Eishallen-Einsturz: Wollte Stadt Billig-Gutachten?

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Hat Rüdiger S. der Bad Reichenhaller Eishalle drei Jahre vor ihrem Einsturz fälschlicherweise einen guten Zustand bescheinigt? Verteidiger Rolf Krüger (l.) sagt nein.

Bad Reichenhall - Rund sechs Stunden haben Richter, Staatsanwälte, Nebenkläger und Verteidiger den ehemaligen Hochbauamtsleiter Bad Reichenhalls in die Mangel genommen.

Hermann F. war der vorerst letzte Zeuge, der im Revisions-Prozess um das Eishallen-Unglück von Bad Reichenhall gehört worden ist. Während der Richter mit seinen Fragen herausfinden wollte, in wie weit F. in die Begutachtung der offenbar maroden Eishalle verstrickt war, legten es vor allem die Verteidiger klar darauf an, dem Zeugen ein Geständnis zu entlocken.

Der ehemalige Hochbauamtsleiter sollte zugeben, dass der Auftrag an den Angeklagten Gutachter Rüdiger S. von Anfang an beschränkt gewesen sei und S. somit keine Schuld am Einsturz der Eishalle und dem Tod von 15 Menschen hätte. "Ich habe vorgeschlagen, ein Architekturbüro zu beauftragen, dass sich die entsprechenden Fachkräfte dazuholt und ein umfassendes Standsicherheitsgutachten erstellt", beteuerte F. immer wieder. Seine Vorgesetzte habe letztlich Rüdiger S. mit einer groben Kostenschätzung beauftragt.

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Die Nebenkläger und Verteidiger nagelten den ehemaligen Hochbauamtsleiter daraufhin an dieser Aussage fest. "Heißt das, sie haben geahnt, dass mehr kaputt war, als die Stadt wissen wollte oder nur akzeptiert, dass man sich für Rüdiger S. und nicht für eines ihrer vorgeschlagenen Architekturbüros entschieden hat." Eine genaue Antwort sollte zumindest der Zuhörer nicht erkennen. Dem sollte auch nicht ganz klar werden, warum weder der Auftrag bzw. das Angebot und das Ergebnis des Gutachtens von Rüdiger S. über den Zustand der Halle näher diskutiert worden sind. "Eine grobe Kostenschätzung ist kein Standsicherheitsgutachten", wetterte Verteidiger Rolf Krüger.

Insgesamt habe man von 2001 bis 2006 vier Gutachten über den Zustand der Eissport- und Schwimmhalle erstellen lassen, erklärte der Zeuge. "Dementsprechend müssen die Mängel bekannt gewesen sein", sind sich die Nebenkläger sicher. "Die Stadtbaudirektorin und ich waren aufgrund der Studie der Meinung, dass kein Handlungsbedarf bezüglich der Dachkonstruktion bestehe", sagte der ehemalige Hochbauamtsleiter aus. Es sei auch nie die Rede davon gewesen, dass die Decke einstürzen könnte.

Dass sie letztlich doch eingestürzt ist, haben zwölf Kinder und drei Mütter am 2. Januar 2006 mit ihrem Leben bezahlt. Der Konstrukteur des Hallendachs ist im ersten Prozess zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Rüdiger S. muss sich seit Mitte September erneut wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Er hatte in einem Gutachten dem über 30 Jahre alten Gebäude einen einwandfreien Zustand bescheinigt. Drei Jahre später stürzte die Halle ein. Der inzwischen 58-Jährige war 2008 freigesprochen worden. Der Bundesgerichtshof (BGH) kassierte das Urteil jedoch und verwies den Fall zur erneuten Verhandlung an das Traunsteiner Gericht zurück. Die Bewährungsstrafe für den Dachkonstrukteur ließ der BGH unbeanstandet.

Wenn von den Prozessbeteiligten keine neuen Anträge auf die Vernehmung weiterer Zeugen mehr gestellt werden, ist die Beweisaufnahme nun zu Ende. Staatsanwälte, Nebenkläger und Verteidiger haben dann zwei Tage Zeit für ihre Plädoyers. Am 27. Oktober will die Große Strafkammer ihr Urteil verkünden.

dpa/cz

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