Einzigartige Infrastruktur in der WTD 52 in Schneizlreuth

„Wir können hier die Druckwelle einer mittleren Atombombe erzeugen“

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Die Untertage-Anlage ist der Hauptarbeitsplatz in der Wehrtechnischen Dienststelle in Schneizlreuth, deren Chef Peter Pörsch ist

Schneizlreuth – Idyllisch auf dem Weg zwischen Unterjettenberg und dem Wachterl liegt ein militärische Sicherheitsbereich der Bundeswehr. Fast jeder kennt die Abzweigung zur Wehrtechnischen Dienststelle für Schutz- und Sondertechnik (WTD 52), doch was passiert dort eigentlich?

Ein einsamer Ort, ein freies Feld, darauf verschiedene Objekte eines Feldlagers, eine Schutzmauer und ein Lastwagen. Der Lastwagen ist mit 30 Tonnen Sprengstoff angefühlt. Die große Frage: was passiert, wenn er in die Luft fliegt?


Dieses Szenario hat sich natürlich nicht in Schneizlreuth abgespielt. Eine solche Fläche ist wohl im gebirgigen Teil Bayerns eher nicht zu finden. Aber eine Abordnung der Wehrtechnischen Dienststelle für Schutz- und Sondertechnik aus Schneizlreuth hat diese Tests mit vier anderen Nationen in Schweden durchgeführt.


Großer Sprengtest mit Beteiligung der Bundeswehr: „Das ist kein Spaß“ oder doch?

Die Planungen für diesen großen Test haben bereits 2013 begonnen. Das allein macht deutlich, was für ein Aufwand für den Schutz unserer Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr betrieben wird. Denn der eigentliche Test fand im August 2019 statt.

Während der Leiter der Wehrtechnischen Dienstelle in Schneizlreuth, Peter Pörsch, betont: „Das ist kein Spaß.“ Muss sein Stellvertreter Rainer Gündisch mit einem Grinsen zugeben: „Doch.“ Gündisch hat mit seinem Team den Test in Schweden durchgeführt. „Wir wollten wissen, ob es nach einer solchen Detonation möglich ist, unsere Schutzmauer zu überwinden und ins Feldlager zu gelangen.“

Rainer Gündisch lebt seinen Beruf und hat deshalb auch Spaß am Sprengen.

Rainer Gündisch muss zugeben: „Es wäre danach möglich.“ Allerdings erfordere es bereits einigen Aufwand und die Mitarbeiter der WTD 52 können jetzt weitertüffteln, um die Schutzmauern für Feldlager der Bundeswehr noch sicherer zu machen.

Schutz der Soldaten ist Hauptaufgabe der WTD 52 in Schneizlreuth

Wie bereits erwähnt, wäre ein solcher Test in Schneizlreuth nicht möglich. Dennoch ist es Gündisch wichtig zu betonen: „Wir haben eine Million Euro in dieses Projekt gesteckt, da wir die Ergebnisse unter den fünf Nationen aber ausgetauscht haben, hatten wir einen Benefit von fünf Millionen Euro davon.“

Für den Otto-Normal-Verbraucher ist das alles trotzdem schwer verständlich, was genau die Aufgabe der WTD ist. Deshalb wird der Leiter der WTD nicht müde, zu betonen, dass ihre Hauptaufgabe der Schutz von Soldaten in der Bundeswehr ist. Bisher ist bei Außenangriffen auf Feldlager niemand zu Schaden gekommen.

Um das zu gewährleisten, müssen alle Schutzmaßnahmen für die Bundeswehr auf ihre Sicherheit getestet werden. In drei unterschiedlich großen Sprenganlagen werden neben Schutzmauern und -wänden auch militärische Fahrzeuge und Munitionslager entworfen und getestet.

Sicherheitskonzept des Berliner Breitscheidplatzes mit Hilfe aus Schneizlreuth

Im Bereich des Terrorschutzes testen die knapp 140 Mitarbeiter der WTD neben herkömmlichen Möglichkeiten, wie beispielsweise Nagelbänder, um feindliche Fahrzeuge zu stoppen, auch Tarnsysteme und verschiedene Arten des Terrorschutzes. Wenn die herkömmlichen Möglichkeiten den Ansprüchen der Ingenieure, Informatiker, Naturwissenschaftler, Metallbauer, Schreiner und vielen anderen Berufen die es in der WTD gibt, nicht genügen, wird selbst ein effektiveres Werkzeug entworfen.

