Von Powereltern und Schneckenkindern

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"Mein Gott, wie sehen die aus? Die sehen fertig aus", begrüßte Jan-Uwe Rogge die Zuhörer in Bad Reichenhall.

Bad Reichenhall - "Mein Gott, sie sehen fertig aus" - ein Drama in vier Akten mit Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge.

"Viel Spaß bei Erziehen" lautet der Titel eines Buches von Jan-Uwe Rogge. Der Familien- und Kommunikationsberater meint es ernst. Von Beginn seines Vortrags im Bad Reichenhaller Landratsamt an, lachen die Zuhörer. Teilweise stehen ihnen die Tränen in den Augen, teilweise friert das Lächeln ein. Kein Wunder, der 64-Jährige hält den anwesenden Eltern einen Spiegel vor.

"Nehmen wir an, sie sind so richtige Powereltern. Alles funktioniert und vor allem in rasendem Tempo und sie bekommen ein Kind. Es wird eine Schnecke. Eine Schnecke, die sich denkt, 'oh da vorne - drei Meter entfernt - steht ein Glas Orangensaft, das hätte ich gern. Aber bis ich da bin, ist Weihnachten.' Gott sei dank weiß das Schneckenkind, dass es nur einen Augenblick dauert, bis das menschliche Wesen mit Künstlernamen 'Mutter' fragt: 'Möchtest du ein Glas Orangensaft?' Und so wird es das ganze Leben laufen."

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Mit lächelndem Gesicht verspricht Rogge: "Auch Schnecken werden erwachsen, finden den Partner fürs Leben - ganz langsam natürlich - und pflanzen sich fort. Deren Kind ist dann allerdings hyperaktiv." Der gebürtige Niedersachse begründet, dieses gegensätzliche ganz einfach. "Petrus beobachtet uns, sieht, dass wir alles im Griff haben und im Griff haben wollen und sucht intensiv bis er in seiner Kinderschar den Kracher gefunden hat." Denn jeder bekomme so viel Kinder bis er ausgelernt habe.

'Im Guten' - ein Drama mit vier Akten

Was soll man lernen? Diese Frage wird der Familien- und Kommunikationsberater nicht direkt beantworten. Sein Vortrag besteht aus Beispielen, aus denen sich die Zuhörer selbst ihre Erkenntnis ziehen können. Mit 'guten Worten', wenn man es 'im Guten' versuche, komme man beispielsweise in ein Drama mit vier Akten:

1. Akt: der Bitte-Akt. "Räum bitte auf,..." Und das Kind antwortet klassisch: "Gleich, vielleicht, später, nicht jetzt,..." "Wenn sie etwas wollen, dann lassen sie bitte das Wort bitte weg!" So der Tipp des Experten.

2. Akt: 'Muss ich das noch zweimal sagen?' Und das Kind denkt sich, "du wirst es noch oft sagen."

3. Akt: 'Oder muss ich laut werden?' "Tust du ja eh nicht, denkst ja viel zu arg an die Nachbarn."

4. Akt: Aus der Haut fahren, neben sich stehen. "In fünf Minuten kommt die Alte und entschuldigt sich tausendmal."

Seine Worte unterstrich der Familien- und Kommunikationsberater mit entsprechenden Gesten.

"Aber Herr Rogge, was soll ich denn anders machen", lautet nach dieser Ausführung oft die Frage. Die klare Antwort: "Nichts!" Das müsse so sein. "Kinder lieben euch so. Sie können sich nicht vorstellen, dass Eltern pädagogisch wertvoll sind!" Außerdem gebe es das mehrere Säulen Prinzip, das früher mal gut funktioniert habe, bevor die Eltern alles 'im Griff' haben wollten. Wenn die eine Säule (beispielsweise die Eltern) doof war, ist man zur anderen (beispielsweise die Großeltern) gegangen. Und dann waren da noch Vereine, Freunde, Schule, Kindergarten,... Genau das sollten Eltern öfter tun, die Kinder abgeben, ihnen Freiheit geben, aber auch Verantwortung. "Wenn sie dankbar für ihr Kind sind und demütig, dass sie nicht alles können müssen, dann haben sie auch Spaß am Erziehen."

In der Kinder-Erziehung könne man nicht alles im Griff haben. Wichtig sei, dass der Spaß dabei nicht vergeht. In einem seiner ersten Bücher hat Rogge geschrieben: 'Jede Mutter hat das Recht auf zehn Fehler am Tag'. In einem späteren Buch sind es schon 25. "Nehmen sie das aus ihrer Sicht schlimmstes Versäumnis, eine Flasche Weißburgunder und prosten sie ihm zu", rät der 64-Jährige und entlässt die begeisterten Zuhörer mit den Satz: "Sie machen das toll, vertrauen sie sich mal."

Aktionswoche 'Junge Familie'

Der Vortrag von Jan-Uwe Rogge war der Auftakt zur Aktionswoche „Junge Familie“. Sie findet vom 22. bis zum 30. November im Landratsamt Bad Reichenhall statt. Besucherinnen und Besucher können sich über Angebote und Unterstützung für Familien mit Kindern im Alter bis zu etwa fünf Jahren informieren, mit den Kindern verschiedene Spielangebote ausprobieren und Vorträge oder Gesprächsrunden zu zahlreichen Themen „rund ums Kind“ kostenlos besuchen. Bei einer Verlosung zum Abschluss der Aktionswoche winken attraktive Preise. Nähere Informationen erhalten Sie im Folder zur Aktionswoche, der unter anderem bei den Gemeinden und Kindertagesstätten aufliegt oder unter www.familienfoerderung-bgl.de.

cz

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