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„Gesellschaft ist auf Preisexplosion nicht vorbereitet”

Preisexplosion - Tischumfrage unter heimischen Unternehmern: IHK Regionalausschuss BGL tagt online

Lieferprobleme haben beinahe alle Unternehmer im Landkreis Berchtesgadener Land. Sowohl Seefrachtcontainer als auch Lkw-Fahrten seien nur mit deutlichen Verzögerungen möglich.
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Lieferprobleme haben beinahe alle Unternehmer im Landkreis Berchtesgadener Land. Sowohl Seefrachtcontainer als auch Lkw-Fahrten seien nur mit deutlichen Verzögerungen möglich.

Facharbeitermangel, steigende Kosten, Rohstoffmangel. Die Prognosen klingen düster: Wie es um die Wirtschaft im Berchtesgadener Land steht, darüber sprachen die Mitglieder des IHK-Regionalausschusses. Bei einer Tischumfrage, die in einem Online-Gespräch stattfand, erklärten 15 heimische Unternehmer ihren Stand der Dinge.

Berchtesgadener Land - Christian Abel, Geschäftsführer der Wäscherei Abel KG in Anger-Aufham, sprach von „zusammengebrochenen Lieferketten“. Bis zu acht Monate müsste man derzeit auf eine Lieferung warten: „Die Textilien liegen irgendwo im Container und kommen nicht zu uns. Was da passiert, ist für mich nicht nachvollziehbar“, sagte Abel, der die größte Wäscherei des Landkreises betreibt. Riesige Probleme gebe es auch in der Belieferung mit Lkw. Hinzu kommt: „Die Energiekosten galoppieren uns davon.“ Mehrere Lohnerhöhungen unter den 230 Mitarbeitern drückten das Unternehmen „gewaltig”. Lediglich zwei Auszubildende hatten sich im vergangenen Jahr gemeldet. Zum vereinbarten Praktikumstermin seien beide nicht erschienen.

Florian Beierl, Geschäftsführer der Enzianbrennerei Grassl aus Berchtesgaden, sagt: „Wir hatten Glück während der Corona-Pandemie.” Alkohol getrunken wurde in den vergangenen zwei Jahren auch trotz des Virus. Schwierigkeiten verzeichnet Beierl aber mit den Rohstoffen: Getreide und Mais sind teurer geworden. Auch Energie- und Logistikpreise seien „Preistreiber” gewesen. Das schlägt sich auf die Verkaufspreise nieder. Im Handel herrsche aber die Auffassung, dass „wir als Hersteller die Mehrkosten schlucken sollten”. Der Auszubildendenstatus sei mit vier jungen Leuten gut. „Wo wir aber ein großes Problem erkennen, ist der Wohnungsmarkt in Berchtesgaden. Wir können bei der Wohnungssuche nicht behilflich sein, weil das Angebot einfach fehlt”, so Beierl. 

Franziska Böhnlein von Schnurrer Brennstoffe aus Berchtesgaden sagt: „Gewerbekunden haben keine Planungssicherheit wegen der Energie- und Spritkosten.” Der Kohleausstieg habe die Privatkunden „extrem getroffen”. Wegen der hohen Preise blieben die Kunden sparsam. „Sie machen den Öltank nicht mehr voll.” Pelletkunden hätten sich verdreifacht. „Aber die Hersteller kommen mit der Lieferung nicht hinterher.” 

Dr. Oliver Brosche aus Reichenhall vertreibt Taschen im großen Stil. Laut Internetseite fünf Millionen pro Jahr. „Wir Großhändler hängen am Einzelhandel.” Weil dieser während Corona stark betroffen war, hat auch das Geschäft gelitten. „Wir hatten extreme Kosteneinsparungen mit Kurzarbeit.” Reisen und Messen seien abgesagt worden. „Die Inflation spüren wir an allen Ecken und Enden.” Seefrachten aus China seien extrem teuer geworden: „Für Container hat sich der Preis fast verzehnfacht. Das haut extrem rein”, so Brosche. Dieser will sich von China langfristig wegorientieren, „wir schauen jetzt mehr in Richtung Türkei.

Werner Danzer von Danzer Ingenieure aus Freilassing sagt: „Wir haben null Bewerbungen auf Anzeigenschaltungen.” Da sein Team mit großen Datenmengen arbeite, seien die Mitarbeiter auf ein ausgebautes digitales Umfeld angewiesen. Allerdings lasse dies im Berchetsgadener Land manchmal zu wünschen übrig. Die Auftragslage sei zwar gut, doch Stahlpreiserhöhungen von rund 25 Prozent hätten deutliche Auswirkungen auf die Preise. 

Nadine Falkert, stellvertretende Direktorin der Steigenberger Akademie in Reichenhall, sagt: „Viele haben sich von der Branche, von Hotellerie und Gastronomie, abgewandt.” Schüler hätten weniger finanzielle Mittel zur Verfügung, um eine Weiterbildung zu zahlen. Die Branche habe deutlich an Attraktivität während der Corona-Pandemie verloren. „Die Schülerzahlen bei uns gehen zurück.” 

