Ramsauer besuchte die Bergwacht

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Bad Reichenhall - Die Bergwacht durfte einen prominenten Gast begrüßen. Verkehrsminister Peter Ramsauer hat sich über die Arbeit der Bergwacht informiert.

Während der offiziellen Einweihungsfeier vor einem Jahr war er beruflich andernorts gefordert, jetzt hat Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer die neue Rettungswache der Bergwacht Bad Reichenhall einschließlich der Regionalgeschäftsstelle der Bergwacht Chiemgau besucht, sich im intensiven Gespräch mit den Ehrenamtlichen eineinhalb Stunden lang über den Bergrettungsdienst und aktuelle Entwicklungen informiert und die Schnittstellen zu seinem Ministerium aufgezeigt. Nahezu die gesamten aktiven Bergretter rund um Bereitschaftsleiter Dr. Klaus Burger, aber auch Familienmitglieder waren versammelt, um ihre Arbeit vorzustellen und Ramsauer zu begrüßen, der sich für den persönlichen Kontakt sehr viel Zeit genommen hatte. Als besonderer Gast nahm Bernd Rosenberger an der Veranstaltung teil. Er ist Ehrenmitglied des Fördervereins „Bergrettung Bad Reichenhall e. V.“ und spendete 60.000 Euro für den Neubau, womit er der neuen Rettungswache buchstäblich das Dach aufsetzte.

Schnittstellen zwischen Bergwacht und Verkehrsministerium

„Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung ist eigentlich nur begrenzt für die Bergwacht zuständig“, bemerkte Ramsauer in einer herzlichen und sehr anerkennenden Ansprache. Bereitschaftsleiter Burger meinte daraufhin, man könnte doch sein Haus in „Bundesministerium für Verkehr und unwegsames Gelände“ umbenennen, um dadurch unmittelbare rechtliche Zuständigkeit zum heimischen Wahlkreisabgeordneten und zur Bergwacht zu schaffen. Schnittstellen gibt es aber auch so: Ramsauer ist zuständig für die neu entstehenden Offshore-Parks, Wetterdaten und auch für den Luftraum und damit auch besonders wichtig für die Bergwacht, die rund ein Drittel ihrer Einsätze mit Hubschrauberunterstützung absolviert und bei ihren Rettungen maßgeblich von präzisen Wettervorhersagen abhängig ist. Ramsauer ist unter anderem mit dem Problem konfrontiert, dass für die Offshore-Windparks ein Rettungsdienst aufgebaut werden muss, wobei von verschiedenen Seiten angedacht ist, nach dem Vorbild der Bergwacht-Halle in Bad Tölz auch an der Küste eine Hubschrauber- Simulationshalle zu bauen, in der die Einsatzkräfte für die schwierigen Rettungswinden-Einsätze auf offener See trainieren können. „Die Küstenretter werden bereits jetzt in Bad Tölz ausgebildet. Hier profitieren wir vom Erfahrungsvorsprung und der bisher einmaligen Einrichtung der Bergwacht“, lobte Ramsauer.

Berge ohne Abgrund sind keine Berge

Burger stellte zusammen mit dem Geschäftsführer der Bergwacht Bayern, Gerhard Opperer dem Minister bei Kaffee und Kuchen die Strukturen, Aufgaben und Arbeit im bayerischen Bergrettungsdienst vor. In der einleitenden Präsentation zeigte er eindrucksvoll aktuelle Bilder vom Rekord-Einsatzjahr 2012 und informierte über den Neubau, der in einer Zeit von nur sieben Monaten mit viel Eigenarbeit und gespendeten und freiwillig zugewiesenen Geldern in Höhe von insgesamt rund 500.000 Euro fertiggestellt wurde. Er schilderte dem Minister den Ablauf und die einsatztaktischen Überlegungen bei gefährlichem Bergrettungseinsätzen und das große mediale Interesse an entsprechendem Einsatzgeschehen, demonstrierte den hohen Ausbildungsstand der Einsatzkräfte auch in der Flugrettung und stellte die anspruchsvolle Organisation seiner Mannschaft dar. „Dabei gehört es zur Natur von Bergrettungseinsätzen, dass sie nicht ohne Eigengefährdung der Retter durchgeführt werden können, denn Berge ohne Abgrund sind keine Berge“, sagte Burger. Und immer wieder wird von Betroffenen gerade deshalb ein Notruf abgesetzt, weil besondere Gefahren wie Gewitter, Dauerregen, extreme Kälte oder schwüle Hitze,

Lawinen, Steinschlag oder Dunkelheit drohen oder zu einem Unfall geführt haben. „Leider sind auch öfters die Meldebilder falsch. Ein Sturz stellt sich dann an der Einsatzstelle als lebensbedrohliche Verletzung oder akute interne Erkrankung dar, die insbesondere bei bodengebundenen Einsätzen ohne Hubschrauber ein hohes Maß an Professionalität, Erfahrung und auch Improvisationsfähigkeit erfordern“, erklärte Burger.

