Bauern fühlen sich von Politik verlassen

Experten rechnen 2022 mit nächstem großen Engerling-Befall in Schneizlreuth

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Nach ersten Erkenntnissen müssen die Bauern in Schneizlreuth 2022 mit einem ähnlich starken Engerlingbefall rechnen wie heuer.
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Schneizlreuth - Seit 2011 haben die Bauern am Jochberg in Schneizlreuth den Engerling auf ihren Feldern, heuer ist das Problem explodiert. 57 Hektar Wiese waren braun und von den Engerlingen komplett aufgewühlt. Erste Testergebnisse zur Behandlung wurden am Freitagabend (29. November) vorgestellt.

Fragen quälen die Bauern in Schneizlreuth seit Jahren und seit diesem Sommer noch mehr: Werden wir irgendwann wieder Engerling frei? Wie schaut unsere Zukunft aus? Was können wir vorbeugend tun? Alles ausgelöst durch kleine Mai- und Juni-Käferlarven, die die Wurzeln der Pflanzen fressen, die auf den Wiesen wachsen. Die Folge sind braune Felder und ein komplett aufgewühlter Boden.

Ein Anblick, der heuer nicht nur die Bauern, sondern auch die Verantwortlichen beimAmt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Traunstein und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft geschockt hat. Dennoch hat die Lösung für das Problem gedauert. "Pflanzenschutz ist überhaupt nicht einfach", bringt es Jakob Maier von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft auf den Punkt. "Da muss ein riesiger Rechtsrahmen umgesetzt werden."

Dr. Ullrich Benker untersuchte die effektivste Methode zur Engerling-Bekämpfung. Die mechanische Methode zeigt 75 bis 90 Prozent Erfolg.

Bis dieser Rechtsrahmen umgesetzt war und die Bauern am Jochberg am 15. August endlich die Pilzgerste auf ihren Feldern ausbringen lassen konnten, vergingen Monate. Noch immer kann keiner sagen, ob die Ausbringung was geholfen hat. "Da müssen wir die Langzeitwirkung abwarten", erklärt Dr. Ullrich Benker. Er hat im Auftrag der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft einen Vergleichsversuch angestellt und bei vier verschiedenen Bauern jeweils zwei Parzellen ihrer Felder unbehandelt gelassen, Pilzgerste ausgebracht und mechanisch behandelt.

Engerling-Befall in Schneizlreuth: im kommenden Jahr nur geringe Schäden?

Sein Fazit nach diesem Sommer: "Mechanische Behandlung wie Fräsen oder mit der Kreiselegge hat einen Erfolg von 75 bis 90 Prozent. Das bedeutet, dass von 100 Engerlingen mindestens 75 getötet wurden." Auch auf den anderen Parzellen sei die Zahl der Engerlinge über den Versuchszeitraum zurückgegangen, teilweise unter die Schadschwelle von 40 Engerlingen pro Quadratmeter.

Gleichzeitig erklärte er den anwesenden Bauern, dass aufgrund der Entwicklung des Engerlings; der nach einem Maikäferflug aus den abgelegten Eiern entsteht, sich anfangs knapp unter der Grasnarbe aufhält und alles abfrisst, dann sich aber weiter in die Erde zurück zieht; im kommenden Jahr nur mit geringen Schäden und einem geringen Befall zu rechnen ist. "Der Engerling kommt in der zweiten Phase, also im zweiten Jahr, nur kurz an die Grasnarbe und verkriecht sich schneller wieder. Im dritten Jahr fliegt er dann als Käfer wieder aus."

"Und wie weit fliegt er dann?" wollten die Bauern wissen. "Der Maikäfer ist relativ standorttreu", musste Dr. Benker daraufhin zugeben. "Ihr müsst 2022 mit einem ähnlich starken Befall rechnen wie heuer." Diese Aussage riss eine Bäuerin zu der Bitte hin: "Bitte bleibt's an unserer Seite, wir brauchen eure Hilfe, wir stehen mit dem Rücken zur Wand." Denn keiner wisse genau, welche Mittel man einsetzten dürfe, was nicht, was neu gesät und wie gedüngt werden dürfe. Alles Fragen bei denen die Bauern Expertenhilfe brauchen.

Schneizlreuther Bauern wollen ihre Felder retten

Bei einem Arbeitstreffen "Für an greena Jochberg" fassten die Bauern ihre Wünsche zusammen.

Der Versuch von Dr. Benker ist erst einmal abgeschlossen, ob im neuen Jahr Gelder dafür bewilligt werden, ist nicht klar. Immerhin beliefen sich die Kosten für die Ausbringung der Pilzgerste, für externe Wasseranalysen und für die Versuche auf gut 57.000 Euro. Für die Betroffenen aber ist klar, sie wollen ihre Felder retten, sie wollen, dass sie wieder grün werden. "Dafür müssen wir eventuell für ein paar Jahre aus Bio- und Kulap-Förderung aussteigen", erklärte Schneizlreuths Bauernobmann Martin Holzner sen. "Dann können wir nach der Behandlung und dem Säen entsprechenden Dünger auf den Feldern ausbringen, dass wieder was wächst."

Eine Tatsache die die Bauern erstmal erschreckte. Aber Georg Auer, selbst ehemaliger Landwirt, der die Bauern von Anfang an unterstützte, brachte es auf den Punkt: "In so Fällen wie bei euch müssen Ausnahmen ganz schnell gehen. Da ist die Politik gefordert, dass sie Lösungen schafft." Lösungen insofern, dass Bauern trotz Bio-Zertifizierung Mineraldünger ausbringen dürfen, damit auf ihren Feldern wieder etwas wächst. Lösungen, dass schnell und unbürokratisch geholfen werden kann und das gegebenenfalls über Jahre.

"Es laufen zwei Anfragen im Landtag", erklärte Hans Zenz vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Traunstein. "Ich denke es sollte da irgendwie eine Lösung rauskommen." Aber bis es soweit ist, müssen die Bauern versuchen, ihre Felder nach Möglichkeit mechanisch zu behandeln, "wo es die Hanglage zulässt", neu anzusäen und zu düngen. Bis ihre Felder wieder Ertrag bringen, müssen sie Futter zukaufen und werden weiter auf Hilfe angewiesen sein. Wie lange kann keiner sagen.

cz

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