Überlebenskampf - auch für die Familien daheim

Bad Reichenhall – Es war Anfang April, als sich Katharina S. (Name von der Redaktion geändert) von ihrem Mann verabschiedet hat. Er ist als Soldat im Afghanistan-Einsatz. Seitdem durchlebt sie eine Achterbahn der Gefühle.

„Die ersten Wochen habe ich mich nur verkrochen“, gibt auch Gabi L. (Name ebenfalls geändert) zu. Auch ihr Freund ist mit den Bad Reichenhaller Gebirgsjägern in Afghanistan. So einfach hat es Katharina aber nicht. Sie hat ein kleines Kind und muss deswegen den Alltag so gut es geht aufrecht erhalten. „Manchmal fehlt mir einfach die Kraft.“ Vor allem weil ihr ein großes Vorurteil in der Bevölkerung sauer aufstößt: „Die verdienen keinen Batzen Geld da unten. Wer arbeitet denn hier für 110 Euro 24 Stunden am Tag?“

So hoch ist der Zuschlag, den die Soldaten für den mehr als gefährlichen Einsatz erhalten. Und dieses Geld müssen sie zum Teil in Ausrüstung und vor allem in Telefonkosten investieren. „Im Lager in Masar-e Scharif gibt es ein Telefon, dort können wir kostenlos anrufen“, erklärt Gabi L. Das wird allerdings schwierig, wenn ihr Freund – wie seit fast acht Wochen – im Outback ist. „Sie können sich da unten eine SIM-Karte fürs Handy kaufen, die Kosten sind aber enorm“, erklärt Katharina. Ihr Mann kann sie für 50 Cent in der Minute anrufen. Ruft sie ihn am Handy an, kostet es zwischen einem und zwei Euro pro Minute. „Das habe ich nur einmal gemacht“, sagt Gabi, „das ist einfach zu teuer.“ Und um 18 Uhr Ortszeit wird außerdem in Afghanistan das Netz abgeschaltet, dann ist an Telefonieren nicht mehr zu denken.

Also bleibt dem jungen Paar nur das Briefe schreiben und natürlich schicken die Angehörigen fleißig Päckchen nach Afghanistan. „Mein Mann hat mir gesagt, es sei so schlimm, wenn einmal in der Woche die Post verteilt wird und er bekomme nichts, das sei nicht auszuhalten“, berichtet auch Katharina S. Neben der alltäglichen Sorgen macht sie sich natürlich täglich Gedanken über ihren Mann. Vor allem, wenn er schreibt, dass sie sich seit Wochen von Epa (Ein-Mann-Paket/Astronautennahrung) ernähren. „Ich habe ein riesiges Paket gepackt mit allen möglichen Lebensmitteln aus der Dose. Bei den Weißwürsten habe ich mich zwar zuerst geweigert, aber er wollte unbedingt welche“, lacht die junge Mutter. Selbst der Postbeamte muss sie bei dem Anblick des Neun-Kilo-Pakets gefragt haben: „Kriegen die da unten nichts zu essen?“

Eine Frage die sich auch Gabi und Katharina stellen. Manchmal möchten sie dann den Bundesverteidigungsminister beim Wort nehmen. Er war beim Abschiedsappell der Bad Reichenhaller Soldaten im Kurpark der Kurstadt und hatte den Angehörigen versprochen: „Wir sind für euch da.“ „Da möchte ich Karl-Theodor zu Guttenberg gerne mal einen Brief schreiben und fragen, warum mein Mann da unten nichts anständiges zu essen bekommt und warum er sich seine Ausrüstung zum Teil selber kaufen muss“, könnte sich Katharina ereifern. Und auch Gabi fragt sich, „warum in einem Zelt zwei Klimaanlagen stehen, während die eine in einem anderen Zelt ausgefallen ist.“ Bei 60 Grad Celsius und Zwölf-Mann-Zelten sei eine Klimaanlage manchmal überlebenswichtig.

Überlebenswichtig für Katharina und Gabi sind ihre Familien und Freunde. Ohne die wäre das lange Warten nicht auszuhalten. „Ich kreuze jeden Tag im Kalender ab und mein Kind hat einen eigenen, in dem jeder Tag abgestempelt wird“, zeigt Katharina die letzten Monate in ihrem Kalender und die kleine Schachtel, in der die Postkarten vom „Papa“ aufgehoben werden, steht daneben.

„Die schreibt er nur an unser Kind“, freut sich Katharina. Aber sie hat auch Angst. „Wie wird er zurückkommen? Wie soll ich mich verhalten?“, Fragen, die sich auch Gabi stellt. „Die leben da gerade ein ganz anderes Leben. Was erwarten sie sich daheim?“ Und Katharina ist sich sicher: „Ich werde nicht den Mann zurückbekommen, den ich im April verabschiedet habe.“

Seit kurzem weiß sie, dass er Anfang Oktober wieder nach Hause kommen soll. Die Vorfreude wächst mit jedem Tag, aber trotzdem wünscht sie sich manchmal mehr Zuspruch. „Es gibt eigentlich zwei Reaktionen. Entweder du wirst sofort bemitleidet, wenn du sagst, dass dein Mann in Afghanistan ist, oder es heißt nur: 'selbst schuld, ihr wusstet auf was ihr euch einlasst.'“ Das schockiert die junge Mutter dann. Vor allem weil sie sich oft selbst fragt. „Warum ist er da unten?“

Abschiedsappell im Reichenhaller Kurpark

„Die Kameraden meines Mannes sind sofort da, wenn ich sie brauche“, freut sich Katharina über die Unterstützung aus der Kaserne. Das kann Gabi nur bestätigen. „Die zurückgebliebenen Soldaten erkundigen sich immer mal wieder, wie es einem geht und ob man aus Afghanistan was gehört hätte.“ Aber wenn wirklich etwas passiert, dringen die Informationen nur sehr spärlich durch. „Sie sagen uns nichts, um uns zu schützen.“

Dabei wollen die beiden Frauen wissen, wie es ihren Männern ergeht. „Als im April die vier deutschen Soldaten gestorben sind, habe ich das zuerst gar nicht mitbekommen“, erzählt Katharina. Sie war unterwegs und ihr Mann hat ihr sofort eine SMS geschickt: „Alles in Ordnung.“ „Ich habe mir dann gedacht, natürlich ist alles in Ordnung.“ Als dann aber noch einmal das Telefon geklingelt hat und der erste Freund angerufen hat, ob alles in Ordnung ist, hat Katharina nachgefragt: „Was ist los?“ „Hast du nicht von dem Anschlag gehört? Vier deutsche Soldaten sind tot.“ „Da habe ich mich erstmal hingesetzt“, lässt Katharina die Gefühle noch einmal Revue passieren. „Ab da ist mein Telefon nicht mehr stillgestanden.“

Ob das wirklich ehrliches Interesse ist, oder auch Sensationslüste, ist sich Katharina manchmal nicht sicher. Aber von vielen erfährt sie echte Unterstützung. „Meine Freundin ruft mich jeden Tag an und beschäftigt mich.“ Und auch ihr Kind fordert vollste Aufmerksamkeit. „Unser Kind hat totale Verlustängste, wenn ich mal weggehe, kommt gleich die Frage: 'kommst du wieder?'.“ Natürlich kommt die Mama wieder. Und sie funktioniert auch jeden Tag. Nur manchmal bringt sie das ans Ende ihrer Kräfte. „Es fehlt einfach ein Teil von mir.“

Dieser Teil soll im Oktober zurückkommen. Hoffentlich unversehrt.

Christine Zigon

Rubriklistenbild: © pa

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