Schieben, drücken, ziehen und stemmen unter Tage

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Schneizlreuth – Sie schaffen das schier Unmögliche und retten einen schwer Verletzten unter vollem Krafteinsatz und mit jeder Menge Geschick aus einem schmalen Stollensystem tief im Berg.

Die Höhlenretter der Bergwacht-Region Chiemgau sind ausdauernde Spezialisten fürs Extreme, wenn´s stockdunkel, feucht, kalt und vor allem eng wird. In Teamarbeit schieben, drücken, ziehen und stemmen sie einen liegenden Patienten an Engstellen vorbei, die gerade einmal so breit sind, dass man mit angezogenen Schultern selbst hindurchkriechen kann.

Übungsort ist die Totengrabenhöhle: Sie ist mit 250 Metern die längste Höhle im Lattengebirge, wobei der größte Teil wasserführend und nur Tauchern zugänglich ist.

Markus Leitner von der Pressestelle des Roten Kreuzes war mit dabei und schildert seine Eindrücke.

Versteckter Eingang

Wir zweigen vollbepackt von der alten Wachterlstraße ab, schlagen uns durchs Buschwerk und steigen 100 Höhenmeter mit unserer Höhlenretter-Ausrüstung auf dem Buckel entlang des Bachs über steile Wiesenhänge und durch den Bergwald auf. „Im Ernstfall ist es manchmal gar nicht so einfach, den Höhleneingang im freien Gelände überhaupt zu finden“, erklärt mir der Freilassinger Bergwacht-Bereitschaftsleiter Siegi Fritsch, dessen fünfjähriger Sohn Jakob unserer Gruppe mit festen Schritten durchs hohe Gras vorausstapft.

Totengraben, toller Name, – sind da früher im Winter reihenweise die Bergbauern beim Holzziehen abgestürzt? Damit von uns niemand abrutscht, befestigt Rudi Hiebl weiter droben ein Sicherungsseil am Baumstamm oberhalb der steilen Rinne, durch die der Bach in Richtung Tal schießt. „Da müssen wir runter!“, stellt Jakob zielsicher fest. Einer nach dem anderen steigen wir am Seil entlang hinunter zum Fuß der hohen, überhängenden Wand; aus den unteren Löchern kommt das Wasser ans Tageslicht, durch das obere müssen wir rein in die Dunkelheit.

Es werde Licht!

Im Lattengebirge gibt´s im Vergleich zu den umliegenden Gebirgsstöcken nicht besonders viele Höhlen, da das Wasser dem dolomitreichen Stein nur wenig zusetzt; dementsprechend eng ist auch der Eingang zur Totengrabenhöhle. Es tröpfelt von der überhängenden Felswand und aus den zum Teil bereits verschwitzten Gesichtern, als unsere bunt gemischte zwölfköpfige Gruppe die umfangreiche Höhlenretter-Ausrüstung anlegt und sich für den Einstieg vorbereitet.

Hinter mehreren Engstellen liegt der Geologe Gerhard Hogger, Bruder von Truppführer Peter, auf einer Isomatte am feuchten Höhlenboden – er spielt den Verletzten und wartet, bis der Rettungstrupp eintrifft. Eigentlich wäre es stockdunkel, doch die LED-Stirnlampen an den Helmen beleuchten das gelbrötlich gefärbte Gestein und erzeugen mit den wild zerklüfteten Felsrändern ein lebendiges Schattenspiel – geheimnisvoll und faszinierend.

Kriechend und kletternd bewegen wir uns immer tiefer in den Berg hinein; unter uns sucht sich in weiteren Gängen leise rauschend das Wasser einen Weg ans Tageslicht. Mit dabei sind auch Andrea Bernberger, Maria Leitner und Norbert Rosenberger von der Salzburger Höhlenrettung. „Zu den Österreichern haben wir beste Kontakte. Wir üben gemeinsam und helfen uns auch bei Einsätzen personell aus“, erklärt mir Truppführer Peter, der die Übung vorbereitet und geplant hat.

Die Telefondamen mit den Carbidlampen

„Hier stinkts nach Dynamit!“, stellt der fünfjährige Jakob fest und er hat recht. Die drei Salzburger haben ihre Helm-Karbidlampen angemacht und man riecht das verbrennende Calciumcarbid – „die geben ein viel angenehmeres Licht als die kalten LED-Lampen“, meint Andrea, die sich mit Maria um das Höhlentelefon kümmert. Da in der Höhle jeder Funk durch das massive Gestein abgeschirmt wird, folgen sie dem Rettungstrupp auf Schritt und Tritt und verlegen bis zum Patienten ein dünnes Telefonkabel, über das sie ständig Kontakt zur Außenwelt aufnehmen können.