Josef Frauenlob, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Raiffeisenbak Oberbayern Südost, verwies auf „eines der besten Geschäftsjahre der Unternehmensgeschichte”. Er erwarte sich für die Zukunft „keine weltbewegenden Risikokosten”. Bei der Bank setze man auf das Thema Ausbildung. Alle zehn Plätze konnten besetzt werden. „Der Aufwand, dass das klappt, ist heutzutage aber deutlich höher als früher.” Frauenlob sagt: „Die Inflation beschäftigt uns zunehmend.” Die Prognose: „Wir werden eine Zäsur erleben. Die private Finanzierung wird teurer werden.” Die VR Bank plant in der Region mehrere Bauvorhaben. Die Genehmigungsprozesse seien „kompliziert”. 200 Wohnungen zur Vermietung sollen entstehen. Doch die Preise steigen. „Wir sind uns nicht mehr sicher, ob unsere Projekte zur Vermietung wirtschaftlich realisierbar sind.” Frauenlob habe sich deshalb bereits von einem Bauvorhaben abgewandt.

Christoph Graschberger, Geschäftsführer des Bürgerbräu Bad Reichenhall, sagt: „Die Pandemie hat uns mit voller Breitseite getroffen.” Die Quarantäne-Regelungen gefährdeten den Geschäftsbetrieb. „Welche Flexibilität derzeit erbracht werden muss bei Unternehmen, ist wirklich enorm.” Um sich „einigermaßen über Wasser zu halten, nutzen wir alle zur Verfügung stehenden Mittel”. Graschberger beschäftigt vor allem die Personalsituation: „Unsere Leute im Unternehmen zu halten, ist schwierig.” Einen Bierfahrer zu finden, sei heutzutage beinahe unmöglich, „selbst wenn wir anbieten, den Führerschein zahlen zu wollen, zieht das nicht”. Derzeit stünde die Brauerei in Preisverhandlungen. Graschberger kündigte an, dass sich „die Bierpreise schon bald nach oben bewegen werden”. 

Helmut Gumpinger vom Autohaus Bachfrieder in Piding sprach von „langen Wartezeiten bei der Lieferung von Pkw und für Ersatzteile”. Die Lieferproblematik habe sich in den vergangenen Wochen nochmals verstärkt. Preiserhöhungen würde der Händler an den Kunden weitergeben müssen. Gumpinger prangerte die Demotivation und Unzuverlässlichkeit bei Auszubildenden an: „Was da zum Teil passiert, ist der Wahnsinn. So viele Fünfer und Sechser in der Berufsschule habe ich noch nie gesehen.”

Bernhard Heitauer aus Bischofswiesen führt ein Bagger- und Fuhrunternehmen an, zudem betreibt er die Götschen Skilifte. Heitauer sagt: „Wir hatten im Baggerbetrieb das umsatzstärkste Jahr der Firmengeschichte.” Dies habe an vielen öffentlichen Aufträgen gelegen. „Dieses Jahr könnte das Bild anders aussehen”, prognostiziert der Unternehmer. Die Kraftstoffpreise, von denen er abhängig ist, seien „exorbitant gestiegen”. Angebote für öffentliche Ausschreibungen für dieses Jahr habe Heitauer „alle verloren”. Derzeit wisse er nicht, „wie das weitergehen soll”. Große Lieferschwierigkeiten stellt der Bischofswieser bei Lkw fest. Der von ihm betriebene Steinbruch in Bischofswiesen stehe vor dem Aus, „uns geht das Material aus”. Eine seit Jahren geplante Erweiterung des Steinbruchs scheitere an Naturschutzverbänden, „die im Laufe der Jahre mit den Einwänden alles kaputt gemacht haben”. Schon bald müsse das südliche Berchtesgadener Land mit Sand und Kies „von außerhalb” beliefert werden, sollte der Steinbruch nicht erweitert werden können. Die Lücke, die gerissen werde, werde „über Jahrzehnte spürbar sein”. 

Werner Schmölzl vom gleichnamigen Bauunternehmen in Bayerisch Gmain sagt: „Uns gehen in den nächsten Jahren die Rohstoffe im Landkreis aus.” Damit schlägt er in dieselbe Kerbe wie Bernhard Heitauer. „Künftig werden tausende Kiesfahrten von außerhalb kommen müssen.” Schmölzl prognostiziert „massive Einschränkungen und Teuerungen, die auf Bauwillige zu kommen werden”. Die gestiegenen Kosten müsste er als Unternehmer weitergeben. „Die Politik fordert, in Zukunft nur Recyclingmaterial zu verwenden. Wir leben in einer Biosphärenregion. Bei öffentlichen Ausschreibungen rümpfen die Verantwortlichen dann aber die Nase.” Weltfremde Einstellungen hätten mittlerweile die Oberhand gewonnen. „Wir hatten als Bauunternehmen wirklich gute Jahre. Aber der Zenit ist überschritten”, sagt Schmölzl. Angebote und auch die Nachfrage der Kunden seien rückläufig. Hinzu kommt: „Die Österreicher drücken mit Fantasiepreisen in den Markt hinein.” Schmölz übt Kritik an der Politik, an fehlenden Leitfiguren, denn die Unsicherheiten in seiner Branche in Bayern seien groß. „Die Gesellschaft ist auf die Preisexplosion, die sie erwartet, nicht vorbereitet. Wie die Leute das alles zahlen sollen, das weiß niemand”.

Stefan Zapletal vom Alm- und Wellnesshotel Alpenhof in Schönau am Königssee sagt: „Unser Team hat so viel Arbeit wie noch nie.“ Jedoch: Niemand ist da, der die Arbeit verrichten möchte. Du kannst ihnen bieten, was du willst, es spielt keine Rolle mehr.“ Während der Pandemie seien viele auf verkürzte Arbeitszeiten gewechselt. „Sie wollen auch zukünftig weniger arbeiten.“ Für das Personal Unterkünfte zu finden, sei unmöglich. Neues Personal rekrutieren? „Wir finden niemanden, der bei uns arbeiten möchte.” 

kp

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