Deshalb war die Wehrtechnische Dienststelle auch am Sicherheitskonzept des Berliner Breitscheitplatzes beteiligt. Dort wo 2016 der Lkw-Anschlag verübt wurde. Das Sicherheitskonzept für die deutsche Botschaft in Kabul musste innerhalb von 14 Tagen stehen. „Da mussten wir den Bestand nutzen, um maximale Sicherheit zu erreichen“, erklärt Peter Pörsch. Dass sie es können, belegte aber ein Anschlag, der 14 Tage später stattfand und bei dem niemand in der deutschen Botschaft verletzt wurde.

Large Blast Simulator einzigartig in Europa

Das Wissen der Mitarbeiter in der WTD ist deutschlandweit gefragt. Die Anlagen werden sogar international genutzt. Während das 60 Meter Tiefe Tauchbecken ursprünglich entstanden war, um eine Wassersäule nachzubilden, kommen heute auch mehrmals im Jahr die Kampftaucher der Bundeswehr, um dort zu üben.

Mit einer Länge von 107 Metern ist der Large Blast Simulator einzigartig in Europa.

Den Large Blast Simulator nutzt unter anderem die Nuklearmacht Frankreich für Tests. „Dieser Simulator ist einzigartig in ganz Europa“, betont Pörsch stolz. Lediglich in Amerika gebe es einen zweiten, der aber nicht funktioniere. In Schneizlreuth kann in dem 107 Meter langen Stollen eine Druckwelle einer 30 Tonnen Explosion nachgestellt werden.

„Wir erzeugen diesen Luftstoß mit Luftdruck“, versucht Gündisch einen Einblick zu geben. „Dafür werden 88 Flaschen mit Überdruck gefüllt, mit Membranen verschlossen und gleichzeitig aufgesprengt.“

Keine Beschwerden bei großen Sprengungen

Am Eingang vom Stollen befindet sich ein riesiger Schalldämpfer, der seit den 80er Jahren, als der Stollen in den Berg getrieben wurde, seine Dienste tut. „Im letzten Jahrzehnt hat sich niemand über das, was wir hier machen, beschwert.“

Im Gegenteil: die Wehrtechnische Dienststelle der Bundeswehr scheint nach außen hin einen Dornröschen-Schlaf zu führen. Würden nicht zahllose Wege auf die Reiter Alpe an den Anlagen in Oberjettenberg vorbeiführen, könnte man ihre Existenz bald leugnen.

Dabei verfügt die einzigartige Dienstelle sogar über einen Hochgebirgssprengplatz und eine Halle, in der Systeme zum Auffinden von vergrabenen Minen und versteckten Sprengladungen getestet werden. Mit der eigenen Seilbahn kann der Gipfel der Reiter Alpe problemlos erreicht, das nötige Material mitgenommen und auch wieder abtransportiert werden.

Alleinstellungsmerkmal Infrastruktur im Berg, am Berg, auf dem Berg

Die Wehrtechnische Dienststelle in Oberjettenberg verfügt über die nötige Infrastruktur im Berg, am Berg und auf dem Berg. „Das ist ein Alleinstellungsmerkmal der Wehrtechnischen Dienststellen, die sich von Schneizlreuth bis Eckernförde verteilen“, ist Leiter Pörsch stolz.

Peter Pörsch ist seit vier Monaten der Leiter der WTD 52 und würde sich über mehr Personal freuen.

Die Aufgabenbereiche, die sich von Munitionslager Schutz, Infrastruktur gegen Waffenwirkung bis zum aktiven Terrorschutz erstrecken, sind genauso vielfältig wie die Möglichkeiten. „Wir können hier die Druckwelle einer mittleren Atombombe erzeugen.“

Mit so einer Druckwelle können die Mitarbeiter dann feststellen, ob das gebaute Munitionslager mitten in einem Feldlager der Bundeswehr stehen kann, weil es solchen Explosionen Stand hält. „Früher waren die Munitionslager mindestens 400 Meter vom Lager weg, was es im Ernstfall zu einem sehr weiten Weg werden ließ. Mittlerweile befinden sich die in Oberjettenberg entwickelten Einsatzbehälter Munition direkt im Lager“, kann Pörsch von den Erfolgen der WTD berichten.

In der kleinen Universalsprenganlage kann täglich ein Schuss abgefeuert werden. Dort wird mit Sprengstoff gesprengt. Die große Universalsprenganlage und der Large Blast Simulator sind dementsprechend weniger im Einsatz. Aber egal wo gesprengt wird, große Drucktore machen es möglich, dass die Bereiche autark voneinander agieren können.

Autark vom Leben vor dem Schutzzaun scheint die WTD 52 im Vergleich zu den in Bad Reichenhall und Bischofswiesen angesiedelten Gebirgsjägern zu agieren. Ihr Tun ist vielen ein Rätsel, doch bei näherem Hinsehen fühlt man sich fast wie ein Geheimagent im Auftrag ihrer Majestät.

cz

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