Luchs im Berchtesgadener Land auf dem Vormarsch

"Kommt der Luchs, bedeutet das das Ende für unsere Schafe"

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Manfred Wölfl ist Experte für alles rund um den Luchs. Er möchte die scheuen Tiere wieder alpenweit ansiedeln.

Landkreis - Dass das Miteinander zwischen Beutegreifern wie dem Luchs und dem Menschen mitunter schwierig ist, berichtete Diplom-Biologe und Luchsexperte Dr. Manfred Wölfl vom Landesamt für Umwelt jüngst vor rund 150 Zuhörern im Nationalparkzentrum "Haus der Berge".

"Der Luchs ist auf dem Vormarsch", erklärt Diplom-Biologe Dr. Manfred Wölfl, der das "Luchsprojekt Bayern" leitet. Er ist es auch gewesen, der damals die vier abgetrennten Vorderbeine eines Tieres gefunden hat. Für Bezirksalmbauer Kasper Stanggassinger bleibt trotzdem klar: "Kommt der Luchs, bedeutet das das Ende für unsere Schafe." Wie kann das Zusammenleben also funktionieren?

Seit dreißig Jahren beschäftigt sich Manfred Wölfl mit dem Luchs, jenem faszinierenden Tier, dessen Versteckkünste einmalig sind. "Ich habe in drei Jahrzehnten erst einmal einen Luchs live gesehen", sagt der Experte, der mit seiner Familie im Bayerischen Wald wohnt und sich seit vielen Jahren für die Rückkehr der als scheu bekannten Raubkatze einsetzt.

Manfred Wölfl gilt als Koryphäe unter den Beutegreifer-Experten. Immer, wenn es um Wolf, Bär oder Luchs geht, ist es Manfred Wölfls Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Emotionen nicht zu hoch kochen. Denn die Beziehung zwischen jenen Raubtieren und den in nächster Nähe wohnenden Einheimischen gilt als angespannt.

Als Bär Bruno in Bayern 2006 für Furore und Schlagzeilen gesorgt hat, ist es Manfred Wölfl gewesen, der als fachlicher Berater engagiert worden ist. Manfred Wölfl achtet daher ganz besonders auf seine Wortwahl, um den seltenen Luchs nicht schon im Vorfeld zu verurteilen. Auf das Wort "Raubtier" verzichtet er - "das gehört zu meiner Worthygiene."

Manfred Wölfl wohnt mitten im Luchsgebiet, nur zehn Minuten entfernt von einer Fotofalle, die er betreut. Er hat im Laufe der Jahre zahlreiche Fotos und Videos von Luchsen aufgenommen, die nicht nur im Bayerischen Wald unterwegs sind.

Der Luchs gilt als streng geschütztes Tier, das lange Zeit von der Bildfläche verschwunden gewesen ist. Die letzten Aufzeichnungen des Tieres im Berchtesgadener Land stammen aus dem Jahr 1855.

Immer wieder Sichtungen nach letzten Aufzeichnungen 1855?

Zwar hat es auch in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder Hinweise auf Luchssichtungen gegeben, erklärt der ehemalige Nationalpark-Chef Dr. Hubert Zierl. Für Manfred Wölfl sind Sichtungen aber noch lange kein Beweis.

Der Diplom-Biologe benötigt sogenannte "hard facts", also überprüfbare Spuren wie genetisches Material oder Lichtbildaufnahmen, um die Präsenz des Luchses als solche auch feststellbar zu machen. "Wenn etwas nicht überprüfbar ist, ist es kein Nachweis", sagt Manfred Wölfl.

In Bayern gibt es deshalb ein Netzwerk aus 150 Ehrenamtlichen, darunter Berufsjäger und Naturschutzvertreter, die mögliche Hinweise auf den Luchs dokumentieren. Der geschützten Tierart ein Bleiberecht zu verschaffen, das ist auch das Ziel, das Manfred Wölfl verfolgt.

Luchs wieder im gesamten Alpenraum ansiedeln

In den vergangenen Jahren sind daher mehrere Maßnahmen unternommen worden, den Luchs wieder anzusiedeln. So werden etwa seit 2016 im Pfälzer Wald wieder Luchse angesiedelt, zwanzig Stück an der Zahl. Im Harz sind seit der Jahrtausendwende 24 Zootiere heimisch gemacht worden. Im Schwarzwald findet seit 2014 die Zuwanderung mehrerer Kuder, also männlichen Tieren des Eurasischen Luchses, statt.

Luchse beanspruchen große Gebiete für sich, in der Regel rund 100 Quadratkilometer. "Will man im gesamten Alpenraum den Luchs heimisch machen, bräuchte man rund 1.000 Tiere", erklärt Manfred Wölfl. Das katzenartige Tier mit den kennzeichnenden Pinselohren sei ein "schlechter Ausbreiter mit wenig Nachwuchs".

