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Wenn die Mittel nicht mehr reichen

Tafeln im Berchtesgadener Land bereiten sich auf herausfordernden Herbst vor

Manfred Weber, Vorsitzender der Berchtesgadener Tafel.
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Manfred Weber, Vorsitzender der Berchtesgadener Tafel. 

Explodierende Energiepreise, sich verteuernde Lebensmittel: Die Befürchtung, dass im Herbst die Tafeln im Berchtesgadener Land viele neue Kunden bekommen könnten, ist groß.

Berchtesgadener Land - „Wir spüren die Inflation bereits jetzt, und dass das den Menschen deutlich zusetzt”, sagt Manfred Weber, 1. Vorsitzender der Tafel Berchtesgaden e.V.. Die fünf Vereine im Landkreis versorgen Woche für Woche mehr als 1200 Personen mit Lebensmitteln. Das ist mehr als ein Prozent der Landkreisbevölkerung.

Als der Kühlwagen am Rathaus von Berchtesgaden ankommt, ist es vor allem Obst und Gemüse, das der Tafel-Fahrer geladen hat. Für den Kühlwagen hat die Tafel lange Zeit Spenden akquiriert, Verhandlungen mit dem Hersteller geführt. Der Wagen sei alternativlos, wenn man eine Tafel betreibe, so der Vorsitzende.

„Jede Lieferung ist eine Wundertüte”, verdeutlicht Manfred Weber. Am heutigen Tag sei die Ausbeute an Essbarem überschaubar: Bananen, Tomaten, Salat, Pfirsiche. Dreimal die Woche fahren die ehrenamtlich Engagierten die Lebensmittelmärkte im südlichen Landkreis an und holen Waren, die zwar noch haltbar sind. Das Ablaufdatum liegt aber nicht mehr fern.

Weber hat die Berchtesgadener Tafel vor sieben Jahren übernommen. „Mir ging es immer gut, ich weiß aber, dass es Menschen gibt, die zu kämpfen haben”, sagt der 57-Jährige. Fragt man ihn nach den Beweggründen seines Einsatzes, antwortet er: „Ich bin ein sozial eingestellter Mensch.” Der Bedarf an Leuten wie Weber steigt.

Als vor einigen Jahren eine Seniorin aus Marktschellenberg zu ihm kam, um ihre Bedürftigkeit anzumelden, trug sie das Berchtesgadener Festtagsgewand. Weber beeindruckte das Auftreten der Seniorin und wie sie ihre Situation zu meistern versuchte. „Die Frau hatte nichts, was ihr am Ende des Monats blieb. 168 Euro waren es”, weiß Weber.

Fünf Tafeln gibt es im Landkreis: In Berchtesgaden, Reichenhall und Freilassing werden jeweils rund 400 Personen mit Lebensmitteln versorgt. Teisendorf zählt wöchentlich 100 Kunden, Laufen etwa 60. „Wir sind kein staatliches Angebot”, bekräftigt Weber.

In den knapp zwei Jahrzehnten, in denen es die Tafel in Berchtesgaden gibt, haben die Mitarbeiter ein Netzwerk aus Händlern, Spendern und freiwilligen Helfern geschaffen, das im Hintergrund unzähligen Menschen geholfen hat, über die Runden zu kommen. Die meisten der rund 60 Helfer sind im Rentenalter. In vier Teams sortieren sie montags, mittwochs und freitags frisch eingetroffene Ware. Einmal pro Woche, jeden Samstag, werden die geschnürten Versorgungspakete an Bedürftige ausgegeben.

Die aktuelle Situation gilt als schwierig. „Zur Zeit liegt vieles im Ungewissen. Wir können nicht abschätzen, wie sich alles weiterentwickelt”, sagt Manfred Weber. Wer zur Tafel geht, benötigt einen nachgewiesenen Grad an Bedürftigkeit. Das Haushaltseinkommen darf einen bestimmten Schwellenwert nicht überschreiten. Die Lebensmittelpreise sind spätestens seit Beginn des Ukrainekrieges explodiert. Es gibt nun staatliche Hilfspakete für die Bevölkerung, Bürgergeld soll ab 2023 Hartz-IV ablösen. All das müsse einkalkuliert werden. Und trotzdem gilt: „Wir lassen niemanden im Regen stehen. Wir gehen davon aus, dass jemand vor unserer Tür da nicht grundlos steht”, sagt der Tafel-Leiter.

Etliche Tonnen an Lebensmitteln wurden in den vergangenen Jahren verteilt, nur zu Beginn der Coronakrise blieb die Tafel in Berchtesgaden fünf Wochen lang geschlossen. „Die meisten unserer Mitarbeiter sind älter, das Risiko der Ansteckung wollten wir damals nicht riskieren”, so Weber. Eine Notrufnummer für Lebensmittellieferungen wurde daraufhin eingerichtet.

Engpässe in Sachen Nachschub gab es aber all die Jahre nicht. Lebensmittel-Discounter, Supermarktketten, örtliche Händler - sie alle geben, was im Markt nicht mehr verkauft werden kann: Obst, Gemüse, Ware, die kurz vor dem Ablaufdatum steht. Nur in Teisendorf hat man die Ausgabe auf einen zweiwöchigen Rhythmus gestreckt. Sonst würden die Lebensmittel nicht mehr ausreichen. In Berchtesgaden kaufen Tafel-Mitarbeiter dennoch mit Spendengeldern zu: Artikel wie Nudeln, Reis oder Öl, die jahrelang haltbar sind, gäbe es sonst nie im Angebot. Weber betont aber: „Wir sind kein Vollversorger, wir unterstützen nur.”

Der Verein ist für einen symbolischen Mietbetrag bereits vor langem im Rathaus von Berchtesgaden untergekommen. Dort stehen mehrere Kühltruhen und Kühlschränke, teils bis oben hin gefüllt: Die Molkerei Berchtesgadener Land, deren Waren deutschlandweit erhältlich sind, ist langjähriger regelmäßiger Unterstützer der Tafeln. Erst kürzlich hat sich Ferrero gemeldet. Der Schokoladen-Multi hat über die bayerische Tafel eine Großlieferung von Nutella-Produkten veranlasst - Süßes in sauren Zeiten -, die bei Manfred Weber nun, in Kartons verpackt, im rückwärtigen Bereich der Geschäftsstelle stehen und auf die Verteilung warten.

Der Herbst, prognostiziert Manfred Weber, könnte noch herausfordernd werden. Zum einen, weil die Verantwortlichen davon ausgehen, dass mehr Leute kommen als bislang. Zum anderen, weil Nachwuchs an freiwilligen Helfern so gut wie nicht existiert.

Die Zuversicht für die kommenden Monate hat Weber trotz allem nicht verloren. Es gibt nur zwei Gründe, wieso die Tafel schließen müsste: „Entweder bekommen wir keine Lebensmittel mehr geliefert oder uns gehen die Helfer aus.”

kp

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