Hilfskabel oder lose Enden von geklemmten Kauschen vermieden werden. Die Firma Bornack lässt als Sicherheit zusätzlich pro Aktivitätsabschnitt an den jeweiligen Enden der Sicherungskabel die jeweiligen Karabiner über kleine Stifte zum Umhängen aktivieren.

Neben Top-Rope- und Cowtail-Sicherungen, auch in den dargestellten neuen Varianten mit Bowdenzug, werden aber auch durchgängige Sicherungssysteme entworfen, erprobt und angeboten. Klaus Bornack demonstrierte sein System, das den gefährdenden Transfer von Sicherungsseil zu Sicherungsseil vermeidet und es nicht zulässt, dass sich der Teilnehmer selbst aus der sichernden Verbindung zur Hochseilgartenstruktur lösen kann. Der Teilnehmer bewegt sich mit einem Verbindungs- und Gleitmechanismus in einem umlaufenden Seil- und Kabelsystem, das auch an den Anschlagpunkten des Kabels vorbeiführt.

Rundumlaufende Systeme bieten die größte Sicherheit

Verlässliche Angaben über die Verbreitung der unterschiedlichen Sicherungssysteme in den Anlagen fehlen. Viele Seilgartenbetreiber verwenden verschiedene Systeme parallel. Rundumlaufende Systeme sind dabei nicht die Methode der Wahl, weil viele Teilnehmer ihre Parcours in eigener Verantwortung bewältigen möchten. Für Kinder und Einsteiger, so Burger, bietet sich ein derart sicheres, leider nicht billiges System, aber durchaus an. „Neben aller Technik ist aber vor allem das operative Procedere des Anlagenbetreibers für die Sicherheit der Teilnehmer ausschlaggebend“, meint der Experte Mario Kölblinger von der ERCA.

Eine große Rolle spielen unter anderem die Sicherheitsqualität der Anlage und der Organisation, ständige Risikobeurteilung, die Ausbildung, Kompetenz und Anzahl der Trainer, eine gute Einweisung und Befähigungsprüfung der Teilnehmer und die Bereitschaft und Möglichkeit der Trainer im Notfall einzugreifen. Der Geschäftsführer des Aschheimer Hochseilgartens Gösta E. Roloff stellte seine Anlage für die Fortbildung zur Verfügung und betreute die Teilnehmer.

Pressemitteilung BRK BGL

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