Hochtechnisierte Ortungsfahrzeuge

„Die Bergrettung entwickelt sich mit der Technik ständig weiter“, lautete die zentrale Botschaft Opperers und Burgers. Die Bergwacht-Regionen werden deshalb demnächst mit hochtechnisierten Kleinbussen voller Ortungsgeräten für die Vermisstensuche im unwegsamen Gelände ausgestattet, wobei langfristig auch unbemannte Flugdrohnen mit Wärmebildkameras zur Ausstattung gehören sollen. Die Rettungswache Bad Reichenhall soll Standort für eines dieser Autos werden, das mittels Spezialausrüstung die Suche nach Vermissten oder Verunglückten und zur Lageabklärung noch effektiver und erfolgreicher gestalten soll.

Adrenalin im Blut

Besonders am Beispiel von Lawineneinsätzen verdeutliche Burger dem Minister, wie sehr der Einsatzleiter beim Meldebild „Lawinenunfall, Verschüttete“ unter Adrenalin stehe. Der Point of no Return liege bei einem Verschütteten ohne Atemhöhle bei etwa 35 Minuten, so Burger. Innerhalb von nur 15 Minuten seien noch 90 Prozent der Verschütteten zu retten. Allerdings dauere das Ausgraben aus einer Tiefe von einem Meter bereits rund zehn Minuten. Daran sei zu ermessen, was Meldebilder für Einsatzleiter und Einsatzkräfte an Handlungs- und Entscheidungsdruck bewirken können. Burger erläuterte dem Minister, dass nur etwa 15 Prozent der Verschütteten traumatisch bedingten Verletzungen erliegen. 65 Prozent sterben an akutem Ersticken, weitere 20 Prozent am sogenannten „Triple-H-Syndrom“, also Sauerstoffmangel (Hypoxie), einem erhöhten Kohlenstoffdioxidgehalt im Blut (Hyperkapnie) und Unterkühlung (Hypothermie).

Ein Felshaken für Berlin

„Einen Haken hat der Besuch aber schon“, scherzte Burger und überreichte Ramsauer als Dank für seine Wertschätzung einen Felshaken. Dieser diene bekanntlich zwei Zwecken: Entweder zur Sicherung des Erreichten oder aber auch zur Fortbewegung hin zu noch höheren Zielen. Ramsauer konterte, er werde den Felshaken nach Berlin mitnehmen und zunächst in anderer Funktion verwenden: Er sei gespannt, ob dieser bei der Flugkontrolle der Bundespolizei als gefährlicher Gegenstand entdeckt werde.

Ehrenamtliche zeigen ihre Arbeit

In herzlicher und gelöster Atmosphäre führten anschließend die Baumeister Hans Lohwieser, Walter Aßmann und Marcus Goebel durch das Haus und zu verschiedenen Stationen, wo die Ehrenamtlichen dem hochrangigen Gast ihre Arbeit und entsprechende Einsatzmittel vorstellen konnten. So erläuterte Manfred Hasenknopf die moderne Einsatzzentrale mit den GPS-gestützten bildlichen Darstellungen des Geländes. Regionalgeschäftsführer Ludwig Lang stellte das in Bad Reichenhall angesiedelte Rechenzentrum der Bergwacht Bayern und das für den bayerischen Alpenraum neu eingerichtete Gleichwellen-Funknetz vor. Am neu errichteten Übungskletterturm demonstrierten Jörg Titze und Hannes Vogl die behelfsmäßige Rettung mittels Kapprettung aus steiler Wand – der Turm wurde nach dem Erbauer - Bergretter und Steinmetzmeister Martin Weber - „Weberspitz“ getauft. Der stellvertretende Bereitschaftsleiter Stefan Strecker demonstrierte mit Flugretterin Monika Aßmann die Rettungsmöglichkeiten mittels Rettungssitz für weniger schwer Verletzte und mittels Luftrettungssack für schwerer Verunglückte und erläuterte die notfallmedizinischen Möglichkeiten der Retter am Unfallort. Ramsauer zeigte sich von der Professionalität sehr beeindruckt und bemerkte, dass dies alles so perfekt anzusehen sei, man aber sogleich erahne, welch enormer Ausbildungs- und Fortbildungsaufwand dahinter verborgen sei. Zum Abschluss erklärte Fahrzeugwart Helmut Lutz dem interessierten Gast die Einsatzmöglichkeiten der vier verschiedenen Rettungsfahrzeuge.

Hilferuf vom nebelumhüllten Hochschlegel

Kaum war der Minister herzlich von den Rettern verabschiedet, wartete ein realer Bergrettungseinsatz auf die Ehrenamtlichen: Ein Mann, offenbar sehr durchnässt, hatte zwischen Schlegelmulde und Hochschlegel im Nebel die Orientierung verloren und einen Notruf abgesetzt. Nach mehreren Telefonaten gelang es dem Einsatzleiter, den Mann auf den rechten Weg und zur Bergstation der bereits ruhenden Predigtstuhlbahn zu lotsen. Schnell war über Telefon mit den Verantwortlichen der Bahn eine Sonderfahrt für den Erschöpften organisiert, der unversehrt wieder den sicheren Talboden erreichte. 

Peter Ramsauer bei der Bergwacht

ml

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