Höhlenretter im Einsatz

Am anderen Ende der Leitung sitzt Einsatzleiter Rudi Hiebl; er wartet am Eingang und koordiniert den weiteren Rettungseinsatz, wobei ihn die Telefondamen über alle Details informieren. Hörer an der Leitung anknipsen, die Sprechmuschel mehrmals drehen und los geht’s: „Wir brauchen hier unten dringend einen Sani, der Patient trübt ein!“ - „Einsatzleitung hat verstanden, Sanitäter ist unterwegs!“

Während Beni Hiebl, Markus Weilacher, Thomas Klein, Norbert Rosenberger und Peter Hogger unter vereinten Kräften den Mimen im Rettungssack nach oben ziehen, kommt ihnen Rettungsassistent Siegi Fritsch entgegen, der den Kreislauf des Patienten stabilisieren soll.

Schweißtreibende Millimeterarbeit wird zum Geduldspiel

Als es bergab geht, müssen die Helfer den Rettungssack mit einer Seilsicherung bremsen – alles geht ganz behutsam vor sich, da insgesamt zehn Hände mit anfassen. „Ursprünglich hatten wir vor, Gerhard mit einer speziellen zerlegbaren Rettungstrage nach draußen zu bringen, doch die trägt einfach zu viel auf“, stellt Peter fest. An den Engstellen kommt es auf jeden Zentimeter an: Nur mit viel Mühe und Not passt der gefüllte gelbe Sack durch die schmalen Passagen – die Trage würde hier einfach stecken bleiben.

Zu fünft drücken, ziehen, stemmen und schieben die Träger den Verletzten durch die Felslöcher und freuen sich über jeden gewonnenen Millimeter. Als auf einmal gar nichts mehr geht und Gerhard quasi zwischen den Wänden feststeckt, stemmt sich sein Bruder Peter von unten seitlich in die Spalte und drückt den Rettungssack wieder nach oben, wo der Abstand ein wenig breiter wird; gleichzeitig zieht und drückt der Rest der Mannschaft, bis sich der Sack wieder bewegt. Alleine hätte hier niemand eine Chance – alles ist Teamarbeit und eine ganz schöne Schinderei.

„Solche Einsätze können mehrere Tage oder sogar Wochen dauern, wenn der Verletzte tief in der Höhle liegt. Dann bauen wir eine richtige Versorgungsstruktur zum Trägertrupp auf, führen Material nach und tauschen von Zeit zu Zeit die erschöpften Helfer aus“, erklärt Norbert, der auf viel Einsatzerfahrung zurückblicken kann.

Ein Krankenbett unter Tropfsteinen

Ganz so weit haben es die die Retter in der Totengrabenhöhle bis zum Ausgang nicht – obwohl es mehrmals richtig eng, rutschig und auch steil wird, bringen sie Gerhard mit viel Geschick innerhalb einer Stunde ans Tageslicht zurück. Dort angekommen und aus dem Sack befreit lacht er, zündet sich gemütlich eine Zigarette an und meint: „Ich habe mich die ganze Zeit über richtig sicher und gut aufgehoben gefühlt; vermutlich weil ich weiß, was unsere Höhlenretter leisten können.“

Im Ernstfall hält ein Arzt oder Sani ständigen Kontakt zum Verletzten und erklärt den Ablauf der Rettung. „Ohne diese psychische Betreuung besteht die Gefahr, dass der Patient Angst bekommt, austickt und in Panik verfällt. Dann wird’s gefährlich für alle“, weiß Andrea.

„Wilde Hunde sind das, diese Höhlenretter“, denke ich mir und höre weiter den Geschichten von Übungen und Einsätzen zu, bei denen ich manchmal nicht so recht weiß, was ich glauben soll - Jäger-, nein Höhlenretterlatein, zu phantastisch erscheinen die Erzählungen. „Wenn wir den Verletzten nicht aus der Höhle bringen können, dann muss er eben hier unten wieder gesund werden, indem wir mit Material und Personal seine Versorgung sicherstellen.“ Ein Krankenbett in ewiger Dunkelheit und unter Tropfsteinen – eine unwirkliche Vorstellung, die aber angesichts der unbegrenzten Motivation dieser Ehrenamtlichen durchaus wieder realisierbar erscheint.

Müde aber zufrieden sind die Höhlenretter wieder um eine Erfahrung reicher. Peter Hogger und sein stetig wachsendes Team erkunden seit rund zweieinhalb Jahren Höhle für Höhle in der Region, um für echte Einsätze die notwendigen Ortskenntnisse zu gewinnen. Nach einer gemeinsamen Wurstsemmel-Brotzeit mit herrlichem Ausblick auf Unterjettenberg und die Saalach geht’s mit viel Gepäck zurück ins Tal. Alle sehen wie Saubären aus, denn der schmierige Dreck aus dem finsteren Loch hat sich überall festgesetzt. Heute Nachmittag ist Putzen und Materialpflege angesagt; auch das gehört zum Dienst. In zwei Wochen steht die Salzgrabenhöhle oberhalb des Königssees auf dem Programm: Mit über neun Kilometern die zweitlängste Höhle Deutschlands.

Pressemitteilung BRK BGL

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