Natürlich erschwert dies die Rückkehr des Luchses, der seit Jahrhunderten zudem gejagt wird. Manfred Wölfl macht daraus auch keinen Hehl, auch wenn er nur ungern über jene Begebenheit spricht, die dem Tierfreund damals schwer zugesetzt hat.

Verstümmelten Luchs gefunden

Er ist es gewesen, der 2015 jene vier Luchs-Vorderbeine gefunden hat, als er eine Fotofalle für Wildtiere in der Nähe seines Hauses überprüfen wollte. Die Luchs-Beine stammten von mehreren Tieren, waren offensichtlich abgetrennt und dann platziert worden.

Und auch der Fund von Luchs Alus im vergangenen Jahr im Saalachsee beschäftigte den Beutegreifer-Experten von Anfang an. Noch immer ermittelt die Staatsanwaltschaft. Das Tier war ohne Kopf und Vorderpfoten aufgefunden worden.

Nicht abschließend geklärt worden ist bislang, wie der Luchs zu Tode kam, ob eine "menschliche Manipulation" stattgefunden ha t - die vorsichtige Ausdrucksweise für eine Tötung - oder doch ein Bagger bei Bauarbeiten für das Abtrennen des Kopfes und der Vorderbeine verantwortlich ist. Letztere Variante gilt unter Experten als wenig nachvollziehbar, da der Luchs bei vielen als potenzielle Gefahr gilt und dem Jagdrecht untersteht.

Bis zu fünfstellige Belohnungen

Luchse zu schießen, gilt dennoch als Straftat und wird mit Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren geahndet. In mehreren Fällen sind fünfstellige Belohnungen für Hinweise auf mögliche Täter ausgesprochen worden.

Manfred Wölfl hat eine ganz besondere Verbindung zu dem seltenen, bis zu 25 Kilogramm schweren Beutegreifer, der weitestgehend lautlos durch die heimischen Wälder schleicht und wenig Aufsehen um seine Existenz macht. "Manchmal öffne ich unser Schlafzimmerfenster und höre Schreie. Mit meiner Frau betreibe ich dann Rätselraten, ob es ein Luchs oder ein Fuchs war", erzählt Manfred Wölfl mit einem Lächeln und signalisiert dabei, dass das Tier mehr ist, als eine Gefahr für Wildtiere.

Im Grunde genommen sei der Luchs einer, der dazugehört, der immer heimisch gewesen ist, aber wegen der Menschen verschwinden musste.

Landwirte sehen sich in Existenz bedroht

Ähnlich wie die Luchs-Ausbreitung wird auch der Fischotter-Vorstoß im Berchtesgadener Land gesehen. Ob Landwirt oder Teichbesitzer - man sieht sich in seiner Existenz bedroht. Überspitzt ausgedrückt bringt Manfred Wölfl die Sache auf den Punkt: "Wer Luchse liebt, scheut sich nicht um Rehe - wer Rehe mag, lehnt Luchse ab."

In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Ausgleichszahlungen auf bayerischem Gebiet gegeben, als etwa ein Luchs in einer Nacht neun Stück Damwild riss. Bei Luchs Gustav im Naturpark Steinwald ist diese Gefahr nicht gegeben. Manfred Wölfl hat das zahme Tier, das bei Menschen aufwuchs und dann ausgesetzt wurde, selbst getroffen. "Ein cooler Typ, der nach Futter bettelt", sagt der Biologe.

"Der Luchs hat hier nichts verloren"

In einem kurzen Video gibt er Eindrücke von jenem Tier, "das in der freien Wildbahn nichts verloren hat und hier womöglich verhungern würde". Es gibt Fotos, auf denen Gustav mit dem Hund eines Jägers spielt. Dass sich der Luchs auch in der Berchtesgadener Region wieder ansiedelt, sei nicht ausgeschlossen. In einem Gedankenspiel, das Manfred Wölfl auf einer Folie festgehalten hat, zeigt er mögliche Verbreitungsgebiete in der Region, steckt Gebietsgrenzen ab.

Rund zehn weibliche und fünf männliche Luchse hätten dort Platz. Dieser Gedanke stößt Bezirksalmbauer Kasper Stanggassinger ganz gewaltig auf: "Der Luchs hat hier nichts verloren", sagt er. Vielmehr sei er eine Gefahr, vor allem für Schafe. "Wir müssen unser Haus und den Hof doch schützen", sagt eine Zuhörerin. Die Diskussion ist emotional. Für Manfred Wölfl bedeutet das noch viel Arbeit.

Kilian Pfeiffer

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