Retten und Bergen im Hochgebirge

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Mit der Seilwinde werden zwei Gebirgsjäger auf einmal hochgezogen. Der Bordmechaniker im Hubschrauber hat alles im Blick.

Bad Reichenhall/Oberjettenberg - „Libelle, hier Gemse, kommen“ funkt Hauptfeldwebel Rene Hellmann (36), Zugführer des Hochgebirgsjägerzugs den Hubschrauber an, als erstes Knattern zu hören ist.

Sofort läuft einer der in Schneetarnanzügen gekleideten Soldaten zum Landeplatz, einer einigermaßen ebenen Fläche von 10x10 Metern, um den Helikopter einzuweisen. Die Maschine kommt näher, wirbelt immer mehr Schnee auf und landet schließlich nur wenige Meter vor dem Einweiser. Es ist ein wolkenloser Februar-Tag, strahlend blauer Himmel und beste Aussicht. Doch von Pistengaudi keine Spur – auf dem Hochgebirgsübungsplatz Reiteralpe, den das Gebirgsjägerbataillon 231 aus Bad Reichenhall mit mehreren hundert Soldaten über den Zeitraum einer vollen Woche zum jährlichen Winterbiwak bevölkert.

Die Soldaten übernachten in Iglus und werden Tag für Tag ausgebildet: Lawinenkunde, Verschüttetensuche, Tourengehen, Tarnen, Schießen, und so weiter. Für den Hochgebirgsjägerzug stehen heute Bergrettung und die Perfektionierung der Zusammenarbeit mit dem Hubschrauber auf dem Dienstplan. Gebirgsjäger und Piloten begrüßen sich herzlich, kennt und schätzt man sich doch von vergangenen gemeinsamen Übungen.

Lagebesprechung: Hauptfeldwebel Hellmann (rechts) bespricht den Tagesablauf mit den beiden Piloten des Hubschraubers (links).

In einer urigen Berghütte auf dem auf 1600m über dem Meeresspiegel gelegenen Übungsplatz versammeln sich Piloten und Gebirgsjäger zur Besprechung. Kaffee steht bereit – offenbar weiß man, was Piloten brauchen. Windgeschwindigkeit, Funkfrequenzen, Ausweichlandeplätze, Anflugrichtung, Anzahl und Art der Übungsdurchgänge – alles wird detailliert besprochen. Und eines wird schon beim Zuhören klar – geschenkt wird den Gebirgsjägern heute nichts, sie werden kaum Zeit zum Verschnaufen finden.

Schon steigt die Maschine wieder in die Luft und kreist über der Hochebene. Mit Handzeichen weist Hauptfeldwebel Hellmann die versammelten etwa zwanzig „Hochzügler“ ein. Vormittags wird das Aufnehmen von Soldaten mit der Seilwinde geübt. Paarweise finden sich die Soldaten zusammen, mit Karabinern hängen sie sich zusammen. Nacheinander klinken sie sich in den herabsinkenden Haken des etwa 15 Meter über ihnen in der Luft stehenden Hubschraubers ein und schweben davon. Das alles geschieht nahezu blind und stumm, schließlich wirbelt die Maschine so viel Schnee auf, dass man kaum die Hand vor Augen sieht und es ist so laut, dass man sich nur schreiend verständigen könnte.

„Dort, wo der Hochgebirgszug eingesetzt wird, gibt es keine Landemöglichkeit für Hubschrauber“, erklärt Hellmann. „Das Absetz- und Aufnahmeverfahren aus der Luft müssen die Männer beherrschen. Wenn´s drauf ankommt, weil zum Beispiel ein Soldat verletzt ist und evakuiert werden muss, dürfen die Männer nicht mehr überlegen müssen.“

Der Verwundete kann nur liegend transportiert werden. Er wird auf der Vakuummatratze festgeschnallt und ins das Seil eingehängt, während etwa fünfzehn Meter über den Soldaten der Hubschrauber schwebt und eisigen Wind nach unten bläst.

Zur Mittagspause versammeln sich die Soldaten wieder an der Berghütte. Der Zugführer lässt es sich nicht nehmen, persönlich jedem „seiner“ Soldaten einen Schöpfer heiße Suppe auszuteilen. Nach dem kameradschaftlichen, ja geradezu freundschaftlichen Umgang zu den Untergegeben gefragt, erklärt der Heeresbergführer, der eben erst mit großen Teilen des Zugs aus Afghanistan zurückkehrte, dass man nicht zuletzt im Auslandseinsatz durch die Entbehrungen und gemeinsamen Erfahrungen enger zusammengewachsen sei und erlebt habe, dass man sich aufeinander verlassen könne. „Und darauf kommt´s bei uns an – ob in Afghanistan oder im Hochgebirge. Da braucht´s kein Kasernenhofgeschrei.“

Für den Nachmittag ist eine Steigerung der Schwierigkeit geplant: Ein Verletzter kann nur liegend auf der Vakuummatratze evakuiert werden. In Abständen von wenigen Minuten wird der Hubschrauber kommen und jeweils einen Verletzten und einen Retter gemeinsam aufnehmen. Ein Dutzend Hände werkeln im Schnee gleichzeitig an der Trage, schnallen den „Verletzten“ fest, packen ihn zum Schutz vor dem eisigen Wind komplett ein, bereiten die Aufhängung mit Seilen und Karabinern vor, bringen eine Antirotationsschnur an, mit der ein Soldat vom Boden aus verhindert, dass die Trage im Wind zu rotieren beginnt und der Retter hängt sich ein. Schon kommt der Hubschrauber, einklinken und sie schweben davon. Was zurück bleibt? Ruhe, Windstille, blauer Himmel - und ein stolzer Zugführer, der weiß, dass seine Soldaten für den Ernstfall gerüstet sind.

Pressemitteilung Gebirgsjägerbrigade 23

Zurück zur Übersicht: Region Bad Reichenhall

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser