"Ich war völlig überrascht von dieser Gewalt"

+

Bad Reichenhall - Zwei Wochen lang haben Soldaten des Gebirgsjägerbataillons 232 in erschreckend realistischen Szenarien für Afghanistan geübt:

Als Beobachter glaubt man, in einer fremden Welt gelandet zu sein: Baracken und Zelte stehen auf einer Anhöhe, umgeben von einer mannshohen Mauer, die lediglich ein Tor unterbricht. Es brennen Feuer in rostigen Fässern, Männer in orientalischen Umhängen laufen umher, dazwischen bewaffnete Soldaten in der Uniform der afghanischen Armee. Eisiger Wind pfeift über die Kuppe, es schneit immer mehr. Den Befehl über das Feldlager hat ein afghanischer Kommandeur, 58 Jahre alt. Weißer Bart, brauner Mantel und keine Deutschkenntnisse. Begleitet von seinem bewaffneten Gefolge verschwindet er in einem Zelt.

Im Camp stehen vier Fahrzeuge der Bundeswehr, zwei Transportpanzer Fuchs und zwei gepanzerte Wagen „Dingo“ und „Eagle“. Die rund 25 Gebirgsjäger der Bundeswehr, die gestern zur Unterstützung des afghanischen Verbands hier eingetroffen sind, machen sich bereit für einen Einsatz. In einem nahen Dorf soll der Terrorist Muhamad Zul aufgegriffen werden, der als Drogenhändler und Drahtzieher von Bombenanschlägen gesucht und dort vermutet wird. Sie laden ihre Waffen, überprüfen die Ausrüstung. Die Motoren laufen.

Die Soldaten üben für den Afghanistaneinsatz.

In dem Zelt sprechen deutsche Soldaten und der afghanische Kommandeur währenddessen die Vorgehensweise ab. Ein deutscher Offizier bemüht sich mit Hilfe eines Sprachmittlers, dem Afghanen taktische Prinzipien und Einsatzverfahren nahezulegen und Absprachen zu treffen. Befehlen kann er ihm nichts – nachdem die Sicherheitsverantwortung in weiten Teilen des Landes an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben wurde, haben sich die Deutschen auf die Rolle von Mentoren zurückgezogen und unterstützen mit Know-How und Sicherungskräften.

Szenenwechsel Bad Reichenhall - Baghrami

Am Marktplatz von Baghrami, einem trostlosen Dorf entlang einer matschigen Straße, stehen Afghanen zwischen Verkaufsständen an der Hauptstraße. Die Frauen tragen blaue Burkas, einen Ganzkörperumgang, der lediglich im Bereich der Augen weitmaschig gewebt ist und Durchsicht ermöglicht. Geschäftiger Betrieb herrscht an einem Stand mit Elektrogeräten. Zeitgleich fahren die Fahrzeuge der Bundeswehr von Osten und Westen auf die Straße, die durch das Dorf führt, bleiben an den Ortseingängen stehen und riegeln sie ab. Vermummte Soldaten sichern aus dem Turmluk die Gegend mit Maschinengewehren. Dann fahren die Fahrzeug der afghanischen Armee in das Dorf und stürmen das Gebäude, in dem der Terrorist vermutet wird. Es fallen erste Schüsse, schreiend rennt eine Frau mit Burka und einem Säugling im Arm aus dem Haus. Es wird immer mehr geschossen. Plötzlich kommen die Soldaten aus dem Haus und führen einen Menschen ab. Er trägt einen Sack über dem Kopf und wird unsanft in einem der Fahrzeuge „verstaut“.

Gebirgsjägerbrigade 23 übt für Afghanistan

Die Gebirgsjäger überwachen das Gelände

Abgesessene Soldaten knien abseits der Straße und überwachen das Gelände, einer untersucht den Straßengraben nach Sprengfallen. Etwa 200 Meter vor und hinter ihren Fahrzeugen haben sie rote Markierungen angebracht. Diese „Trigger Line“ warnt die Zivilbevölkerung, Abstand zu wahren und ist zugleich die Feuereröffnungslinie.

Plötzlich kommt ein Fahrzeug aus der Ferne angebraust. „Achtung, Fahrzeug aus Norden!“ schreit der MG-Schütze auf dem Panzer und zieht eine Pistole. Mit lautem Knall schießt er eine Leuchtpatrone ab, die wenige Meter vor dem Auto aufprallt. Sofort hat er wieder das MG im Griff und nimmt das Auto ins Visier. Das Fahrzeug bremst und kehrt um – aufatmen bei den Gebirgsjägern, der Abzugsfinger am Maschinengewehr blieb gerade.

Rund 30 Bundeswehr-Soldaten und 20 zivile Rollenspieler sind beteiligt

 Sie stellen afghanische Zivilisten, Terroristen, Dolmetscher oder afghanische Sicherheitskräfte dar. Über eine Zeitarbeitsfirma „eingekauft“ werden dabei vor allem die weiblichen und die älteren Darsteller. Keine Deutschkenntnisse zu haben ist dabei kein Hindernis, sondern sogar erwünscht, ermöglicht es doch eine realistische Ausbildung. Der afghanische Kommandeur beispielsweise ist bereits seit über 10 Jahren als Rollenspieler für die Bundeswehr tätig. Im „richtigen“ Leben stammt er aus Sibirien, ist er Diplom-Mathematiker und fand aufgrund seines Alters und den fehlenden Sprachkenntnissen in Deutschland keine Anstellung in seinem Fachgebiet. „Ich habe schon viele Übungen mitgemacht“, erklärt er in holprigem Deutsch, „aber diese hier ist eine der besten. Realistischer geht es nicht. Das sieht man auch in den Gesichtern der Soldaten“. Ein weiteres Dutzend Soldaten, mit einer weißen Armbinde gekennzeichnet, gehören zur Übungsleitung. Sie beobachten und filmen jeden Schritt der Soldaten für die anschließende Übungsauswertung.

Zurück im Feldlager

Jubel bei den Afghanen. Sie treiben den Gefangenen vor sich her, traktieren ihn mit Tritten bis er im Zelt des afghanischen Kommandeurs zum Verhör verschwindet. Auch die Gebirgsjäger verlassen ihre Fahrzeuge und freuen sich auf eine Pause. Doch schon bald lassen gellende Schreie und Schläge, die man aus dem Zelt des Afghanen hört, nichts Gutes vermuten. Ungläubig stehen einige Gebirgsjäger am von Afghanen bewachten Zelt und informieren ihren Vorgesetzten. Ein Oberstleutnant spricht bei den Wachen vor und bittet den afghanischen Kommandeur um ein Gespräch, das Schlimmste befürchtend. Er wird abgewiesen. Er erkundigt sich weiter nach dem Wohlbefinden des Gefangenen und drängt darauf, ihn gut zu behandeln. Seine Gefühle muss er dabei im Zaum halten, gilt es doch, das Vertrauen der Afghanen nicht zu zerstören und sie als Gast in diesem Land nicht bevormunden zu wollen.

Doch sind die afghanischen Mittel zur Wahrheitsfindung mit deutschem Rechtverständnis nicht vereinbar. Sich seiner aussichtslosen Lage bewusst werdend diskutiert der Offizier weiter mit den Afghanen, als plötzlich eine blutige und zerschundene Gestalt aus dem Eingang des Zeltes gestürzt kommt und vor dem Offizier zusammenbricht. Der Schnee färbt sich rot, Blut klebt an den Schuhen des Offiziers. Ohnmacht und Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Soldaten.

„Ich war völlig überrascht von dieser Gewalt“ erklärt der Oberstleutnant in der Nachbesprechung. „Hier kollidiert unser westliches Werteverständnis mit unserem Auftrag“. Ein Soldat mit weißer Armbinde stellt fest, dass hier tatsächlich keine Möglichkeit des Einschreitens bestand, weil die ISAF-Kräfte der Bundeswehr inzwischen nur mehr eine Mentorenrolle in militärischen Fragen übernehmen und auf eine gute Zusammenarbeit mit den Afghanen angewiesen sind. Stabsgefreiter Max H., Gebirgsjäger, 22 Jahre alt und als Sicherungssoldat eingesetzt, beschreibt seine Erfahrungen bei der Übung so: „Wir wussten schon in etwa, was auf uns zukommt. Aber das hier ist so realistisch, man vergisst völlig, dass es eine Übung ist und in den Waffen nur Platzpatronen sind“.

Plötzlich zerreißen Explosionen die Ruhe im Feldlager, Rauch breitet sich aus und Schreie hallen über das Gelände. Das Camp ist von außen mit Raketen beschossen worden, wie Rauchspuren am Himmel erkennen lassen. Das Zelt der afghanischen Soldaten wurde getroffen, Verwundete, übel zugerichtet, liegen im Schnee und krümmen sich vor Schmerz. „ISAF, ISAF, Help!“ schreien die Afghanen. Während Sanitäter sich um die Verletzten kümmern, wird der Konvoi zur Fahrt ins Feldlazarett zusammengestellt. Die Soldaten springen in die Fahrzeuge, nehmen ihre Positionen ein. Die Verwundeten werden aufgeladen und weiter versorgt. Dann brausen die Fahrzeuge durch das Tor. Die Gebirgsjäger ahnen nicht, dass sie auf halber Strecke ein Hinterhalt der Taliban erwartet, der weitere Opfer fordern und zu einem heftigen Gefecht führen wird.

Pressemitteilung Gebirgsjägerbrigade 23

Zurück zur Übersicht: Region Bad Reichenhall

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser